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Full text of "Schwarze Faden - Zeitschrift Nummer 0-77"

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EDITORIAL 

Liebe Freunde, wir wissen, während wir diese 
Nummer des SF produzieren, daß wir hoff¬ 
nungslos inaktuell sind angesichts der Kata¬ 
strophe in Tschernobyl. Daß wir beim Lay- 
Out mit 20-facher Radioaktivität belastet, un¬ 
gläubig auf die Maisonne schauen, auf die wir 
ja nun weiß der Teufel lang genug gewartet 
hatten. Daß diese Nummer in drei Wochen er¬ 
scheinen wird, es also sinnlos ist, etwas zu 
schreiben, wo sich stündlich der Informations¬ 
grad ändert. Wir wissen um die vermutliche 
Vergeblichkeit unserer utopischen Wünsche 
und Ansprüche an eine zukünftige Gesell¬ 
schaft angesichts von dieser und weiteren dro¬ 
henden Verstrahlungen, deren Folgen noch 
nicht abschätzbar sind. Wir erleben jedoch 
auch den unverschämten Herrschaftsan¬ 
spruch dieses Staates, der in dem Moment für 
zwei Tage die Berichterstattung über die wirk¬ 
lichen »Werte« stoppte, als die Werte in Re¬ 
gensburg um das 45-fache gestiegen waren. 
Wir erleben, was es bedeutet, wenn Orwell- 
sche Worthülsen mit 3/4-Nachrichtensperre 
vermischt werden. Wer diese aufgezwungene 
Ohnmacht satt hat, diese Mißachtung der 
»Bürger« fühlt, sollte jetzt seine »Gebunden¬ 
heit« in vielen Bereichen überprüfen und sich 
fragen, ob er nicht doch - politisch und prak¬ 
tisch - sehr viel mehr tun kann. Wenigstens 
die WAA verhindern, allerwenigstens Zim¬ 
mermann von seinen Funktionen entbinden, 
er trägt daran viel zu schwer. Wir produzieren 
- mit lauem Gefühl - auch diese Nummer des 
SF. Trotzdem! 


INHALT 


Aktueller Teil: 

A-Szene 

SBU-Aktionen ctc. 

Kritik an GRÜNEN u.a. 
Gramsci und die SPD 
VOBO wieder neu! 
Staatskritik 

Historischer Teil: 

Interview mit Clara Thalmann 
Mujeres Libres 
Kulturpolitischer Teil: 
Stammheim, das Buch 
Stammheim, der Film 
Franz Jung 
Bücher 

Kleinanzeigen 

Kurzmcldungen/Tcrminc 

Diskussionsteil: 

Kritik an den Liberlarians 
Antisemitismus in der Linken 
Bookchins Kommunalismus 
Barclays »Anarchien« 

Liebe und Anarchie, Teil 3 


Titelphoto: Jacques-Henri Lartigue 



HERAUSGEBER: FLI - Forum für libertäre Infor¬ 
mationen 

V.i.S.d.P .: Horst Blume, Schleusen weg JO, 4700 
Hamm; namentlich gezeichnete Beiträge stehen unter 
der Verantwortlichkeit der Verfasser und geben nicht 
die Meinung der Herausgeber oder des presse recht¬ 
lich Verantwortlichen wieder . Eingesandte Artikel 
werden diskutiert; über einen Abdruck entscheidet 
die Redaktion der jeweiligen Nummer; ein Anspruch 
auf Abdruck besteht nicht; Abdrucke erfolgen hono¬ 
rarfrei. Nachdrucke sind gegen Quellenangabe und 
Belegexemplare ausdrücklich erwünscht! KN AST¬ 
FREI EX EM PL ARE bleiben solange Eigentum des 
Verlags, solange sie nicht dem Gefangenen ausgehän¬ 
digt sind. Eine Zur-Habe-Nahme ist keine Aushändi- 
gung! 

Auflage: 2200 Exemplare; Redaktion: Horst, Wolf¬ 
gang, Herby, Fri, Uli . Satz, Lay Out und Vertrieb: 
Trotzdem* Verlag, Grafenau-I; Druck: Druckcoo- 
perative Karlsruhe; Weiterverarbeitung: Libellus- 
Vcrlag, Stuttgart; Erscheinungsweise: vierteljährlich; 
Photos: sofern nicht anders gezeichnet Manfred 
Kampschulte, Leverkusen; Photos zum Thaimann- 
Interview von Christian Carnot, Nizza. 

AInmncmentsgebiihren: 15.-DM für 4 Nummern 
(Bezahlung im voraus; automatische Verlängerung 
nach Ablauf des Abo-Zeitraums, d.h. bitte gebt uns 
schriftlich Bescheid, wenn ihr den SF nicht mehr be¬ 
ziehen könnt oder wollt.) Anzeigenpreise- I Spalte • 
100.-DM + MWST; 112 Seite: 200. -DM; 1 Seite:500.- 
DM. SF-Konto: F.Kamann - PSK Stuttgart - Ktonr 
574 63 -703; Anarchistische und alternative Klein ver¬ 
lage erhalten 20% Rabatt, Dauerkunden 50%. Re¬ 
daktionsanschrift: SCHWARZER FADEN - RE¬ 
DAKTION, Postfach, 7031 GraJ'enau-1; Tel 07033! 
44273; ISSN: 0722-8988. ' 


Einzelnummer: 5. -DM 
4 Nummern: 15.-DM 
8 Nummern: 30. -DM 

Probenummer (ältere Ausgabe!) nur gegen Rückpor¬ 
to! 

Sondernummer /I RBEIT 5.-DM 
Sondernummer NO STA LG IE 10.-D M 
Bezahlung: Bitte, vor der 1. Lieferung, 
bzw. bei Verlängerung des 
ABOS nach der letzten Nummer 
des alten Zeitraums. 

Ihr erspart uns viel Arbeit, 
wenn ihr bezahlt, 

ohne die Rechnung abzuwarten. Merci! 
Postscheckamt Stuttgart t F. Kamann, 

Kontonummer: 57463- 703 

Redaktionsschluß Nr.22:1.7.86 
Anzeigenschluß Nr.22:15.7.86 


Staatsterrorismus 

Das Photo zeigt Nikos Kokalis, einen 18-jähri- 
gen griechischen Anarchisten, kurz nachdem 
er vor seinem Haus von einem hausdurchsu¬ 
chenden Polizisten niedergeschossen worden 
war. Nikos überlebte, weil die Kugel glück¬ 
licherweise durch die Schulter wieder austrat. 
Die Durchsuchung des Hauses stand in Zu¬ 
sammenhang mit einer Aktion gegen Anar¬ 
chisten. Nach einem Bombenanschlag auf ei¬ 
ne Athener Bank wurden 52 Genossen vor¬ 
übergehend festgenommen, da keinem etwas 
nachzuweisen war, mußten sie allerdings wie¬ 
der frcigclasscn werden. Der schießwütme 
Polizist, gegen den kein Verfahren eingclcitet 
wurde, mußte lediglich erklären, er habe ge- 
g aubt Nikos sei rauschgiftsüchtig und habe 
sich zur Flucht gewandt. - Keine gute Zeit für 
Genossen in Athen. . 


Spendenliste ^ 

Wie immer bedanken wir uns herzlich bei den 
jemgen, die unsere Arbeit durch Spenden un 
erstützen. Insbesondere dieses Mal bitten wi 
verstärkt um eure Hilfe! 

Der Grund ist der, daß in Berlin ein für un: 
wichtiger Alternativbetrieb Konkurs anmel 
den mußte: Der REGENBOGEN-Buchver 
trieb. 

Im M «nient sieht es deshalb so aus, daß der SI 
^''^M, der Trotzdem-Verlag zWischer 
IL- und 2760.-DM »abschreiben« muß. 
eides bringt uns in erhebliche Schwierigkci- 
en, weil wir so z.B. die regelmäßigen Druk- 
kerraten kaum bezahlen können. Geht man 
von 5000.-DM Selbstkosten pro Nummer des 
aus, die durch den Verkauf gerade eben 
gedeckt werden, so wißt ihr, was 70Ö.-DM für 
uns bedeuten. Trotzdem, wird es natürlich 
we* ergehen, irgendwie; am besten aber mit 
eurer Hilfe! 

Spenden: W.L.. Nienburg 10,; F.-J.M.. 
5°,ü ,m “ nd 2 °" DM ' O.V., Trittau 25.-DM; 

tn I ^-l N tnn bCrg 75>S M * D *’ Krcfcld Na ' 

o.K°h, 00, : J.s..Bc r|in 5, ;B .K.,Wupper- 

tV‘’v h ; s “ Brcmcn 3 - K - G -Essen 5 *- ; 

p' ’’ U), ng cn 5.-; K.H., Ncrcshcim 5.-: 
Eitorf 13.-; R.K., Schwanstetten, 20.- 









Terror Dem Terror Dem Terror Dem . . . 

Man wedelt damit herum. Kein Wort fällt öf¬ 
ter. Keine Schlagzeile, die es ausläßt und kei¬ 
ne Kanzlerrede, die es nicht beschwört. Wir 
kennen das Wort zu Genüge - seit Jahren. 
Nur diesmal sind nicht wir gemeint, sondern 
Gadafi, Gaddafy, Ghaddafy, Khaddafy; also 
eben der, bei dem sich die deutsche Presse, 
nicht mal mehr die Mühe gibt, herauszufin¬ 
den , wie er sich nun eigentlich schreibt. Es be¬ 
trifft ihn, von dem sie dachten, sie hätten ihn 
schon, und hatten doch nur seine kleine Toch¬ 
ter. 

Ein Angriff auf ihn ist kein Angriff - son¬ 
dern nur eine »ernste Mahnung«, und wenn es 
die UNO anders sieht, kommt die Phalanx der 
Vetos. Ein Veto der Macht hat immer recht. 
Für den nicht in der Völkergemeinschaft an¬ 
gesiedelten »Hort des Bösen« gelten da die 
üblichen Maßstäbe. 

Amerikanische Sport(sic!)-unternehmer 
setzen inzwischen Kopfgelder auf ihn aus; da¬ 
bei wird das Preisgeld umso höher - je mehr 
Zuschauer die Stadien besuchen. Klar, daß 
viele Amerikaner dann gerade dort hingehen; 
der Mörder wird nun in ihrem Auftrag han¬ 
deln. Terror dem Terror dem Terror . . . 

Der »freiheitliche Westen« schottet sich 
mit immer noch wachsender Selbstgerechtig¬ 
keit ab. Da dürfen dann auch die deutschen 
Biedermänner der >Zu-Spät-Geborenen-Ge- 
ncration< wieder dazugehören, und an ihre er¬ 
folgreiche innenpolitische Terrorismushyste¬ 
rie des »deutschen Herbstes« 1977/78 anknüp¬ 
fen . Endlich läßt sich der Sinn unserer inländi¬ 
schen Sicherheit demonstrieren. Es ist wieder 
Gesichtskontrolle angesagt. Angst und Mi߬ 
trauen aber, stärken staatliche Macht, und 


wenden sich letztendlich gegen die »so Be¬ 
schützten« selbst. Nicht umsonst bringt die 
BRD-Regierung die laxen Südeuropäer in der 
EG sicherheitspolitisch erfolgreich auf Vor¬ 
dermann. Das Organisierte an dieser politi¬ 
schen (Medien-)Kampagne fällt ins Auge - 
denn auf Terroristen darf man nun schießen, 
selbst wenn es Unschuldige kostet; und wie 
schnell ist man hierzulande >Terrorist< . . . 

Es werden »Hintergrundsberichte« ge¬ 
zeigt, die mehr verschweigen als berichten - 
u.a. fehlte dies, daß der libysche Botschafts¬ 
angehörige, der die englische Polizistin er¬ 
schossen hat, nach seiner Rückkehr nach Li¬ 
byen dort zum Tode verurteilt wurde. Also 
muß Libyens Staatschef ihn (für deutsche Me¬ 
dienkonsumenten) zurück beordert haben, 
um ihn zu »feiern«. Terrorismus wird so aus 
aller politischen Diskussion herausgelöst und 
entspringt eben den niederen Instinkten, der 
heimtückischen Mentalität der Unkultivier¬ 
ten, der verhetzten Fanatiker - versucht man 
nicht nur in Amerika zu suggerieren. 

Gegen die helfe dann wirklich keine politi-' 
sehe Lösung mehr, sondern nur noch kalte 
Gewalt. Der amerikanische CONTRA-Ter- 
ror in Nicaragua sei deshalb auch kein Terror, 
weil er ja dem »Terror« gilt. 

Der Begriff hat eine schleichende Umbe¬ 
stimmung durchgemacht, wobei einerseits die 
begriffliche Unterscheidung zwischen Terror 
und Attentat völlig verwischt worden ist - an¬ 
dererseits die spezifische Ausprägung des 
Terrors aus nationalen Motiven nicht mehr 
von Aktionen aus sozialen Beweggründen un¬ 
terschieden wird. Zum »Terror« wird heute 
tendeziell alles erklärt, was sich herrschenden 
Interessen widersetzt. (So brachte es sogar die 
biedere deutsche Friedensbewegung bis zum 
»Meinungsterror«!) 


3 

Dabei war Terror ursprünglich immer 
Staatsterror. Denn nur der Staat hatte den 
Machtapparat, größere Menschengruppen zu 
terrorisieren. (Haben etwa die Zarenattentä¬ 
ter den später ermordeten Zaren »terrorisie¬ 
ren« können?) Und ist es nicht etwas völlig an¬ 
deres, wenn der Kampf einem terrorisieren¬ 
den Machtapparat gilt, als wenn aufgrund na¬ 
tionaler Motive ein gesamtes anderes Volk 
auf der Abschußlinie steht - wie »die Ameri¬ 
kaner, die Engländer . . .« Wenn dabei, wie 
im Libanon die Wut ausgerechnet britische 
Lehrer, Journalistem trifft - nur weil sie Bri¬ 
ten sind und man an Margret Thatcher nicht 
herankommt? Wenn es jeden Amerikaner 
treffen kann, egal wie er persönlich zur Politik 
seiner Regierung steht, wie und wo er sich im 
alltäglichen Leben engagiert? 

Attentate als oft verzweifeltes letztes Mit¬ 
tel völlig an den Rand gedrängter Gruppen, 
um der »zivilisierten Welt« nicht zu erlauben, 
dieses Leiden wegzuwischen, weil es gerade 
nicht ins strategische Kalkül paßt (wie im Fall 
der Armenier) - werden immer unterschieds¬ 
loser begangen. Nicht zuletzt aufgrund der es¬ 
kalierenden Politik der imperialistischen 
Staaten selbst, die im Gefühl der absoluten 
Überlegenheit kein Interesse an anderen als 
ihnen günstigen Lösungen mehr zeigen. Die¬ 
ser Terror kommt ihnen gelegen - läßt er sich 
doch in Hysterie und damit in innenpolitschen 
Gleichklang ummünzen. Hysterie und den 
Ruf nach dem starken Mann wollten aber 
auch faschistische Terroranschläge immer er¬ 
zeugen. 

Für Anarchisten wird es damit notwendig, 
und nicht nur im eigenen Interesse, für diese 
neue innenpolitische Offensive zu sensibilisie¬ 
ren - den Medienterror auch als solchen zu be¬ 
nennen. 

















btr.:A-Szene 



Anarchistische Föderation Nordbayern ge¬ 
gründet! Vom 14.—16.2. trafen sich auf Initia¬ 
tive der Anarchistischen Gruppe Bamberg, 
Anarchisten aus der nordbayrischen Region. 
Das Treffen sollte dazu dienen, die Menschen 
kennenzulcmen, die in Nordbayern freiheitli¬ 
che Politik betreiben. Weiterhin wollten die 
Initiatoren mit den bestehenden Gruppen klä¬ 
ren, ob und wie sic in Zukunft ihre Kräfte 
koordinieren und organisieren können. 

»Ein großer Nachteil der Anarchisten be¬ 
stand darin, daß sie seit der Gründung der 
BRD nicht fähig waren, sich eine angemesse¬ 
ne (freiheitliche) Organisation zu schaffen, 
auf deren Basis sic sich und damit auch die 
Anarchie weiterbringen konnten. Lange ge¬ 
nug haben Anarchos isoliert in den Städten 
vor sich hingcwurschtelt. Kontakte; die zu an¬ 
deren entstanden, blieben in der Regel ohne 
größere Konsequenzen für eine regionale/ 
überregionale Zusammenarbeit. Damit ver¬ 
urteilen wir uns zu einer Bedeutungslosigkeit, 
über die sich unsere Gegner nur freuen kön¬ 
nen. Wenn wir unsere Utopie realisieren wol¬ 
len, können wir nicht auf diesem Niveau der 
Organisation stehenbleiben. Zeigen wir, daß 
und wie eine anarchistische Organisation, oh¬ 
ne Hierarchien und Funktionäre, arbeitet. 

Eine Föderation soll Diskussionsprozesse 
zwischen den Gruppen fördern, soll dazu das- 
ein, sich gegenseitig zu helfen und gemeinsam 
in die Phalanx der Herrschaftsgläubigen ein¬ 
zubrechen.Eine Föderation kann ein Werk¬ 
zeug sein, die Ideen der Herrschaftslosigkeit 
zu verbreiten. Auch kann sie eine Anstek- 
kungsgefahr für Leute bedeuten, die die Rea¬ 
lität der BRD überwinden wollen. Wir bieten 
allen versprengten Einzelkämpfern und 
Gruppen die Möglichkeit gemeinschaftlich 
Antipolitik zu treiben. 

Die Föderation soll nicht nur auf dem Pa¬ 
pier stehen, wir wollen gemeinsame Aktionen 
durchführen, die von allen Gruppen getragen 
werden. Eine Weiterentwicklung der Födera¬ 
tion kann nicht nur verbal stattfinden, im Ge¬ 
genteil wir müssen uns durch unsere Praxis be¬ 
stimmen und die Föderation somit auch greif¬ 
bar und angreifbar machen. 

Uns ist allerdings klar, daß eine AFNB al¬ 
lein zu wenig ist, deshalb werden wir versu¬ 
chen, die Idee der Föderation anderen 
schmackhaft zu machen, mit dem Ziel, die 
ganze BRD mit anarchistischen und sonstigen 
Föderationen zu verseuchen. Überregional 
wird die AFNB Kontakte zu anderen Födera¬ 
tionen (Norddeutschland, Ruhrpott) und zu 
anderen anarchistischen Organisationen auf¬ 
nehmen. Wichtig ist uns auch der Austausch 
von Propagandamaterial (Videos, Referate 
etc.), da es meist für Gruppen zu teuer ist, sich 
die Sachen so zu besorgen. 

Freiheit und Freibier 

Die Weißbieranarchisten« 
Kontakt: Anarchistische Gruppe Bamberg, 
Postlagerkarte 009663BlBbg.l, 8600 Bamberg 


Ein unregelmäßig erscheinender Flugschnt- 
ten-Informationsdienst wird von der Gruppe 
»Das schwarze Gespenst« aufgebaut. Das er¬ 
ste Blatt hat als Schwerpunkt den § 116. Kon¬ 
takt: Bernd Königs, Rheydterstr.303, 4040 
Neuss 1 . 


Ebenfalls eine Informationsrundbrief für An¬ 
archisten und basisgruppenorientierte Stu¬ 
denten wird von der Pulverfass-Redaktion 
herausgegeben. Die Nr.l (April 86) enthält 
Neuigkeiten zur AFNB, zum FLI, zum ADZ, 
zur WAA; ferner Beiträge zur Frage der loka¬ 
len, regionalen und überregionalen Organi¬ 
sierung. 

Kontakte um.: ASTI, clo Ralf Landmesser, 
Rathenowerstr. 23, 1000 Berlin 21, Tel. 0301 
3947894 

LUST, Asta Uni Bonn, Nassestr.il, 5300 

Bonn, Tel. 02281737042 

Schwarze Witwe, Asta Uni Osnabrück, Neuer 

Graben/Schloß, 4500 Osnabrück, Tel. 054051 

5590. 

Libertäres Plenum Göttingen gegründet! Im 
Januar 86 nahm das seit November 85 geplan¬ 
te Libertäre Plenum konkrete Formen an: 
Treffpunkt JUZI, ein eigenes Infoblatt Hier 
und Jetzt, das auch plakatiert werden kann, 
und das für den Infofluß, die Außeninforma¬ 
tion und die Erklärung des Selbstverständnis¬ 
ses sorgt. 

Neben dem Bedürfnis in anderen politischen 
Gruppen nicht nur mitzuarbeiten und bei poli¬ 
tischen Diskussionen dann doch oft wieder 
isoliert dazustehen, erklären die Initiatoren, 
die grundsätzlich jede/n begrüßen, die/der 
sich einbringen will, ihren Ansatzpunkt so: 

Was uns mit anderen gemeinsam ist, ist die 
politische Arbeit in Bereichen wie Internatio¬ 
nalismus, Antifaschismus, Antimilitarismus, 
Gewerkschaft und dem Kampf für eine natürli¬ 
che Umwelt. Warum dann aber noch eine neue 
Gruppe neben den vielen bestehenden? Wir 
meinen, daß alle diese Teilkämpfe in den um¬ 
fassenden Kampf gegen die Herrschaft des Ka¬ 
pitals, des Menschen über den Menschen und 
des Patriarchats münden müssen. Dieser 
Kampf muß auf den Grundlagen der Direkten 
Aktion und der Selbstorganisation geführt wer¬ 
den, denn nur so lassen sich autoritäre Struktu¬ 
ren verhindern und ein freiheitlicher Sozialis¬ 
mus verwirklichen. Wenn wir soziale Revolu¬ 
tionsagen, meinen wir permanente Revolution 
in allen Lebensbereichen, die auch vor dem 
Privatleben nicht haltmachen darf. Das private 
Leben und der politische Kampf stehen in einer 
Wechselbeziehung: Unfreie Menschen können 
keine freie Gesellschaft erkämpfen . . . 

(aus: Hier und Jetzt, Nullnummer). 



FLI 


Das »FLI« als Herausgeberkreis des SF 
will Anarchisten aus unterschiedlichen 
Bereichen mit verschiedener Herange¬ 
hensweise an soziale und gesellschafts¬ 
politische Probleme zusammenbringen. 
Sie sollen - ohne Prinzipienerklärungen 
und Statuten - durch freiheitliche Diskus¬ 
sion und Information die Theorie und Pra¬ 
xis der libertären Bewegung fördern und 
verbreiten. Das FLI orientiert sich an den 
Prinzipien der Gegenseitigen Hilfe t der 
Freien Vereinbarung, des Föderalismus, 
der Basisdemokratie, des Minderheiten¬ 
schutzes und der Selbstverwaltung als 
gesellschaftliches Organisationsprinzip 
von unten. Es will zur Belebung eines li¬ 
bertären Gegenmilieus (Libertäre Zent¬ 
ren, Foren etc.) beitragen. 

2000 Hamburg-50: Wolfgang Neven, Strcse- 
mannstr. 71 

3400 Güttingen: Wolfgang Aschauer, 
Burgstr. 32 

4700 Hamm: Horst Blume, Schleusenweg 10 
(u.a. Kontakt für den Anti-NATO-Kongreß 
und die Antimilitarismus-AG des FLI) 

5090 Leverkusen: Herby Sachs, Moosweg 165 
(u.a Kontakt für die.SCHWARZER FADEN 
Kulturnummer 1986! 

5552 Morbach-Merscheid: Gerhard und Wal¬ 
traud Kern, Dörrwiese 4 (u.a. Kontakt für die 
Antipädagogik hier be¬ 

kommt man gegen 20.-DM jährlich denJTJ- 
internen Rundbrief zur Vor-und Nachberei¬ 
tung der Treffen!) 

6000 Frankfurt: Uli M , c/o Pfalz, Rot- 
intstr. 8 (u.a. Kontakt für die Sowjetunion- 
AG des FLI) 

7031 Grafenau-1: SF-Red., PF 

7500 Karlsruhe: Veronika Mager, Gar- 

tenstr.40 

8500'Nürnberg: EddiTaubert, Adam-Krafts- 
tr. 26 

A-1160 Wien: Martin Thoma, Herbststr. 24/ 
des FLI)^ 01113 ^* 1 Sozialtechnologic 














An Anarchisten und andere 
Ungeduldige: Über die Grünen - und 
über den Mangel an politisch¬ 
sozialem Selbstverständnis bei uns! 


von Michael Wik 

Während die einen schon längst nicht mehr 
Sand im Getriebe, sondern zu Schmieröl ge- 
worden sind und versuchen an einige Hebel 
der Macht-Maschinerie zu gelangen, laufen 
wir Gefahr, uns selbstgefällig zu betrachten 
. . Doch wird das Knirschen des Sandes, als 
den wir uns so gerne bezeichnen, nicht even¬ 
tuell zur gern geduldeten Geräuschkulisse, 
hinter deren scheinbarer Demokratie und Li¬ 
beralität, der totale Staat sich umso besser zu 
verbergen vermag? 

die grünen 

Die vor allem auch von anarchistischer Seite 
ausgehende Kritik, die schon am Aufbau ei- 
ncr grünen Partei ansetzte, findet sich inzwi¬ 
schen voll bestätigt. In Hessen wurden in dü¬ 
sterster Weise jene damals gehegten Befürch¬ 
tungen übertroffen. Beispielhaft personifi¬ 
ziert in der Figur eines Ministers Fischer, 
durch dessen Ernennung deutlich wurde, wie 
groß die Fähigkeit des Staates ist, diese Partei 
für eigene Zwecke dienstbarzu machen. Und 
für die GRÜNEN war derTod des Günter Sa- 
r e, der zu dieser Zeit vom Wasserwerfer der 
Polizzei zerquetscht wurde, kein allzu großes 
Hindernis, sich nunmehr nicht nur ins Parla¬ 


ment, sondern auch noch ins Ministerium zu 
begeben. Die Fähigkeit des »Apparates« zu 
integrieren, ist logischerweise abhängig vom 
Willen, sich integrieren zu lassen. 

Dieser Prozeß, in den bürgerlichen Medien 
im allgemeinen als die »Politikfähigkeit der 
GRÜNEN« bezeichnet, gehörte von Anfang 
an zu dieser Partei hinzu. Das Einsteigen von 
»Genossen«, in die Mühle des parlamentari¬ 
schen Systems war zwangsläufig verbunden 
mit dem Bekenntnis zur Stellvertreterpolitik. 
Ein politisches Prinzip, dessen Sinn es schon 
immer war, ein direktes Austragen der sozia¬ 
len Konflikte an Ort und Stelle zu vermeiden. 
Denn dieses ist ja bekanntlich für die Stabilität 
einer Gesellschaft höchst unangenehm, ja ge¬ 
radezu gefährlich, weil je direkter die Proble¬ 
me von Betroffenen selbst angegangen wer¬ 
den, um so größer die Möglichkeit ist, Selbst¬ 
vertrauen und eigene Stärke zu entwickeln. 
Nicht ohne Grund also, bemühten sich die 
Herrschenden schon immer, Spielregeln fest¬ 
zulegen, die die Entscheidungsebene mög¬ 
lichst weit von den eigentlichen Betroffenen 
entfernt. (Die Möglichkeiten hierzu sind viel¬ 
fältig, bei uns regeln es Parlamente und Rich¬ 
ter, bei anderen die allwissende Kommunisti¬ 


sche Partei). 

Gerade im Fall der GRÜNEN, deren Wur¬ 
zeln untrennbar mit der Anti-AKW-Bewe- 
gung verbunden sind, mußte das Einlassen auf 
den parlamentarisch-gesellschaftlichen Kräf¬ 
teausgleichjahrelangen Bemühungen um Ei¬ 
geninitiative und Selbstbewußtsein ins Ge¬ 
sicht schlagen. Auch die, zugegebenermaßen 
teilweise frustrierenden Erfahrungen in »Ba- 
sis«-Bewegungen dürfen nicht Begründung 
dafür sein, das Gegenteil von dem zu tun, was 
die einzelnen Initiativen untereinander ver¬ 
band, - das gemeinsame Lernen am Erfolg 
(oder auch Mißerfolg) schlug Brücken zwi¬ 
schen AKW-Startbahn-Häuser-Volkszäh- 
lungsinitiativen. Das Delegieren von Interes¬ 
sen an Parlamentarier steht im grundsätzli¬ 
chen Widerspruch zu diesem Ziel. 

Zynisch muten die Sprüche der Protagoni¬ 
sten des neuen Marsches in die Institutionen 
an, allen voran D.C. Bendit und sein »Pfla¬ 
sterstrand«, die jene, die auf der Straße ihre 
Wut herausschreien, auffordern, die Basisak¬ 
tivitäten zu intensivieren, um »unseren« Par¬ 
lamentariern den Rücken zu stärken. Welch 
absurde Darstellung und Verdrehung der Ver¬ 
hältnisse durch Leute, die wie kaum sonst je- 




6 


mand, die politische Prostitution der GRܬ 
NEN in Hessen an Beton-Börner forcierten. 
Nun ja, immerhin wurde ihr Sinneswandel in 
der Medienlandschaft gefeiert, wie die Heim¬ 
kehr des verlorenen (Sponti-)Sohnes zum Va- 
ter(-Staat). Der Schaden den jene anrichten, 
die einstmals auszogen um das parlamentari¬ 
sche Bein des außerparlamentarischen Wider¬ 
stands zu werden, geht weit über das hinaus, 
was die von ihnen mitfinanzierten Wasserwer¬ 
fer und Knäste für uns bedeuten. Viel subtiler 
wirken sich die kleinen Erfolge der GRÜNEN 
aus, die Hoffnungen bei Menschen wecken, 
und damit das Vertrauen ins System stabilisie¬ 
ren , anstatt es in Frage zu stellen. Die Chance, 
daß Menschen aufhören immer wieder und 
wieder ihre Interessen an andere zu delegie¬ 
ren und sich jedesmal neu entmündigen, ver¬ 
mindert sich mit jedem »Erfolg« der Stellver¬ 
treter. Glücklicherweise wächst mit zuneh¬ 
mendem Erkenntnisstand über Zentralisie¬ 
rung, politische Integration, Abweichen von 
ursprünglichen Prinzipien (Rotation, Tech¬ 
nikkritik vgl. Fritz Kuhn in »Kommune«, zum 
Randthema degeneriert: Atomenergie etc.) 
und einem geradezu gigantischen Herausbil¬ 
den parteiinterner Guru-Positionen, die De¬ 
sillusionierung über die GRÜNEN. Auch die 
inzwischen in ausreichendem Maße erreich¬ 
ten Erfahrungen bezüglich der vormals hoch¬ 
gelobten Zusammenarbeit zwischen Partei 
und Basisinitiativen sprechen Bände. Nur all¬ 
zuoft gelingt es dem großen politischen Bru¬ 
der, die Marschrichtung anzugeben. Ganz na¬ 
türlich eigentlich, vergleicht man die Potenz 
der Partei (egal ob Publicity, Geld oder Info¬ 
fluß) mit den Möglichkeiten der kleineren In¬ 
itiativen vor Ort. 

Leider ist die wachsende negative Beurtei¬ 
lung der GRÜNEN bei (Ex-)Mitgliedern oder 
vor allem bei jenen, die - erst mal abwar- 
ten wollten - nicht gleichbedeutend mit ei¬ 


nem Mehr an Perspektive, den außer- bzw. 
antiparlamentarischen Kampf betreffend. 


Falsche Perspektiven 

Der große Anspruch - Sand im Getriebe zu 
sein - definiert sich konsequenterweise ja 
nicht nur im »Nichteinlassen auf die Stellver¬ 
treterpolitik des Parlaments«, sondern muß, 
soll er nicht vollends zur hohlen Phrase ver¬ 
kommen, sich permanent in allen gesellschaft¬ 
lichen Bereichen auswirken. 

Und düster zeichnet sich das Bild, von eini¬ 
gen wenigen Ausnahmen abgesehen, ver¬ 
gleicht man an diesem Punkt Anspruch und 
Realität. Und nochmal an die eigene Adresse: 
Das Falsche zu lassen, heißt noch nicht, damit 
auch das Richtige zu tun! 

Ich beziehe mich mit meiner Kritik nicht 
auf jenes schier endlose Heer von »am Tresen 
Stehenden, alles schon mal selbst erlebt Ha¬ 
benden, den Über- Durch- und sonstigen 
Blick Besitzenden, die für jede neue Idee oder 
Initiative nur den - »macht mal Kindel- 
Kommentar vom Stapel lassen. Sie sind für 
die Macht, den Staat und die Ungerechtigkeit 
nicht gefährlicher als ein Edamer für ein Käse¬ 
messer. 

Und auch nicht jene anderen meine ich, die 
von sich selbst glauben, die Speerspitze eines 
Proletariats zu sein, das von seiner Speerhaf- 
tigkeit leider gar nicht mehr soviel weiß, - und 
das deshalb mit Unverständnis (im besten 
Fall!) auf die Aktionen »seiner« Spitze blickt. 
Und auch der Aufbau einer »europäischen an¬ 
tiimperialistischen Front«, von der ich mich 
frage, zwischen wem sie inzwischen eigentlich 
verläuft, täuscht Stärke nur vor. Denn, um in 
ihrem militärischen Jargon zu bleiben: diese 
Frontbesitzt weitestgehend kein Hinterland 
mehr und ist abgeschnitten. Die Aktionen, 
neustes Beispiel die Tötung von Gl Pimcntal 


und US Air Base Bombe, sind schon lange ab¬ 
gekoppelt von den gesellschaftlichen Ausein¬ 
andersetzungen hier und spiegeln nur noch 
das, in seiner Isoliertheit brutalisierte, Selbst¬ 
verständnis des Fighters wieder. (Alles Coun¬ 
ter, gell!) Sollte vielleicht zu denken geben, 
daß sich auch immer weniger Leute über Hun¬ 
gerstreikaktionen funktionalisieren lassen. 


Und was ist mit uns? 

Wir, die wir ja auch oftmals in gut trainierter 
Selbstgefälligkeit unsere eigenen Aktivitäten 
und deren Reichweite beurteilen und über¬ 
schätzen? Nicht gerade ein Beweis für »politi¬ 
schen« Weitblick, ist z.B. das ewige Springen 
von Einzelaktionen zu Einzelaktionen. Die 
zwar, was die militant-taktische Vorbereitung 
anbelangt, eine schon typisch »deutsche Ge¬ 
nauigkeit« bei Leuten zu Tage treten läßt, bei 
denen sie kaum zu vermuten wäre, aber an¬ 
sonsten relativ zusammenhanglos in zeitlicher 
Abfolge stehen. 

Auch die »Schlagkraft« dieses diffusen Ge¬ 
bildes, was sich autonome Bewegung nennt, 
erschöpft sich leider nur allzuoft in gemeinsa¬ 
mem Auftreten als »schwarzer Block« auf di¬ 
versen Demonstrationen. 

Die innere Struktur jenes Gebildes ist je¬ 
doch das genaue Gegenteil dessen, was die oft 
überhebliche Art, besonders »Nichtmilitan¬ 
ten« gegenüber, vorzugaukeln vermag - ganz 
und garnicht blockartig, kompakt oder sonst¬ 
wie einheitlich. 

Und das ist beileibe nicht schlecht, sondern 
positiv. Schlimm wäre es, wenn sich die Rele¬ 
vanz dieser nicht abgrenzbaren »Richtung«, 
im gemeinsamen Überziehen der schwarzen 
»Militanzpräservative«, so nötig sie manch¬ 
mal sind, erschöpfen würde. 

Sehr wertvoll sind vor allem die Anstöße 
im theoretischen und praktischen Bereich, zu 











Themen neuerer und neuster sozial-ökonomi¬ 
scher Prozesse (z.B. Jobber, 2/3-GesclIschaft, 
vgl. Zeitschrift Autonomie). Leider werden 
sie von der Masse der sich autonom schim¬ 
pfenden »Kämpfer« genausowenig aufgegrif¬ 
fen, wie von sehr vielen Damen und Herren 
der Szene, die ihre Identität über das A im 
Kreis definieren; aber dies vorrangig auf die 
historischen Beispiele des Anarchismus bezie¬ 
hen und nicht darüber hinaus auch auf die ei¬ 
gene Person und aktuelle Lage. 

Auch unseren Erfolgen in den sogenann¬ 
ten sozialen Einpunktbewegungen (Häuser¬ 
kampf, AKW, Sartbahn, WAA, Volkszäh¬ 
lungsboykott etc.) sind enge Grenzen gesetzt. 
Auf der einen Seite durch den sehr gut funk¬ 
tionierenden Mechanismus des Teile und 
Herrschc-Prinzips: Spalte die Bewegung - 
Reintegriere den einen (grünen) Teil - Krimi¬ 
nalisiere den anderen Teil - der »Rest« ver¬ 
läuft sich resigniert. 

Auf der anderen Seite, durch unsere eigene 
Unfähigkeit, die Lernprozesse, die wir mit uns 
und anderen machen, vor dem Zerbrechen 
der jeweiligen Bewegung in einem gesamtge¬ 
sellschaftlichen Anspruch zu formulieren. Die 
Aktivitäten in diesen sozialen Bewegungen, 
die, sollen sie ihrem Namen gerecht werden, 
natürlich über die Szene hinausgehen müssen, 
bleiben trotzdem mit Sicherheit wichtigster 
Bestandteil wirklicher libertärer Arbeit. 

Anarchisten sollten sich verstärkt um die 
Verbindung der ja nur scheinbar lose neben¬ 
einanderstehenden Brennpunkte bemühen 
(z.B.neue Ausweise, sozial-ökonomische 
Verschärfung, ökologischer Raubbau etc.). 

Darüberhinaus ist auch die vermehrte Ar¬ 
beit an Punkten notwendig, die gerade nicht 
unbedingt im Mittelpunkt allgemein politi¬ 
schen Interesses stehen. (Kann man sich na¬ 
türlich nicht so leicht dran gewöhnen). Ich will 
damit sagen, die tägliche Normalität des Le¬ 
bens muß wieder mehr zum Gegenstand der 
Analyse und der Bemühung um Veränderung 
werden. Wirkliche Relevanz unserer Aktivi¬ 
täten in der Auseinandersetzung mit dem (all¬ 
täglichen Horror wird nur möglich, wenn die 
erknüpfung von Einzelpunktauseinander¬ 
setzungen und Alltäglichkeit in ein und der¬ 
selben Radikalität erfolgt. Dazu gehören mili¬ 
tantes Auftreten genauso, wie die Pflege so¬ 
zialer Kontakte. 


bestimmt) Treffpunkte (Zentren, Cafes etc.) 
Hand in Hand gehen muß, mit dem Engage¬ 
ment einzelner von uns in Jobber oder Ar¬ 
beitsloseninitiativen; Gewerkschaftsinitiati¬ 
ven etc. - jeder seiner Lebenssituation ent¬ 
sprechend. 

Wenn wir als Anarchisten sagen, daß es 
gilt, schon heute im gemeinsamen Kampf, je- 
ne Menschlichkeit zum Tragen kommen zu 
lassen, die die Gesellschaft auszeichnen soll 
die wir anstreben - heißt das vor allem: Arbeit 
an einer gemeinsamen »politischen Kultur«, 
mit der wir unserer Umgebung gegenübertre¬ 
ten können. Das Sprengen der Ghettos, in die 
wir uns auch selbst in falschverstandenem Ab¬ 
grenzungsbedürfnis manövriert haben ist 
vordringlichste Aufgabe. Unsere Ideen und 
Praxis müssen vermehrt in alle für uns erreich¬ 
baren sozialen Strukturen eingebracht wer¬ 
den. Auch das Abbauen von Vorurteilen uns 
gegenüber ist nur möglich, wenn wir nicht auf 
der Flugblattebene stehenbleiben, sondern 
als Menschen erfahrbar sind. Die Einbezie¬ 
hung aller gesellschaftlichen Bereiche und 
das gegenseitige Akzeptieren unterschiedli¬ 
cher »Arbeitsschwerpunkte« Einzelner von 
uns, ist eine Grundbedingung zur Entwick¬ 
lung einer solchen libertären Kultur Arro- 
gnaz und unüberlegte Übergewichtung einzel¬ 
ner Aktivitäten blockieren einen solchen Pro¬ 
zeß erheblich, beinhalten die Gefahr des Spe¬ 
zialistentums mit all seinen Konsequenzen Je 
mehr die Vernetzung einzelner Initiativen In¬ 
teressen, Arbeitsbereiche unter dem Vorzei¬ 
chen libertärer Ideen gelingt, umso weniger 
wird es unseren Gegnern gelingen, uns zu iso¬ 
lieren, zu kriminalisieren und zu schlagen 















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II 


begriffe seiner Philosophie, wenn auch keine 
Neuschöpfungen von ihm. Gramsci wurde be¬ 
einflußt von der Hegemonie-Diskussion in 
der Komintern nach der Niederschlagung re¬ 
volutionärer Aufstände in Europa. Er entwik- 
kelte selbst verschiedene Vorstellungen, die 
in sich nicht geschlossen waren. Er versuchte 
Erfahrungen der Arbeiterbewegung aufzuar¬ 
beiten und bezog sich auf seine Gesellschaft, 
auf Italien. Seine Ausgangsfrage war, wie die¬ 
se kapitalistische Gesellschaft überwunden 
werden könnte. 

Subjekt der Veränderung war für ihn die 
Arbeiterklasse. Er sah aber verschiedene 
Schwierigkeiten. Innerhalb der Arbeiterklas¬ 
se sind die Arbeits- und Lebensbedingungen 
sehr unterschiedlich, es gibt unterschiedliche 
Interessen, unterschiedliche politische Rich¬ 
tungen, gerade bei den aktiven Gewerkschaf¬ 
tern in den Großbetrieben - für Gramsci da¬ 
mals besonders wichtig - übt die Sozialdemo¬ 
kratie die politische Hegemonie aus. Große 
Teile der Lohnabhängigen sind in das System 
integriert. Das Alltagsbewußtsein wird nicht 
nur durch die Arbeitssituation bestimmt, son¬ 
dern durch viele andere, für Gramsci durch¬ 
aus eigenständige Faktoren u.a.: Religion, 
Traditionen, Kultur ... 


von Geronimo 

In den entwickelten kapitalistischen Län¬ 
dern wird die Herrschaft des Bürgertums be¬ 
sonders durch Ideologien, durch kulturelle 
Hegemonie stabilisiert. Diese Gesellschaften 
sind viel komplizierter aufgebaut als dies beim 
zaristischen Rußland der Fall gewesen war. 
Die kapitalistische Produktionsweise bringt 
u.a. neue lohnabhängige Mittelklassen her¬ 
vor . Andere traditionelle Klassen verlieren an 
Bedeutung. Es stehen sich aber nicht Klasse 
gegen Klasse gegenüber. (Vgl. in Italien ver¬ 
trat Bordiga die Position Klasse gegen 
K1 asse; in Deutschland eine Position der Rä¬ 
tekommunisten). Für Gramsci entwickelten 
sich neue Vermittlungen, eine zivile Gesell¬ 
schaft, parlamentarische Demokratien. Auf¬ 
grund seiner Analyse kritisierte er bestimmte 
Revolutionsvorstellungen; u.a. die Vorstel¬ 
lung, daß eine Minderheit die Macht erobern 
könne. Das wäre in entwickelten Gesellschaf¬ 
ten schon aufgrund der Stärke des Repres- 


In einer Rede, auszugsweise abgedruckt in 
der TAZ vom 17.9. geht Peter Glotz, Ge¬ 
schäftsführer der SPD, davon aus, daß in 
Westeuropa keine Macht, keine Partei stark 
genug sei, die Macht der Rechten kontinu¬ 
ierlich zu begrenzen oder gar zu brechen. Er 
fordert deshalb den Aufbau eines neuen histo¬ 
rischen Blocks der Linken in der BRD. Dabei 
bezieht er sich auf Theorien Antonio Grams- 
cis. 

Wer war Gramsci? 

Gramsci wurde 1891 in Italien geboren. 
Als Redaktionssekretär der sozialistischen 
Kulturzeitschrift OrdineNuovo propagier¬ 
te er 1920 die Bildung von Fabrikräten als 
Keimzellen des künftigen italienischen Arbei¬ 
terstaates. Seit Gründung der Kommunisti¬ 
schen Partei Italiens 1921 arbeitete er in der 
Komintern, erst in Moskau, dann in Wien. Er 
wurde Parlamentsabgeordneter der KPI. 1926 
wurde er in Italien verhaftet und 1928 zu 20 
Jahren Haft verurteilt. 1937, drei Tage vor sei¬ 
ner Haftentlassung, starb er. 

Hegemonie (Führerschaft, Vorherr¬ 
schaft) und Historischer Block sind Kern- 









9 




Und da bietet sich eben auch Gramsci an. 
Glotz sucht sich zusammen, was er brauchen 
kann. Und das macht er mehr oder weniger 
geschickt. Beispiele: So zitiert er Gramsci mit 
der Feststellung, daß es keine ökonomischen 
Notwendigkeiten gibt, die zum Ende der bür¬ 
gerlichen Herrschaft führen werden. Das poli¬ 
tisch-ethische Moment in der Geschichte ist 
wichtig. Übersetzt heißt das dann wohl: Die 
ökonomische Krise heute reicht wahrschein¬ 
lich nicht aus, um die SPD wieder an die Re¬ 
gierung zu bringen. Oder: Gramsci analysier¬ 
te Süditalien und kam zu dem Schluß, daß die 
traditionellen Intellektuellen die Hegemonie 
der Herrschenden auf dem Land sichern. 
Glotz: Die Linke soll um die Intellektuellen 
(Grosser, Weizäcker u.a.) werben. Wahlhel¬ 
fer für die SPD, helau! 

Ein weniger lustiges Beispiel. Aus Grams- 
cis Betonung der kulturellen Hegemonie er¬ 
gibt sich für Glotz die Forderung, daß die Lin¬ 
ke in den Massenmedien, in den Sozialisa¬ 
tionsagenturen, den Apparaten der Hegemo¬ 


sionsapparates nicht mehr möglich. Auch gibt 
cs keine objektive Entwicklung, die zu einer 
sozialistischen Gesellschaft führe. Die Praxis 
ist wichtig, der Wille (Voluntarismus!). Die 
Ausgebeuteten und Unterdrückten müssen 
Veränderungen selbst wollen und entspre¬ 
chend handeln. Das setzt lange, ausdauernde 
Aufklärung und Arbeit in den verschieden¬ 
sten Bereichen voraus, Gramsci kritisierte 
dicprinzipicllc Ablehnung von Kompromis¬ 
sen und von bestimmten »Kampffcldcrn« 
(z.B. Gewerkschaften, Parlament). Wie stell¬ 
te er sich nun den Aufbau eines hcgcmonialen 
‘inken Blocks vor? 

Voraussetzungen waren für ihn u.a. die 
Anerkennung verschiedener Strömungen in¬ 
nerhalb der Arbeiterklasse, das Anknüpfen 
an progressive Elemente des Alltagsbcwußts- 
cins und die Kritik bürgerlicher Ideologien. 
Gerade die intensive kulturelle Vorbereitung 
der Arbeiterklasse war für ihn die Vorausset¬ 
zung für die Revolution. Am Beispiel der fa¬ 
schistischen Bewegung Italiens versuchte 
Gramsci aufzuzcigcn, daß kulturelle Hege¬ 
monie, sogar auf die Gcsamtgesellschaft be¬ 
zogen, schon vor der Machtübernahme mög¬ 
lich sei. 

Wie allerdings die antikapitalistische Linke 
die politische Hegemonie innerhalb der Ar¬ 
beiterklasse und ihrer möglichen Bündni¬ 
spartner gewinnen kann, wie das Projekt einer 
anderen Gesellschaft in einem Prozeß entwor¬ 
fen werden kann, bleibt bei Gramsci letzten 
Endes ungelöst. Organisator dieses Prozesses 
sollte nach seinen Vorstellungen die hierar¬ 
chische Partei sein. Gramsci war Leninist. Da 
bei zeigte die Entwicklung in der Sowjetuni 
°n , daß die Hegemonie der Partei zur Verein 
heitlichung aller Lebensformen führte, zu ei 
n cm totalitären System, zu einem 
gesellschaftlicher Kapitalakkumulation in ei 
ncr rückständigen Gesellschaft. 


Und Glotz bezieht sich auf Gramsci? 

Glotz möchte, daß die SPD wieder die Regie¬ 
rung in Bonn bildet (Untertitel seines Buches 
Üic Arbeit der Zuspitzung: Über die Or¬ 
ganisation einer regierungsfähigen Linken). 
Und in der parlamentarischen Demokratie 
müssen sich ja die politischen Eliten in be¬ 
stimmten Zeitabständen vom Wähler bestäti¬ 
gen lassen. Es kommt auf Verpackungen an. 


niebildung arbeiten soll. Er verschweigt dabei 
nur, daß die kulturelle Hegemonie der Herr¬ 
schenden in den Jahren nach 1967 im Ausbil¬ 
dungsbereich (Studenten, Schüler, Lehrlinge) 
bereits gefährdet war. Die Antwort des Staa¬ 
tes: Entliberalisierung, Radikalenerlaß, Mili¬ 
tarisierungstendenzen. Die damalige Regie¬ 
rung? SPD/FDP. - Gedächtnisstörungen? 

Was solßs. Glotz ist kein Linker, sondern 
Funktionär einer Staatspartei, deren oberstes 
Ziel die eigene Machtbeteiligung ist, einher- 
gegehnd mit der Sicherung des sozialen Frie¬ 
dens in der Klassengesellschaft. Dennoch ist 
es nicht uninteressant Glotz zu lesen. Warum? 

Glotz erkennt die gesellschaftliche Um- 
Druchsituation, in der wirBuns befinden, - 
’.tärker als viele Linke und Libertäre. Erzeigt 
3ruchstellen auf, analysiert die Fraktionen 
des herrschenden Blocks und droht mit dem 
Polizeistaat, falls die Rechten an der Regie¬ 
rung bleiben. »Teile des herrschenden Blocks 
denken über die Notwendigkeit militarisierter 
Demokratien Modell Türkei oder Chile 
auch für die BRD nach«. So abwegig ist das 
nicht. Die Herrschenden in Deutschland ver¬ 
fügen ja über entsprechende historische Er¬ 
fahrungen. Glotz’ Alternative ist die soziale 
Absicherung der neuen Entwicklungsphase 
























des Kapitalismus. Die Wettbewerbsfähigkeit 
des BRD-Kapitals soll auf dem Weltmarkt er¬ 
halten und verbessert werden. Produktivfak¬ 
tor Nummer 1 sind für Glotz die Arbeitsbezie¬ 
hungen in der BRD. Der produktivisti- 
sche Leistungskern der Gesellschaft ist 
wichtig. Es werden zwar etliche Menschen 
herausfallen, aber denen gehört unser sozial¬ 
demokratisches Mitgefühl (siehe Wahlkampf 
Rau in NRW). Glotz erkennt, daß es zu einer 
Neuzusammensetzung des Arbeitsmarktes 
kommt. Traditionelle Arbeiterschichten, 
mehrheitlich Wähler der SPD, verlieren an 
Bedeutung, neue Sektoren werden wichtig, cs 
gibt mehr Angestellte als Arbeiter in der 
BRD; ebenso sind die Unterschiede zwischen 
Produktionsbereich und Dienstleistungsbe¬ 
reich nicht zu übersehen; es existieren unter¬ 
schiedliche Lebens Vorstellungen und, beson¬ 
ders wichtig, die meisten Menschen definie¬ 
ren sich nicht mehr nur über Arbeit. Organi¬ 
sierung um einen Antagonismus Lohnarbeit/ 
Kapital ist deshalb hoffnungslos veraltet. Der 
Kapitalismus in den Metropolen kann auch in 
Zukunft der Mehrheit der Bevölkerung er¬ 
trägliche materielle Lebensbedingungen bie¬ 
ten. Glotz schlägt deshalb eine Kombination 
aus materiellen Forderungen und Ideologien 
vor. Trennungen lassen sich durch einen kom¬ 
plexeren Interessenbegriff überwinden, d.h. 
durch das Aufgreifen von Themen wie Abrü¬ 
stung, ökologische Modernisierung, Gleich¬ 
berechtigung der Frau. Der neue Block kann 
nur durch einen bewußten politischen Akt 
entstehen. Es bedarf dazu der SPD als organi¬ 
sierendes Zentrum (Leader, Funktionäre, 
Fußvolk), um das sich neue soziale Bewegun¬ 
gen gruppieren. Konsequent aus seiner Sicht 
ist es, daß Glotz rot-grüne Parteibündnisse 
ablehnt. 

Warum überhaupt ein Zentrum? - Weil es 
nach Glotz ohne Hierarchien keine Politik, 
keine Veränderungen geben wird. 

Unsere schwarzen und roten Träume einer 
Gesellschaft, in der wir als Freie und Gleiche 
unsere Angelegenheiten selbst regeln werden 
- nur Anachronismen? Von der Entwicklung 
längst überholt? Technokraten und Konser¬ 
vative aller Parteien, Sozialisten und Kommu¬ 
nisten eingeschlossen, haben das immer schon 
behauptet. An uns läge es; sie zu widerlegen. 
Ob unsere Träume wirklich nur die Träume 
eines Wermuttrinkers sind, werden wir nur er¬ 
fahren, wenn wir unsere Ghettos verlassen, 
uns einmischen in die sozialen Realitäten, 
aber mit Überlegung. So wie Gramsci für sei¬ 
ne Zeit, seine Gesellschaft und seine Träume 
dies versucht hat. 

Ich möchte deshalb abschließend einige 
Voraussetzungen für eine libertäre Politik 
nennen, was soviel heißen soll wie für eine li¬ 
bertäre Praxis. 

Es klingt banal, verändern kann man nur 
das, was man untersucht, geprüft, auseinan¬ 
dergenommen hat. Und wir wollen verän¬ 
dern, für uns gibt es viele Gründe zu revoltie¬ 
ren. Auf eine Aufzählung kann ich an dieser 
Stelle verzichten. Die Bereitschaft sich mit 
Realitäten auseinanderzusetzen ist etwas ganz 
anderes als Anpassung an die gegebenen Ver¬ 
hältnisse.Erforderlich istradikale Kritik und 
manchmal die Demontierung liebgewonnener 
anarchistischer Mythen. Realitätsprüfung, 
d.h. u.a. materialistische Analyse der BRD- 
Gesellschaft und ihrer Entwicklungstenden¬ 
zen, tja und weil es immer noch eine kapitali¬ 
stische ist, bleiben die Marx’schen Analysein¬ 
strumente wichtig. Aber genauso gehören da¬ 
zu die kulturellen Veränderungen durch die 


w v. 'Jä'Äk; . 


fe# i 1 









Warengesellschaft und die Bedeutung der 
parlamentarischen Demokratie. 

Untersuchungen auch deshalb, um Bruch¬ 
stellen besser erkennen zu können; wer be¬ 
wegt sich wo in welche Richtung? Mit wem 
können und wollen wir Zusammenarbeiten? 
Die richtige Einschätzung der Kräfteverhält¬ 
nisse sowie unser realer Handlungsspielraum 
ist wichtig, sonst folgt nach einer Zeit euphori¬ 
scher Vorstellungen die Demoralisierung, die 
Resignation. Uns ist doch klar, nur eine 
Mehrheit wird Herrschaft abschaffen; Stell¬ 
vertreter schaffen nur Formen der Herrschaft 
ab. Wie die Menschen hier und heute sind, 
wie sie auf Krisensituationen reagieren, hat 
auch etwas mit historischen Erfahrungen zu 
tun. Die deutsche Nachkriegsgeschichte ist 
gekennzeichnet durch den Ausschluß der ar¬ 
beitenden und abhängigen Klassen aus der 
politischen Diskussion und Steuerung. Folgen 
sind u.a. ein geringer Politisierungsgrad, Par¬ 
zellierung, der Verlust der Fähigkeit Bürger 
des eigenen Stadtteils zu sein. Muß das nicht 
berücksichtigt werden bei einer Diskussion 
der Thesen Bookchins »Für einen libertären 
Kommunalismus« (SF-19)? Nach 1967 gab es 
auch Gegentendenzen: Die Entstehung einer 
neuen Linken, neue soziale Bewegungen mit 
libertären Tendenzen, libertär weniger im 
Sinn eines Gesellschaftsentwurfs als vielmehr 
als Methode politischen Handelns, Recht auf 
Widerstand, Autonomie in allen Lebensbe¬ 
reichen (vgl. Peter Brückner: Versuch uns 
und anderen die Bundesrepublik Deutschland 
zu erklären, Wagenbach TB). 

Und heute? 1986. Nur Minderheiten weh¬ 
ren sich gegen die neuen Kapital-und Staats¬ 
strategien. Undogmatische/autonome Linke 
sind kaum organisiert und verteilen sich über 
alle Klassen. Viele haben sich in den letzten 
Jahren zurückgezogen. Es gibt Widerstand 
meist von Jüngeren, aber kaum Akkumula¬ 
tion von Erfahrungen. Es fehlen linke Gegen¬ 
milieus. Wäre das nicht eine Aufgabe für Li¬ 
bertäre? 

Und unsere konkrete Utopie? Unsere Vor¬ 
stellungen eines anderen Lebens? Ist es nicht 
so, daß wir gut wissen, was wir nicht wollen. 
So ist vielen klar, daß die bürokratisch-staats¬ 
kapitalistischen Regimes keine wünschens¬ 
werte Alternative zur bestehenden Gesell¬ 
schaft darstellen. Aber sonst. . . weniger Ar¬ 
beit, Entstaatlichung, selbstbestimmtes Le¬ 
ben, Basisdemokratie, Selbstverwaltung, Au¬ 
tonomie . . . etwas vage . . . kein Wunder, 
daß auch Rechte sich unsere Begriffe aneig¬ 
nen können (siehe Entstaatlichung). Es fehlt 


der Entwurf einer freien Gesellschaft (Öko¬ 
nomie, Politik, Recht, Kultur. . .) für das aus¬ 
gehende 20. Jahrhundert. Auch Vorstellun¬ 
gen wie sie erreichbar sein könnten im Zeital¬ 
ter des Weltmarkts, der allseitigen Abhängig¬ 
keiten, der internationalen Zusammenarbeit 
der Staaten.Der Einwand, es gibt doch liber¬ 
täre Utopien ist, wie ich denke, leicht zurück¬ 
zuweisen. Die Warengesellschaft hat Sehn¬ 
süchte erzeugt, die die vergangenen Utopien 
veraltet erscheinen lassen. Und sonst? Die ei¬ 
nen setzen auf die Modernisierung des Kapi¬ 
talismus, die anderen auf ein Leben wie nach 
dem 3. Weltkrieg. Unser Entwurf müßte 
mehrheitsfähig werden können, qualitative 
Verbesserungen zur bestehenden Gesell¬ 
schaft beinhalten, neueEntwicklungsmöglich- 
keiten schaffen. Ich denke, eine konkrete 
Utopie ist eine wichtige Bedingung für Verän¬ 
derungen in unserem Sinne. 

Wer will und kann diese Gesellschaft in 
Richtung auf mehr Freiheit verändern? 

»Die Grenze zwischen Gegnern und Kom¬ 
plizen des herrschenden Systems wird schwin¬ 
delerregend anders verlaufen als die Arbeiter¬ 
bewegung traditionell voraussetzt« (P. Brück¬ 
ner) 

Gerade wenn wir hierarchische Organisa¬ 
tionen als Mittel zurecht ablehnen, bleiben ei¬ 
ne Menge Fragen. Wie können aus Minder¬ 
heiten Mehrheiten werden? Wie sind Erfah¬ 
rungen verallgemeinerbar? Sind Gegenöf¬ 
fentlichkeit und Gegenstrukturen nicht Vor¬ 
aussetzungen für längerfristigen Widerstand, 
für das Lernen des aufrechten Ganges? Wie 
kann man nichthierarchische Strukturen auf¬ 
bauen? Es sind neue alternative Bedürfnisse 
entstanden. Was bedeutet das z.B. für Zu¬ 
sammenschlüsse? Mit welchen Mitteln kön¬ 
nen wir Veränderungen erreichen? Welche 
Zeitvorstellungen haben wir? Was ist mit dem 
Leben hier und jetzt? Wir leben doch nur ein¬ 
mal. Sind wir die letzten Indianer in den Me¬ 
tropolen? Vielleicht, — aber »Wer kämpft 
kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon 
verloren.« 


Literatur: 

Antonio Gramsci, Philosophie der Praxis; Fischer 
1967 

Joachim Bischoff, Einführung Gramsci, VSA 1981 
Pcrry Anderson, Antonio Gramsci, Olle & Wolter 
1979 

^ 0tz ’ Arbeit der Zustimmung, Siedler 

1984 








25.5.1987: Ein neuer Versuch, die Daten der mit solchen Kleinigkeiten gibt sich Egon Höl- gleich Milliarden - und die können uns alle 

Bürger zu erfassen, steht ins Haus. In überre- der erst gar nicht ab. Stattdessen klopft er sich teuer zu stehen kommen.« Dem ist nur beizu- 

gionalcn Zeitschriften lächelt Egon Holder, selber auf die Schulter: »Wir haben den Fra- pflichten: »Erhebungseinheit« denke nur an 

der Leiter des Statistischen Bundesamtes die gebogen so gestaltet, daß man auf Anhieb mit so nette Kleinigkeiten — für den Staat müssen, 

Lcser/inncn an und fordert sic auf, den Frage- ihm zurechtkommmt.« Wer ist eigentlich entsprechend im Verhältnis zum kleinen Pri- 

bogen der Volkszählung auszufüllen. 1 »wir«? Wofür werden die Daten gebraucht? vathaushalt, statt ein paar Mark ja Milliardcn- 

Freundlicherweise stellt er sich gleich vor: er Auch dies verrät er leider nicht. Eine Antwort angesetzt werden - wie Bundeswehr, WA Ak- 

ist der Leiter des Statistischen Bundesamtes, liegt möglicherweise in seinen weiteren Aus- kersdorf, Kalkar, Verkabelung, Rhcin-Main- 

also eine Respekts- und Autoritätsperson, der führungen: »Der Fragebogen entspricht ge- Donaukanal, um nur einiges zu nennen, 

man als gutc/r Bügrcr/in zu vertrauen hat. nau dem, was das Bundesverfassungsgericht Egon Holder erklärt weiter: »Wir müssen 

Und schon legt er los: »Was ich Ihnen hier in seinem Urteil verlangt und für geboten jetzt in unseren Statistiken von Zahlen ausge- 

vorstelle, ist der neue Fragebogen für die hält«. Hier nun wird eine neue Autorität ein- hen, die gut 15 Jahre alt sind.« Woher körn-- 

Volkszählung«. Das steht zwar auch über dem geführt: das BverfG. men dann eigentlich immer die Zahlen zur Ar- 

Fragebogen - aber sicher ist sicher - erst wenn Auch dieses bittet nicht etwa den Burger, beitslosigkeit? Es werden doch Jahr für Jahr 

eine Amtsperson das sagt hat das seine Rieh- sondern es »verlangt«, es »hält für geboten«. neue Statistiken erstellt! Das ist eine Frech- 

«igkeit. »Es ist zwar noch eine Weile hin bis Die Ähnlichkeit mit den 10 Geboten, wie sie heit, was er denen zumutet, die er anspricht 

zum 25. Mai 1987, aber sicherlich wollen Sie hier möglicherweise vermutet wei den könnte. Für wie dumm hält er seine Leser/innen ei- 

möglichst früh wissen, worum cs geht.« Das ist sicherlich nur zufällig, oder. . gentlich, wenn er weiter ausführt: »Für viele 

zu erfahren, wäre in der Tat interessant. Nun Was das höchste deutsche Gericht für ge- Entscheidungen, die uns alle betreffen, fehlen 

kommt allerdings keine Erklärung, wofür die boten hält oder verlangt, kann doch nichts uns deshalb zuverlässige Daten. Dies gilt für 

Daten gebraucht werden. Beispielsweise wäre Schlechtes sein? Die Formulierung ist in ihrer die langfristig vorausschauende Planung von 

e s interessant, zu erfahren, warum der Staat Schlichtheit unübertroffen arrogant. Was Arbeitsplätzen, Renten, Schulen, Wohnun- 

nach der Religion seiner Bürger fragt. Doch staatliche Organe für GEHOIEN halten oder gen oder Verkehrswegen.« 




12 


Arbeitsplätze 

Beschränkt man sich allein auf die Rolle des 
Staates, so fallen doch einige Tatsachen auf: 
Bundesbahn, Post und andere staatliche Stel¬ 
len bauen massiv Arbeitsplätze ab. Die Post 
plant Glasfaserverkabelung, womit Hundertt¬ 
ausende überflüssig und entlassen werden 
können. Bedeutet langfristige Planung soviel 
wie Wegplanung? Von den anderen Aus¬ 
wirkungen der Verkabelung ganz zu schwei¬ 
gen. 

Renten 

- die Rentenversicherung ist durchaus nicht 
wegen mangelnden Daten so marode, son¬ 
dern weil der Staat seine Verpflichtungen 
(Zuschüsse) ihr gegenüber nicht erfüllt. Inso¬ 
fern ist auch hier Herrn Hölders »Argumenta¬ 
tion« nicht zutreffend. 

Schulen 

- die er ebenfalls anführt, sind doch an sich 
Angelegenheit der Länder bzw. der Kommu¬ 
nen als Schulträger. Nun erhalten die Kom¬ 
munen doch von den Meldeämtern die Daten 
betreffend Zu-, Wegzug, Geburten, Sterbe¬ 
fälle, Alter und Geschlecht der Einwohner. 
Hieraus müßte sich der Bedarf an Schulen ei¬ 
gentlich ableiten lassen. Weshalb dann ca. 60 
Millionen Menschen einen Fragebogen aus¬ 
füllen sollen, ist unverständlich. 

Wohnungen 

-Von einem grundsätzlichen Mangel an Woh¬ 
nungen kann eigentlich nicht gesprochen wer¬ 
den, wenn schon, dann von einem Mangel an 
! billigem Wohnraum. Billig hier nicht im Sinne 
1 von »letztes Loch«, sondern von preiswert. In 
' den letzten Jahren geben sich auch die ver- 
| schiedenen Behörden Mühe, solcherlei 

! Wohnraum aufzuspüren - zwecks Abriß oder 

Luxussanierung - das nennt sich dann Stadlsa¬ 
nierung. Dies ist allerdings eher ein politi¬ 
sches als ein statistisches Problem. 

Verkehrswege 

| - Was Herr Holder zum Zeitpunkt der Anzei¬ 

ge nicht wissen konnte: der Bundestag hat vor 
einigen Wochen den Bundesfernstrassenplan 
verabschiedet. Das bedeutet, daß einige Tau¬ 
send Kilometer Straße zusätzlich zu den jetzt 
schon bestehenden gebaut werden. Insofern 
muß das vorhandene statistische Datenmate¬ 
rial gut genug sein, um hierüber entscheiden 
zu können. Betrachtet man statt dieser Orgie 
in Beton auch noch Schienen- und Wasserwe¬ 
ge, so fällt doch auf, daß die Bundesbahn so 
weit ausgedünnt wird, daß das Kursbuch nicht 
dicker als ein Comic-Heft wird, worin dann 
immer mehr und immer schnellere Intercity¬ 
züge stehen. Bei Wasserwegen wird seit Jah¬ 
ren am Rhein-Main-Donaukanal gebaut, der 
nach allen bisher bekannten Tatsachen nicht 
nur überflüssig ist, sondern noch ökologisch 
verheerend, weil er noch intakte Naturgebiete 
zerstört. 

Wie sich aus alledem ergibt, dürfte die Höl- 
derscheB»Argumentation«: »Deshalb warten 
wir schon auf Ihre Angaben zu den hier vorge¬ 
stellten Fragen«, kaum zutreffend sein, denn 
der Staat hat ja für die jeweiligen Bereiche die 
notwendigen Daten zur Verfügung. 

Der wahre Grund 

- dürfte woanders liegen: »In der Zählung 
werden Daten, die ansonsten meist bei den 
verschiedenen Stellen und in der u.U. unter¬ 
schiedlichen maschinellen Darstellungsform 
gespeichert sind, informationstechnisch ein¬ 
heitlich dargestellt, aktuell und zeitlich über¬ 
einstimmend ohne die ansonsten zwangsläufi¬ 
gen Verfälschungen durch z.B. zeitlich be¬ 
dingte Wanderungsverluste erhoben und be¬ 


reits alle Angaben auf jeden Bürger bezogen 
zusammengeführt bzw. zusammenführbar ge¬ 
speichert. - Der Vorteil liegt auf der Hand: 
Nicht nur die Probleme der technischen Zu- 
sammenführbarkeit sind damit überwunden, 
sondern es entfällt auch der Widerstand, der 
sich an der Frage der Berechtigung bzw. Legi¬ 
timation zur Zusammenführung entsprechen¬ 
der, verteilt gespeicherter Einzeldaten jeweils 
entzünden könnte. Die Erhebung in einem 
einzigen Akt der Volkszählung läßt dazu kei¬ 
ne Chance.« 2 

Fazit: 

Die Anzeige ist schlicht eine Frechheit in ihrer 
Dummdreistigkeit gegenüber ihren Lescr/in- 
nen. Der Stil ist ungefähr genauso wie ein Re¬ 
klame für Waschmittel, Hundefutter etc. Zu¬ 
erst wird nicht gesagt, was das statistische 
Bundesamt für Aufgaben hat. Stattdessen 
wird sein Leiter eingeführt. Dieser stellt das 
neueste »Objekt (s)einer Begierde« vor. 
Dann wendet er sich an seine zukünftige 
»Kundschaft«, der er ersteinmal schmeichelt: 
»sicherlich wollen Sie möglichst früh wissen, 
worum es geht«. Er erweckt hier eine Erwar¬ 
tung, die er aber anschließend nicht erfüllt - 
denn er sagt ja nicht, worum es geht. Stattdes¬ 
sen lockt er damit, daß der Fragebogen ein¬ 
fach gestaltet sei. Da ja der erste Anlauf zur 
Volkszählung am Mißtrauen der Bürger zu 
Recht gescheitert ist, versucht er, eventuell 
neu aufkeimendes Mißtrauen im Ansatz zu er¬ 
sticken, indem er versichert, daß nur nach 
dem Allernotwendigsten gefragt wird. 

Für diejenigen, die sich damit nicht zufrie¬ 
den geben wollen, hat er die Drohung, daß 
der Fragebogen verfassungsgemäß sei. Da¬ 
hinter steht unausgesprochen der gesetzliche 
Zwang zur Auskunft. Bei Verweigerung der 
Auskunftspflicht »müßten Zwangs- und Bu߬ 
gelder erhoben werden«, wie es an anderer 
Stelle von ihm gesagt wird. 3 

Danach wird er wieder versöhnlich und 
versucht, die Lerser/innen mit den beschrie¬ 
benen »Argumenten« zu überzeugen. Anson¬ 
sten steht zum Schluß noch unter dem Wort 
»Volkszählung - ein Kinderspielzcug«, was 
dann wohl darauf hindeuten soll, daß diese et¬ 
was Ähnliches wie ein Kinderspiel darstellt 
(und wer deshalb den Fragebogen nicht aus¬ 
füllt, dämlicher/unverständiger als ein Klein¬ 
kind sein muß?). 

Nimmt man sich hiernach den Gesetzestext 
vor, so offenbart sich der Zwangscharakter 
noch viel stärker. Eindeutig wird auf die Aus¬ 
kunftspflicht verwiesen. Zuwiderhandlungen 
können mit Bußgeldern belegt werden. Dazu 
kommt eine - meines Erachtens menschen- 
verachtendc Sprache, in welcher Menschen 
als »Erhebungseinheiten« bezeichnet werden 
Die Individualität eines jeden Menschen wird 
ihm hiermit aberkannt! Nur was zählt, reei- 
strierbar ist, zählt. Der Mensch wird auf seine 
Datenreduziert. Vor der Verachtung, mit der 
die Menschenwürde hier behandelt wird, 
graut es mir. Überlegt man hierzu noch, wie 
eifrig der Staat mit der Einführung von ma¬ 
schinenlesbaren Ausweisen, Polizeigesetzen, 
Verkehrszentralregistern, Verkabelung ist! 
und welche Datenmengen hierbei anfallen - 
von denen E. Holder in seiner Anzeige 
schweigt - so bleibt eigentlich nur noch ein 
Ausweg: boykottiert!!! 

Literatur: 

1 Anzeige zur Volkszählung, z.B.: in: ZEITmaea- 

zin, 27.12.1985 * 

2 Humanistische Union, LV Berlin, betrifft: Volks¬ 
zählung, Berlin 2/83 


3 Dunkle Ängste vor dem Computer, taz, 25.3.86 

4 Gesetz über eine Volks-, Berufs-, Gebäude-, 
Wohnungs- und Arbeitsstättenzählung (Volkszäh- 
lungsgcsctz 1987) 





iln der »atom« berichten wir regel 

'mäßig über folgende Themen: 

* Aktuelle Berichterstattung zu 
den einzelnen - Standorten von 
Atomanlagen in der BRD 

* Grundsätzliche Artikel zur Ener¬ 
giesituation 

* Zur »Unsicherheit atomarer An¬ 
lagen 

Berichte und Einschätzungen 
zum Widerstand gegen das 
Atomprogramm 

* Kontinuierliche Berichterstat- 
gung über die Widerstands¬ 
schwerpunkte Wackersdorf und 
Gorleben 

* Die Kriminalisierung der Bewe¬ 
gungen durch den Staat 

* Neues aus der unabhängigen 
Friedensbewegung 

* Frauenseiten 



Atom Express/atommüflzeitung erscheint 
alle zwei Monate, kostet 4.- Mark (Doppel¬ 
nummer 5.-) und sollte unbedingt abon* 
niert werden. 

Bestelladressen: 

Atom Express, 

Postfach 1945, 3400 Göttingen 

una 

atommüllzeiturig, 

Sültenweg 57, 2120 Lüneburg. 

Gegen Einsendung von 4.- Mark (für Dop¬ 
pelnummer 5.-) in Briefmarken schicken 
wir gerne und prompt ein Probeexemplar 
zu. 






SF-Aktionsecke 

»Keine Macht für niemand — alle Macht der 
Phantasie!« 

In rhcoricbeiträgcn (auch im SF) findet sich 
recht häufig die Forderung, bei Aktionen 
Phantasie zu beweisen. Daß dies die Stärke 
anarchistischer Gruppen sein kann, - gerade 
auch im Gegensatz zum martialischen Macho- 
verhalten anderer >RcvoIutionärc< hierzulan¬ 
de - können derzeit wieder einmal die 
S.B.U. -Gruppen in Großbritannien bewei¬ 
sen. 

Was ist das — S.B.U.? 

I^ic ganze Idee stammt von einigen Anarchi- 
stcn/Anarchafcministinnen aus San Francisco 
and meint nichts weniger als das partielle 
Lahm]egen staatlicher und wirtschaftlicher 
Institutionen. Mit wenigen tausend Flugblät¬ 
tern ausgerüstet, fuhren sie nach Europa um 
ihre Idee zu internationalisieren: an zwei aus¬ 
gesuchten Tagen (1985 waren cs der 29. und 
April) »weltweit« Aktionen zu starten,die 
den gewöhnlichen Betrieb Iahmlegen. STOP 
BUSINESS AS USUAL (S.B . t/.J/Dadie bis¬ 
herigen Aktionen guten Erfolg hatten, wollen 
sie auch 1986 besagte Idee umsetzen. Interna¬ 
tionale Kontaktadresse ist: c/o 121 Bookshop, 
I 21 Railton Road, London, S.0.24 (Box 
S-B.U.) 


Beispiel Nottingham Nr.2 

Eine andere Fälschung versprach, daß in einer 
Supermarktkette (Südafrika-Geschäfte) be¬ 
stimmte Waren mit einem schwarzen Stern ge¬ 
kennzeichnet wären, daß diese ausgelagert 
werden sollten und deshalb besonders billig zu 
kaufen wären. Es gab den ganzen Tag Chaos: 
die Massen suchten die Waren mit dem 
schwarzen Stern! Als Polizei die Läden füllte, 
war nicht viel mehr Ordnung zu spüren. 
Nottingham zeigte sich überhaupt gut in 
Form: ein Witzbold drehte im Rathaus die Si¬ 
cherungen raus und verschwand unerkannt; 
eine Gruppe besuchte McDonalds mit einer 4- 
Wochen-alten stinkenden Linsensuppe . . . 
Die Polizei bekam laufend Anrufe, daß Punks 
ein Pelzlager ausräumen würden; etwas später 
besuchten dann militante Tierschützer ein 
ganz anderes Pelzlager. Auf dem Rolls Royce 
des Oberbürgermeisters wurde munter ge¬ 
tanzt usw. . . — ähnliche Aktionen, neben 
Barclays, Lloyds, McDonalds, Polizei traf es 
vor allem auch Sex-Shops, Musterungsämter 
etc. — gab es in London, Luton, Bristol, Nor- 
wich und Newcastle. Lediglich in Norwich 
ging die Aktion schief und 24 Leute wander- 
ten kurzfristig in den Knast und erwar¬ 

ten Anklagen wegen Sachbeschädigung. In 
Newcastle hingegen wurde ein Kommunique 
der S.B.U.-Gruppe sogar im lokalen Rund¬ 
funk verlesen. 


Ein - 


Beispiel Nottingham Nr.l 

gut gefälschtes - Werbeschrcibcn 
machte die Runde: es versprach allen Leuten 
CMlcn Krügerrand (= 1000.-DM in Gold) 
Wcnn sic zwischen 2 und 3 Uhr nachmittags 
mindestens 10 englische Pfund bei einer Bar¬ 
clays-Bank einzahlcn würden. Das funktio¬ 
nierte. Hunderte von Leuten legten den Be¬ 
trieb in Barclays Bank lahm, alle wollten das 
Y°l d aus Süd-Afrika als »Dankeschön« dafür, 
c aß sic Barclays Investitionen in Süd-Afrika 
unterstützten (wie cs in dem Werbcflugblatt 
geheißen hatte). Nebeneffekt: die Polizei hat¬ 
te den Nachmittag zu tun, die Hauptfiliale von 
Barclays Bank zu schützen. 


Wackersdorf — 

und die Berichterstattung der bürgerlichen 
Medien 

Am 2.3.86 starb in Wackersdorf die 61jährige 
Erna Sielka, am Ostermontag der 38jährige 
Alois H. - Demonstrationsfreiheit in diesem 
freiheitlichsten Staat, den es auf deutschem 
Boden je gab? 

Viel Aufsehens wurde um den Tod beider 
nicht gemacht; es blieb Genossen Vorbehal¬ 
ten, durch die Besetzung mehrerer Tageszei¬ 


tungen eine Berichterstattung einzufordern. 
Wir zitieren aus der Presseerklärung der Be¬ 
setzer des Göttinger Tageblatts: »Die Polizei 
versuchte, mit Einsatz von Schlagstöcken , Trä¬ 
nengas und Hunden, die Spaziergänger vom 
Bauzaun abzudrängen. Mehrere Fahrzeuge 
des Bundesgrenzschutzes versuchten aus uner¬ 
findlichem Grund, sich einen Weg quer durch 
die Menschenmenge zu bahnen . Dabei wurde 
die 61jährige Erna Sielka von einem jungen 
Polizisten stark gerempelt und wäre gestürzt , 
wenn sie nicht von einem anderen Demon¬ 
stranten auf gefangen worden wäre. Aufgeregt 
lief sie danach auf den Polizisten zu und wurde 
nach Aussagen von Zeugen ein zweites Mal zur 
Seite gestoßen, woraufhin sie mit einem Her¬ 
zinfarkt zusammenbrach. Der Polizist ver¬ 
schwand sofort hinter der Polizeikette, die 
Hundertschaft des BGS wurde nach kurzer 
Zeit ausgetauscht. 

Zwei Sanitäter aus den Reihen der Demon¬ 
stranten leisteten sofort erste Hilfe mit Herz¬ 
druckmassagen. Ein in unmittelbarer Nähe ste¬ 
hendes Sanitätsfahrzeug des BGS wurde nicht 
eingesetzt. Der über dem Platz kreisende Poli¬ 
zeihubschrauber wurde ebenfalls nicht zu Hil¬ 
fe gerufen, wofür die Polizei mehrere faden¬ 
scheinige Begründungen lieferte: Zunächst 

_ hieß es, der Hubschrauber habe auf dem 85 

Foto: Michael Wolf Hektar umfassenden, gerodeten Gelände kei¬ 
nen Platz zum Landen. Dann wurde behaup¬ 
tet, daß essein könnte, daß er am Starten gehin¬ 
dert würde und außerdem sei es nicht möglich , 
ihn für einen Krankentransport umzurüsten. 
Letzterem widerspricht aber schon mal die Tat¬ 
sache, daß bereits am Faschingsdienstag ein 
Verletzter mit einem Polizeihubschrauber ab¬ 
transportiert wurde. Als dann schließlich 20 
Minuten später ein Krankenwagen erschien, 
war die Frau bereits tot.« 

Massive Polizeikräfte, Massenverhaftun¬ 
gen, gezielte Hysterie-Falschmeldungen, 
BGS- und GSG 9-Einheiten, Maschinenpi¬ 
stolen, Knüppeleinsätze sagen genug über 
den Durchsetzungswillen des staatlichen Ge- 
waltmonopols in Fragen, bei denen ein Min¬ 
derheitenschutz eine demokratische Selbst¬ 
verständlichkeit wäre. Doch das ist alles noch 
nicht genug, wir folgen der Einschätzung der 
Göttinger Besetzer, wenn sie erklären, daß 
bei den Unruhen nach dem Tod von Günter 
Sare die Offiziellen gemerkt haben, daß allein 
die Einschüchterung und Kriminalisierung 
nicht ausreicht. Ais wenige Tage später in 
Amsterdam Hans Kok bei einer Hausdurch¬ 
suchung vorübergehend festgenommen und 
am nächsten Morgen in der Zelle tot aufge¬ 
funden wurde, herrschte in den bundesdeut¬ 
schen Medien faktisch Nachrichtensperre, — 
weil abermals größere Unruhen vermutet 
wurden. Dasselbe nun mit den Toten von 
Wackersdorf. Berichtet wird stattdessen wie¬ 
der einmal über den Unterschied zwischen 
friedlichen und gewalttätigen Demonstran¬ 
ten. Dadurch »entlarvt sich die sogenannte 
freie und unabhängige Presse als völlig loyal 
gegenüber staatlichen Interessen und Zielen 
und tritt als manipuliertes und bewußt manipu¬ 
lierendes Instrument auf.» 










übersetzt von Bernhard Arracher 


Es ist in diesen finsteren Zeiten schon eine 
Leistung, die Horror Shows aufzulisten und 
gegen sie zu protestieren; aber was bringt die¬ 
ser wachsende Etatismus zum Ausdruck? Wie 
ihn analysieren? 

Auf der einen Seite ist man geneigt, ihn als 
reaktionäres Phänomen zu betrachten, der 
letzte Gruß eines Teils der Welt, der noch im¬ 
mer im Hobbesschen Alptraum der Unterent¬ 
wicklung gefangen ist, wo autoritäre Regime - 
gerade wegen ihrer Zuflucht zur Gewalt, die 
untrüglichen Zeichen politischer Instabilität 
sind. Wenn man moderne Geschichte aus die¬ 
ser Sicht betrachtet, ist das Aufkommen des 
demokratischen Staates und der konstitutio- 
nellenRegierungsformen Teil des institutio¬ 
neilen Begriffs der Staatsbürgerschaft, der 
seine Wurzeln im 16. Jahrhundert hat, wel¬ 
ches als Bewährungsprobe für den kapitalisti¬ 
schen Fortschritt diente. 


Die wirkliche Rocky Horror Picture 
Show: Der Staat 


von Stephen Schecter t 

•*T 

Der Staat ist tot, lang lebe der Staat! - Dieser 
Ausruf, widersprüchlich bis zum Extrem, hält 
in bitterer Ironie der Welt den deformierten 
Spiegel ihrer eigenen Doppeldeutigkeit vor. 
In wenigen, relativ begrenzten Gebieten ist 
die Mehrheit der Menschen wohlernährt, in 
etwas besseren Barackenstädten unterge¬ 
bracht und mehr Reizen ausgesetzt wie sie 
verkraften kann. 

Man möchte meinen, daß Auschwitz einen 
Endpunkt darstellte, aber in weiten Teilen der 
Welt sind heute Praktiken, die vom mitteleu¬ 
ropäischen Totalitarismus entwickelt wurden, 
normale politische Handlungsweisen gewor¬ 
den. Für jene Dissidenten, die für die Sowjet¬ 
union zu schwierig in Irrenhäusern oder Ar¬ 
beitslagern zu internieren sind, hat sich der 
kommunistische Parteistaat eine herkömmli¬ 
che Behandlung einfallen lassen: Exil. Im We¬ 
sten wird das Exil vielleicht als eine Art Frei¬ 
heitbetrachtet. Es sollte aber nicht vergessen 
werden, daß es auch eine Art politischer Aus¬ 
schluß ist; und in der modernen Welt ist politi¬ 
scher Ausschluß oft ein erster Schritt in Rich¬ 
tung körperlicher Liquidierung. Die Nazis er¬ 
klärten die Juden zuerst zu Staatenlosen be¬ 
vor sie sie zu Unpersonen machten. Heute ha¬ 
ben Obdachlose und Flüchtlinge schon fast ei¬ 
nen institutionalisierten politischen Status er¬ 
reicht. Millionen von Flüchtlingen wurden als 
Nebenprodukt nationaler Befreiungskriege in 
Ostafrika vertrieben. Ihre festen Wohnsitze 
sind Lager in Somalia und im Sudan, ihr be¬ 
ständiger Wohltäter: die High Commission 
der UNO. Sie sind nicht allein, Israelis und 
Palästinensern gelang es einen schier unlösba¬ 
ren Konflikt zu schaffen. Selbstbestimmung 
rechtfertigt Terrorismus bzw. Besetzung und 
verneint des anderen Anspruch auf Mensch¬ 
lichkeit, dessen politische Dimension die Bür¬ 
gerrechte sind. 


In Ländern so verschieden wie Iran 
Kambodscha haben mobilisierte Eliten be¬ 
gonnen ganze Gesellschaften umzugestalten, 
was natürlich auch die Umgestal tung von Mil¬ 
lionen von Individuen bedeutet. Die Konse¬ 
quenzen sind bekannt: massiv erzwungene 
Binnenwanderungen, Folter und Unterdrük- 
kung. Und die Folterungen nehmen zu, Jahr 
für Jahr, Land um Land, Vergangenheit und 
Vorstellungskraft übertreffend:BrasiIien, 
Chile, Argentinien, Guatemala, El Salvador! 
Uruquay - um nur einige Länder zu nennen! 
wo Folter, Mord, erzwungene militärische 
Einberufung, Sippenhaft und Einschüchte¬ 
rung - sogar Völkermord zu institutionalisier¬ 
ten Staatscinrichtungen wurden. Hie und da 
spricht man über die Demokratisierung der 
Regime, genauso wie man über die Liberali¬ 
sierung des Sowjetsystems spricht, oder die 
Transformation der Apartheid in Südafrika, 
selbst wenn solche Sprüche keine ideologi¬ 
schen Mäntelchen sind, gibt es immer noch 
Keynes wichtigsten Spruch: Auf lange Sicht 
werden wir alle tot sein. 


__ i DieserProzeßv^r 

und blutig. Eingrenzungsbewegungen 

entwurzelten die Bauernschaft und schufen 
Heimatlose und Arbeitshäuser. Ein Jahrhun¬ 
dert lang saugte die kapitalistische Industriali¬ 
sierung die Arbeiterklasse aus. Die Abschaf¬ 
fung des Ancien Regime (Feudalismus) er¬ 
wies sich als gewalttätig und blutig, nicht nur 
für die traditionellen Eliten, sondern auch für 
die befreiten Massen. Wo Modernisierung zu 
spät kam, so wird behauptet, kam der Faschis¬ 
mus. (. . .) 

Die repressiven Mechanismen heutiger 
Staaten haben wenig zu tun mit dem Staatsap¬ 
parat der Ancien Regimes. Intellektuell und 
methodologisch wurzeln sie in der Entwick¬ 
lung moderner Technologie und Ideologie. 
Nicht nur sind die Foltermittel höchst verfei¬ 
nert, sondern auch die psychologischen Vor¬ 
gehensweisen, auf welchen die Anwendung 
der Folter beruht. Es existieren jetzt Folter¬ 
schulen, um die Männer der Praxis zu trainie¬ 
ren. Man kann sich den Grad der psychologi¬ 
schen Verfeinerung gut vorstellen, die nötig 
ist, sie auszubilden, und zwar in einer Welt, 
die diese Praktiken offiziell verdammt.Wäh¬ 
rend die Nazis sich hauptsächlich auf Ideolo¬ 
gie und totalitäre Isolation gestützt hatten, um 
die SS zu indoktrinieren, müssen ihre zeitge¬ 
nössischen Artgenossen solche Methoden als 
plump und unbrauchbar betrachten, - w r eil 
ineffizient. In diesem Sinne wurde Folter ein 
Teil des »Fortschritts«. 







15 


Auch die Ideologie bleibt nicht dahinter 
zurück: Was Orwell als Doppeldenken und 
Neusprache beschrieben hat, wurde Teil der 
offiziellen Sprache auf der ganzen Welt. Es ist 
auch nicht nur Einbildung, wenn wir glauben, 
daß wir das alles schon einmal gehört haben. 
Nach dem Scheitern der deutschen Arbeiter- 
rcvoltc 1953 bemerkte Brecht witzig, daß die 
Lehre für die Regierung klar sei: es wäre Zeit 
für sie das Volk aufzulösen und sich ein ande¬ 
res zu wählen. 1980 kommentierte der Präsi¬ 
dent Uruquays die Weigerung des Volkes, ei¬ 
nem Referendum zuzustimmen, welches die 
Militärdiktatur institutionalisieren sollte, mit 
fast den gleichen Worten. Der Präsident hat in 
der Zwischenzeit also auch noch den Trost der 
Ironie verloren, den der Dichter noch hatte. 

In solch ideologischer Manipulation wird 
Folter politisch zu therapeutischer Repres¬ 
sion. Die stabileren, bzw. die offen totalitären 
Regime wie die Sowjetunion oder Republik 
Südafrika können deshalb auch Gesetz und 
Psychiatric benutzen, um die Tatsache zu ver¬ 
schleiern, wie sehr die ganze Gesellschaft auf 
Terror aufgebaut ist. Man kann auch sagen, 
daß der Terror eingebaut ist. Gerechtfertigt 
meist mit »Wohlfahrt« oder »Schutz«. Was 
wir wahrnehmen ist vielleicht die totale Um¬ 
kehrung des historischen Prozesses von öf¬ 
fentlicher Wohlfahrt und sozialer Kontrolle; 
erste begleitet den Aufstieg des modernen 
Staates, letztere rechtfertigte sich mit erste- 
rcr. Wenn das zutrifft, wirft diese Entwicklung 
einige ernste Fragen über den »Fortschritt« 
auf. 

(• . .)Wie die real existierenden sozialisti¬ 
schen Gesellschaften sich des fortschrittlichen 
Standpunktes bemächtigten und sie in ihren 
Legitimationsprozeß einbauten, so haben 
auch die neuen, totalitären Gesellschaften der 
3. Welt die sozialistische Ideologie zu ihrer 
Art von Gleichschaltung umgestaltet. Das 
Modell des heutigen Iran ist ein Fall der hier¬ 
her gehört. Seine Sprecher und seine Apolo¬ 
geten präsentieren eine entstehende undein- 
heimische Form der Staatskontrolle, wo reli¬ 
giöse Tradition und moderne Repression ge¬ 
koppelt werden, beide ausgegeben als legiti¬ 
mes Modell von Modernisierung und 
Kritik der westlichen Gesellschaften, die als 
gottlos, materialistisch und man möchte fast 
hinzufügen bourgeois gelten. Das Arrange¬ 
ment hört sich bekannt an, aber es gibt einige 
neue Töne im Refrain: die Kritik ist selbstver¬ 
ständlich fortschrittlich und schlägt Kapital 
aus dom Mangel an Transparenz westlicher 
Gesellschaften. Sie versucht an deren Stelle 
e in lebensfähiges Modell der Modernität an¬ 
zubieten. 




»Die Großmächte fiirchtejt den Islam, weil er 
den perfekten Menschen schafft« (Imam Kho- 
meiny) 

Das revolutionäre Projekt soll nicht den Is¬ 
lam modernisieren, sondern die Modernität 
islamisieren: eine Herausforderung an den 
Materialismus und Rationalismus, die den 
Westen ausmachen. Der Refrain ist nichtsde¬ 
stoweniger vollgestopft mit Worten, die in ei¬ 
nem anderen Kontext als nationalistisch be¬ 
zeichnet werden würden: die Attacke gegen 
die Dekadenz, der antiimperialistische An¬ 
strich, das expansionistische Geklingel,der 
Ruf nach totaler Mobilisierung. Wenn der Fa¬ 
schismus wiederkommen kann, dann diesmal 
in der Ideologie der Modernisierung. 

Wie soll man dann die Nazierfahrung inter¬ 
pretieren? Geschichte wird umkehrbar, Hit¬ 
lerdeutschland ist nicht mehr nur eines der 
Versehen des Kapitalismus, ein Nebenpro¬ 
dukt von entwicklungsmäßiger Verzögerung 
und nationaler Besonderheit. Eher scheint 
Faschismus dann ein falscher Wendepunkt zu 
sein, der zu oft genommen wird (!); ein Fall in 
die Barbarei, welcher für die Zukunft zu be¬ 
fürchten ist. (. . .) 

Wenn man dieser Linie folgt, wird der Fa¬ 
schismus zu einem Abschnitt in der Entwick¬ 
lung des modernen Staates und nicht - wie 
vielfach interpretiert - zu einer Regression in 
der Entwicklung des Kapitalismus . Er verkör¬ 
pert nichts anderes als eine Sozialordnung, 
welche das Erstarken einer Technobürokratie 
favorisiert, die als notwendig für die Verwal¬ 
tung dieses Staates angesehen wird. Solch ei¬ 
ne Sicht würde auch erklären, warum in den 
verschiedensten historischen Momenten und 
in verschiedenen politischen Zusammenhän¬ 
gen, das Projekt der Modernität eine so be¬ 
merkenswerte Ähnlichkeit an den Tag gelegt 
hat. Wo die Regierung sich als Volksregie- 
rung ausgibt, aber tatsächlich in der Hand von 
Eliten liegt, ist es kaum verwunderlich, daß 
wachsendes Gewicht auf die kulturelle Re¬ 
volution als das Herz jeder Modernisierung 
(nämlich die der Menschen) gelegt wird. Ein 
sicheres Zeichen fortgesetzter Beherrschung; 
- ist doch diese Formulierung ein charakteri¬ 
stisches Kennzeichen für scheinbar so ver¬ 
schiedene Regime wie Nazideutschland, 
Mao-China und den islamisierten Iran. 


Betrachten wir außerdem, was ein Autor 
über Lateinamerika geschrieben hat: 

»Kein Zweifel, es existiert auch innerhalb re¬ 
formistischer oder revolutionärer Bewegun¬ 
gen, christlicher oder humanistischer Inspira¬ 
tion, sogar unter den Uniformen, eine nicht un¬ 
bedeutende Strömung, welche die Notwendig¬ 
keit betont, zu einer wirklichen Emanzipation, 
voll Demokratie, effektiver Teilnahme und 
wirklicher Verantwortlichkeit der Produzenten 
zu kommen . Aber es ist nur eine Gegenströ¬ 
mung, die zuoft in dem großen Durcheinander 
verlorengeht, dessen Generaltendenz auf den 
Staat zielt und sich auf die Staatsmacht verläßt 
- gelichsam als die einzige Quellevon Verände¬ 
rung und Autorität. . . . Wenn wir uns nicht 
auf Phrasen und Absichtserklärungen be¬ 
schränken lassen wollen, sondern das Verhal¬ 
ten und die Handlungsweise eines jeden Mit¬ 
glieds der neuen Avantgarden verfolgen, sind 
wir gezwungen anzuerkennen, daß die allge¬ 
meine Linie, von der sie inspiriert wurden, an 
die Grenzen totaler Mobilisierung von Res¬ 
sourcen und Arbeitskraft geht. Daß sie die Ar¬ 
beitskraft größtmöglich nutzbar machen, ihre 
Disziplin und ihr Management Sickerstellen 
wollen , um den größtmöglichen Ertrag abzu¬ 
pressen und eine Wirtschaft, die auf Kampf be¬ 
ruht, aufzubauen. Agrarreformen werden un¬ 
ter dem Aspekt geplant, das Entstehen eines 
Arbeiterproletariats zu begünstigen; Investitio¬ 
nen um das industrielle Kapital zu verstärken; 
die soziale Organisation zielt lediglich darauf 
ab, die Produktivität und Disziplin zu verbes¬ 
sern; in diesen - wichtigsten - Orientierungs¬ 
punkten bewegt sich das »Fortschrittsprojekt«. 

. Mit einem Appell an die Freiwilligkeit und den 
Enthusiamsmus beginnt es, mit einer Zuflucht 
zu den diversen Zwangsmaßnahmen geht es 
weiter.« 

Die Programme könnte man als soziali¬ 
stisch bezeichnen, denn sie erlauben schön- 
färberisch die Verschmelzung von tausend¬ 
jährigen Wünschen mit den Erfordernissen 
der Planung. Eine Methode, die auch mit dem 
anderen schlichten Wort gefährlich be¬ 
zeichnet werden könnte; - wenn wir gewillt 
wären, unsere Neugierde so weit zu treiben, 
daß wir fragen, wer regiert, wer zieht Nutzen 
daraus und wer bekommt den Mehrwert. 

Ein anderer Autor hat diese theoretische 
Beschreibung für die Praxis Äthiopiens bestä¬ 
tigt: 

»Im Jahre 1981 konnten die Mitglieder der 
COPTE (Commission on Organisation ofthe 
Ethiopian workers Party), die schon als Partei 
auftrat, folgendermaßen klassifiziert werden: 
Bauern (1,2%), Arbeiter (2,9%), Lehrer , Be¬ 
amte, Angehörige der Armee und anderer Ge¬ 
sellschaftsschichten 95%. Nach einer besonde¬ 
ren Anstrengung in der Mitgliederwerbung 
und einer Änderung der Mitgliedschaftsbedin¬ 
gungen sieht die Sache im Oktober 1982 so aus: 
Bauern (3,3%), Arbeiter (21,7%), Intelligenti- 
sa, Beamte, Angehörige der Armee und ande¬ 
rer Gesellschaftsschichten 75%. Die Zahlen 
sprechen für sich selbst. Die COPTE soll in ei¬ 
ne wirkliche Partei, aus Anlaß des 10. Jahresta¬ 
ges der Revolution, umgeformt werden, und es 
ist nicht schwer zu erkennen, welche Klasse in 
Addis-Abeba an der Macht ist und an der 
Macht bleiben wird. Es kommt nicht von unge¬ 
fähr, daß der renommierte Schriftsteller Bealu 
Girma von seiner Funktion als Generalsekre¬ 
tär des Informationsministeriums entfernt wur¬ 
de und sein letztes Buch konfisziert und verbo¬ 
ten wurde: in ihm beschuldigte er die neuen Bü¬ 
rokraten, nur auf Frauen und Autos scharf zu 
sein, und er verglich sie mit der von Milovan 
Djilas beschriebenen Neuen Klasse. 















16 

Auch im Westen gedeiht die neue Klasse 
und die Kontrollmechanismen werden ver¬ 
mehrt. Man sieht es vielleicht zuallerst an den 
außenpolitischen Beziehungen der modernen 
kapitalistischen Staaten, wo internationale 
Geldinstitute benutzt werden, um die Abhän¬ 
gigkeit der 3. Welt und deren Bonapartismus; 
(gemeint wohl Hang zur Militarisierung) auf¬ 
recht zu erhalten. Oder am Export von Folter¬ 
schulen und Befriedungstechniken; an der 
wachsenden Zuflucht zu ideologischer Ver¬ 
drehung und Übertreibung, wo ein feindlicher 
Einfall gleich zur Invasion wird; wo nationale 
Sicherheit, Imperialismus und freie Wahlen 
(und neuerdings auch in der Außenpolitik der 
eigentlichinnenpolitische Terrorismus;SF) 
ein Freibrief für Repression werden. Wo - als 
kleines Beispiel - als Name des Hauptgefäng¬ 
nisses für politische Gefangene in Uruquay 
»Libertad« (Freiheit) gewählt wird. 

Solche Entwicklungen bleiben jedoch nicht 
ohne Bumerangeffekt auf die Politik der kapi¬ 
talistischen Länder. Das Leben wird dort, 
trotz all dem »Fortschritt« in vielen Aspekten 
schwieriger und von Angst überschattet. Die 
Krise schlägt Wurzeln und zerschlägt Träume 
und Leben. Mehr Menschen leben von der 
Wohlfahrt und sind arbeitslos. Junge Men¬ 
schen haben wenig Aussichten auf einen Job. 


Die Geburtenraten sind niedrig.Familien 
zerbrechen. Grenzen werden dicht gemacht. 
Der Staat kürzt die Sozialausgaben, versucht 
sich aber gleichzeitig in neue Gebiete sozialer 
Aktivität hineinzudrängen oder in alten neue 
Regeln zu etablieren: in der Sexualität, der 
Gesundheitsfürsorge, Bevölkerungsstatistik, 
Einwanderung und in Sachen Weltall. 

In der BRD bekommen Frauen, die ein 
Kind nicht abtreiben lassen, Geld vom Staat. 
In Kanada, das einst eine relativ liberale Ein¬ 
wanderungspolitik betrieben hat, ist es sehr 
schwer einzuwandern, es sei denn man ist sehr 
reich oder weist besondere Qualifikationen 
vor. Die Regierung der USA investiert Billio¬ 
nen von Dollars in die Rüstungsforschung, 
mit dem Ziel den Atomkrieg in das All zu ver¬ 
lagern. Allem zugrundeliegend ist eine inter¬ 
nationale Wirtschaftsrivalität zwischen den 
USA, Westeuropa und Japan, denen es um 
die technologische Vorherrschaft geht. Eine 
Entwicklung, die dem Militarismus und dem 
Autarkiestreben neuen Auftrieb gibt. Rassis¬ 
mus und Gewalt sind zurückgekehrt und su¬ 
chen die konstitutionellen Demokratien in so 
verschiedenen Formen wie rechten politi¬ 
schen Bewegungen (FN in Frankreich), Vi¬ 
deos (Gewalt), unerklärlichen Selbstmorde¬ 
pidemien und Fernsehen heim. 



UMBRUC 





Zeitschrift für Kultur • Heft 1/86 

Der postmodeme 
Prometheus: 

Künstliche Intelligenz 
& Gentechnologie 

U nd der Mensch versuche die Götter 
nicht,/ und begehre nimmer und 
nimmer zu schauen,/ was sie gnädig be- 
decken mit Nacht und Grauen. Der mo- 
ralinsaure Warnruf aus Schillers »Tau- 
eher« scheint derzeit links mehr Beach- 
tung zu finden als rechts, so wieder beim 
jüngsten Knall im All. Daß die Kritik an 
der technologischen Entwicklung erst 
richtig trifft, wenn sie sich auf den Ge¬ 
genstand selbst einläßt, soll dieses Heft 
verdeutlichen. 



Künstliche Intelligenz, denkende Ma- 
schinen, maschinelle Menschen? Wolf- 
gang Coy setzt sich mit Problemen ma¬ 
schineller Intelligenz auseinander, mit 
erkenntnistheoretischen ebenso wie mit 
scheinbar banalen: Wie genau rechnen 
Rechner? Johann Peter Regelmann be¬ 
schreibt die Ideologiegeschichte des 
Gentechnologen und Fritz Güde folgt 
den Spuren von Robotern und Franken¬ 
steinen zurück zu der philosophischen 
Krise um (und seit) 1800. Sie finden da¬ 
bei Grenzen und Ergebnisse, die andere 
sind als die religiöser Bescheidung oder 
als die grenzenlosen wissenschaftlichen 

Allmachtsphantasien. 

Außerdem in diesem Heft: 

Runa Fecher: SAAMEN. Leben und 
Kunst einer ethnischen Minderheit * Pe- 
ter Kock: Konstruktion und Chiffre. 
Paul Klees Zeichnungen • Fritz Güde: 
Traumfäden um Walter Benjamin: 
Spazierengehend zwischen Zypressen 
Umbruch 5/85 kann, wo im Buchhan- 
del nicht erhältlich, für 5 DM (Schein, 
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gleich mitschicken) bei Buchvertrieb Ha¬ 
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mutung, daß alles irgendwie ungerecht ist, die | 
Krise, die Sparmaßnahmen, die unausgespro- 5 
chene Repression weltweit; vielleicht verbirgt 
sich sogar die Erkenntnis darin, daß die wahre 
Natur der Krise die Unbrauchbarkeit der ge¬ 
genwärtigen sozialen Organisation ist; - ange¬ 
sichts des vorhandenen Wissens, der Ressour¬ 
cen und des Reichtums an Energie. Die Er¬ 
kenntnis ist jedoch nur eine Vermutung, ein 
Vielleicht. Die dominantere, sofort gezeigte 
Reaktion ist Frustration und Machtlosigkeit,, 
verstärkt durch das Eingeständnis der Eliten 
im Staat und im privaten Bereich, daß auch sie 
machtlos sind, angesichts internationalen 
Drucks, den sic nicht kontrollieren können. 
Die hervorgerufene Panik verstärkt parado¬ 
xerweise den Wunsch nach Kontrolle, sie 
nährt jene sozialen Kräfte, welche, kämen sie 
verstärkt an die Macht, eine autoritäre Ent¬ 
wicklung in den westlichen Staaten nicht un¬ 
vorstellbar erscheinen lassen. Die völlige 
Nutzlosigkeit des gegenwärtigen sozialen Oe- 


: Richtung. Die Automatisierung ganzer Fabri- 

* ken, die Einführung von Robotern, der wach¬ 
sende Einsatz von Computern, - alles macht 
Arbeit, wie wir sie kennen überflüssig. Aber: 
die Gesellschaft läuft noch immer auf der 
Geldschiene, was Arbeit, wie wir sie kennen 
noch immer notwendig macht! Auch wenn sie 
unnötig ist. Die Verteilung der Arbeit inner¬ 
halb der westlichen Gesellschaften wird dem¬ 
nach in Zukunft der Verteilung der Arbeit in¬ 
nerhalb der gegenwärtigen internationalen 
Ordnung ähneln: eine große Unterklasse in 
relativer Armut wird von einer internationa¬ 
len Elite regiert und gemanagt, deren Exi¬ 
stenz, ganz zu schweigen von den Privilegien, 
auf der Aufrechterhaltung eines Kontrollsy- 
stems beruhen wird. In diesem Kontrollsy- 
stem wird der Staat, oder eine modifizierte 
Form davon, eine interessante Rolle spielen. 
Hinweise auf dieses mögliche Szenario (dem 
wir heute entgegenwirken müssen) geben die 
wachsenden Zahlen von Analphabeten. 


Das schädlichste Element in diesem Szena¬ 
rio ist, die Verschleierung. Denn obwohl die 
Technobürokratie bestehen bleibt, werden 
durch die Verstreuung der Macht in der Ge¬ 
sellschaft die Kontrollelemente verschleiert 
und der Eindruck hervorgerufen, daß der 
Staat tot sei. Das impliziert einerseits eine er¬ 
weiterte Handlungsfreiheit für seine individu¬ 
ellen Mitglieder, schafft aber andererseits 
neue Kontrollmechanismen, die das Funktio¬ 
nieren solcher Freiheiten auf höherer Ebene 
erst erlauben. In dieser Weise funktioniert 
heutige Macht und so wird sie von den Medien 
verbreitet. Politische Diskussionen nehmen 
unweigerlich einen therapeutischen Farbton 
an. Die Animatoren sind allesamt »fort¬ 
schrittlich«. Die Teilnehmenden sind ange¬ 
messen dogmatisch oder cool. Aber: nichts 
und niemand sagt die volle Wahrheit und die¬ 
se implizierte Verrücktheit hat Methode. Es 
ist die Methode der Ordnungsfanatiker, deren 
Funktion es ist, die Situation zu definieren 
und in die zeitgenössischen Kontrollmuster 
einzuarbeiten. Die Menschen sehen, wie eine 
Welt vor ihren Augen konstruiert wird. Eine 
Konstruktion der Realität, die ihrer Kontrolle 
entwischt, obwohl sie versuchen ihre Realität 
zu beherrschen oder wenigstens, daran teilzu¬ 
nehmen. Die Ungleichheit von Macht und 
Ressourcen vorausgesetzt, ist Kontrolle not¬ 
wendigerweise eine Traum, der für einige 
wenige vorgesehen ist; aber solange die große 
Mehrheit der Definition zustimmt, ihr Heil in 
diesem Sinne sucht, wird das Kontrollsystem 
weiterbestehen, auch wenn das System selbst 
außer Konti olle zugeraten scheint. 

Das ist zugegebenermaßen eines der trau¬ 
rigsten Szenarios und echt orwellianisch. Es 
wird bestimmte Erneuerungen und bestimmte 
Annäherungen auf internationaler Ebene er¬ 
fordern - in Ost und West, Nord und Süd. 
staatliche und multinationale Zusammenar¬ 
beit. 

Es gibt jedoch eine andere mögliche Va¬ 
riante, die mehr mit der funktionalistischen 
und marxistischen Tradition konform geht: 
diese tendiert dazu, ein langsames, aber be¬ 
stimmtes Entfalten von Geschichte als Fort¬ 
schritt und Freiheit mit immer größeren Mög¬ 
lichkeiten zu sehen. In dieser evolutionisti- 
schen Version repräsentieren die komplexe¬ 
ren Gesellschaften, weil sie anpaßungsfähiger 
sind, die Zukunft. Eine Zukunft, in der aber 
ebenfalls Autonomie und Kontrolle unauflös¬ 
lich miteinander verbunden sind. (...) Die 
politischen Erben dieser Perspektive sind die 
Sozialdemokraten mit all ihren Varianten: da¬ 
her ihre Verteidigung des Staates, konstitutio¬ 
nell und kontrolliert und deswegen ihr Realis- 


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Diese Perspektive ist nicht unplausibel, 
aber ein nagender Zweifel bleibt, ob der Be¬ 
merkung, auf die wir schon hingewiesen ha¬ 
ben, daß im-Zeitrahmen dieser Perspektive, 
wir sicher alle tot sein werden. Der Zweifel 
bleibt auch bestehen wegen der Zweideutig¬ 
keit von Freiheit und Fortschritt in den libera¬ 
len Zonen der Welt und die Fragen, die sie 
auch weiterhin aufwerfen. Die Auswahl wird 
größer, jedoch scheint es für die Menschen 
keinen Unterschied zu machen: denn der Ein¬ 
druck verfestigt sich, daß die Auswahl zwi¬ 
schen Sex und Politik in Wirklichkeit keine 
wirkliche Wahl ist. (. . .) Kaum wird mensch¬ 
liche Aktivität von einer Ära der Plackerei be¬ 
freit,wird sie schon wieder kanalisiert oder 
verführt durch andere, deren Herrschaft oder 
Vergnügen nur für den Preis fortgesetzter Op¬ 
fer, Subordination oder Konflikt erreicht wer¬ 
den können (, . .) Die Psyche des Individu¬ 
ums und das Verhältnis zwischen Individuum 
und Gemeinschaft werden dadurch bestimmt, 
daß die Pseudo-Ereignisse, die in spektakulä¬ 
ren Dramatisierungen an den Menschen vor¬ 
überrauschen, nicht von ihnen selbst gelebt 
werden. Was wirklich gelebt wird, hat nichts 
zu tun mit der offiziellen Ereigniswelt der Ge¬ 
sellschaft via Fernsehen. Die individuelle Er¬ 
fahrung von täglichem Leben bleibt ohne 
Sprache, ohne Konzept, ohne kritischen Zu¬ 
gang zur eigenen Vergangenheit. Sie wird 
nicht vermittelt, nicht aufgeschrieben und 
vergessen; - zugunsten der falschen Erinne¬ 
rung an das Spektakuläre. 

Aus dieser Welt werden immer mehr die 
Utopie und das Prinzip Hoffnung verbannt. 
Unser Engagement gilt deshalb notwendiger¬ 
weise dem Gegenteil. Im Zentrum der politi¬ 
schen Debatte über die Natur des Staates 
steht eigentlich die Frage, ob eine Gesell¬ 
schaft ohne Staat, aber der Freiheit verpflich¬ 
tet und sogar fortschrittlich im eigentlichen 
Sinne, möglich ist. Diese Frage steht im Zen¬ 
trum der Debatte zwischen Sozialdemokratie 
und Anarchismus, zwischen Realpolitik und 
Utopie. Trotz all ihres Realismus und Empi¬ 
rismus, scheint die Sozialdemokratie zu ver¬ 
gessen, daß der moderne Staat historisch aus 
der Subordination und Integration der utopi¬ 
schen Elemente der Demokratie entstanden 
ist, während die Lösungen, die sie Vorschlä¬ 
gen nur die Probleme reproduzieren, die sie 
vorgeben zu lösen. Vielleicht ist es das Beste, 

- was wir anzubieten haben, aber nicht als rei¬ 
nes Wunschdenken, - wenn wir darauf hinwei- 
sen, daß nur eine fundamentale Umgestaltung 
der sozialen Strukturen Verbesserung ver¬ 
spricht. Heute vielleicht mehr den je gilt, daß 
die Ideologiekritik eine zentrale Frage ist und 
wirversuchen müssen, danach zu leben, auch 
angesichts unserer eigenen Widersprüche. 
Mehr zu tun, ist Aufgabe der Politik und um 
den Weg abzuklären brauchen wir die Theo¬ 
rie. 


Anmerkung: 

Stephen Schcctcrs Artikel ist die gekürzte und über¬ 
arbeitete Fassung eines geplanten Vortrags beim 
Anarchistenkongreß in Venedig. Der Vortrag fiel 
dann wegen dem Wunsch vieler holländischer und 
deutscher Besucher über Hausbesetzungen zu dis¬ 
kutieren aus. Schcctcr war der einzige offizielle Teil¬ 
nehmer der umfunktionierten Veranstaltung, der 
die Souveränität aufbrachtc, seinen Beitrag fallen zu 
lassen. Gerade dies machte uns neugierig. 

Benutzte Literatur u.a.: 

Hannah Arendt: The Origins of Totalitärem, New 
York 1951 

H. Sklar: Trilateralism, Black Rose Books, Montre¬ 
al 1980 

G. Dcbord: The Society of Spectacle, Black and 
Red, Detroit 1977 


L. Lanza: Fascism and Tcchno-burcaucracy, in: 
OUR GENERATION, Montreal 1977 

L. Mcrcicr-Vcga: La revolution par l£tat, Payot, Pa¬ 
ris 1978 

O. Kapcliouk: Quand lc paysan cst tenu ä l==cart des 
dccisions politiques, Le Monde diplomatique, 1984 
Adrct: Travaillcr dcux heurcs par jour, Scuil, Paris 
1977. 

N. Laurin-Frencttc: Sociologic ct socidtcs, 1983 

M. Bookchin: The Ecology of Frccdom, Palo Alto 
1982 

T. Adorno: Negative Dialcctics, 1973 


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Nr. 28, Februar 1986 

Schwerpunkt: Äußerer Zwang - Innere Einstel¬ 
lung - Industriearbeit im Wandel * Vom blauen 
Montag zum freien Samstag * Synchronisierung 
der Arbeit * Frauenarbeit: Die andere Seite der 
Industrialisierung * Zur Geschichte der Automo¬ 
bilarbeiter * Kein Ende der Arbeitsteilung * The¬ 
sen von Kem/Schumann * Rationalisierungsver¬ 
lierer - und wer gewinnt? * 

Weitere Themen: Physik in Nicaragua * Nord¬ 
deutsche Affinerie * Führt die moderne Physik zu 
Magie und Astrologie? * Bildungsarbeit mit jun¬ 
gen Angestellten * Personalinformationssysteme 
ä la Zuse * Von Pufferküssern und anderen Eisen¬ 
bahnfans * 

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sandkosten) erscheint vierteljährlich 


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An der Universität Bielefeld findet vom 30. Mai 
1 .Juni 1986 ein Kongreß statt, in dessen Mittelpunkt 
das Diskussionsthema stehen soll: Kein Staat mit 
diesem Staat? Ziel des Kongresses ist es, »alte und 
neue Sclnvachpunktc >iinkcr< Staatskritik deutlich 
zu machen, sic aufzuarbeiten etc. Aufgerufen zur 
Teilnahme sind alle in diesem Bereich Aktive, Orga¬ 
nisationen etc. 

Zwei Ansatz-Punkte unter vielen anderen sollen 
z.B. sein: 


a) Frauen erfahren gerade in einer Zeit, wo ihre ver¬ 
stärkte Mitwirkung und Beteiligung am öffentli¬ 
chen Leben diskutiert wird, die Fremdheit eines 
Staalsgebildcs, das nicht ihres ist. ( Hoffentlich 
nicht! SF) Ihnen stellt sich die Frage, ob ein Staat, 
gleich welcher Ausformung, den Rahmen für ei¬ 
ne Gesellschaft bilden kann, in der patriarchali¬ 
sche Strukturen aufgelöst sind. Andererseits sind 
der Sclbstvcrwirklichung von Frauen auf »In¬ 
seln« in dieser Gesellschaft Grenzen gesetzt. Der 
Widerspruch, der sich darin äußert, daß Frauen 
gleichzeitig »mittendrin« und doch »draußen« 
sind, macht Vcrändcrungsstratcgicn schwierig. 
Forderungen nach gezielter Frauenförderung an 
den Staat bzw. der Versuch, mit Hilfe staatlicher 
Machtmittel (Fraucnministcrium, Frauenbeauf¬ 
tragte oder Strafrecht) Fraucndiskriminicrung 
abzubaucn, machen die Diskussion notwendig, 
inwieweit cs möglich oder überhaupt wünschens¬ 
wert ist, den Staat für die Ziele der Frauenbewe¬ 
gung zu instrumentalisieren, 
k) Die aktuelle Kontroverse um die sog. »Sicher¬ 
heits-Gesetze« macht die Weiterentwicklung des 
»freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates« (na 
l (l > SF) zum modernen Sicherheitsstaat (sehr mo¬ 
derat benannt, SF) deutlich. Der scheinbare Sieg 
gegen die Volkszählung 1983 vor dem Bundes¬ 
verfassungsgericht wird nun in sein Gegenteil 
verkehrt und als Legitimation zur Erweiterung 
des Überwachungsapparates und zur Auswei¬ 
tung der innerstaatlichen Geheimdienste mi߬ 
braucht. Wie kann cs in dieserSituation gelingen, 
über die bloße Ablehnung weiterer Verschärfun¬ 
gen hinaus zu einer konstruktiven Position in der 
innerstaatlichen Sicherheitsdiskussion zu gelan¬ 
gen? 

Veranstalter: ASTA Bielefeld und Fachschaft Jura; 
mit von der Partie, man merkfs an den gewählten 
Formulierungen, die Grünen und die Jusos, nicht 
eingeladcn: die Anarchisten. Also eine Auftakt- 
Veranstaltung für einen problcmbcwußtcn, aber 
staatsimmanenten »linken« Wahlkampf? 

AS7 A Bielefeld, Postfach 86 40; 4800 Bielefeld; Tel.: 
052111063909. 


»Heimat und internationale Solidarität«, unter die¬ 
sem Motto steht das 12. Tübinger Festival vom 
23.-25.5.86. Musik und Diskussionsvcranstaltun- 
gen werden zu drei »Hcimat«bercichcn vorbereitet: 
Baden-Württemberg, Südafrika, Europa. Im sam¬ 
stäglichen Hauptkonzert »Freiheit für Nelson Man¬ 
dela« werden u.a. Mercedes Sosa, Lutz Görncr, 
Franz-Josef Degenhardt, District Six, Lydic Auvray 
und die Auvrettes, auftreten. Als Rednerin wird 
Zindzi Mandela, Tochter Nelsons und Winnies, er¬ 
wartet. 

Festivalbüro: Club Voltaire, Haaggasse 26b, 7400 
Tübingen, Tel.: 07071151524. 


4.Internationales Sommertheater-Seminar in Ber- 
gisch-Gladbach, Haus Lerbach vom 16.-25.August 
86. Integrierte Workshops zu: Zirkustechniken, 
Clownerie, Tanz und Bewegung, unsichtbares Stra- 
ßcn-und Aktionstheater etc.. 10 Tage, 350.-DM, 
Verpflegung und Unterbringung inklusive. 

Kontakt: Jeanine de Heus, Europ. Akademie Ler¬ 
bach, 5060 Bergisch-Gladbach 2, Tel. : 02202131021. 


Das 2. Freiburger Video-Forum findet vom 
29.10.-2.11.86 in Freiburg statt. Videos an und In¬ 
fos von der Medien werkstatt Freiburg, Konradstr.20 
7800 Freiburg. 



Auch in Chicago fand parallel zum Erscheinen die¬ 
ser Nummer des SF ein Internationales Anarchisten¬ 
treffen vom 1.5. - 4486 statt. Ende 1985 hatten 40 
Anarchisten beschlossen, den lOOsten Jahrestag von 
Haymarket nicht bürgerlichen oder anderen soziali¬ 
stischen Gruppen zu überlassen. Unter den vorbe¬ 
reiteten Workshops fanden sich Themen wie: Ge¬ 
walt-Gewaltfreiheit; Netzwerke; Politik in der er¬ 
sten Person; Pornographie; Zensur; der Kuklux- 
klan; Kinderbefreiung; Gesetz und Anarchie; Tier¬ 
befreiung; fortschrittliche Ideologien; Nationale Be¬ 
freiungsbewegungen; Klassenkampf; anarchistische 
Zukunftsperspektiven. 

Zudem war geplant: Am 1. Mai eine Demo; am 2. 
einige anti-kapitalistische Aktionen in Chicago; am 
3.Mai ein Banquet, eine Tclcfonvcrbindung zum 
australischen Kongreß und ein Nachtkonzert; am 4. 
Mai schließlich sollten die die »Märtyrer vereinnah¬ 
menden« Dcnkmalscnthüllungcn der Stadtoffizicl- 
lcn und Sozialisten »begleitet« werden, mit eigenen 
Aktionen. 

Nachträgliche Informationen über den Ablauf etc. 
bei: Impossible Books, Box 1200 W. Fullerton, Chi¬ 
cago, Illinois 60614; USA. Falls sich jemand aus der 
SF- Leserschaft nach Chicago verirrt hat, wäre ein Be¬ 
richt erwünscht. 


D %} 1 : ^'«nationale Gewaltfreie Marach für Fm 
mditansierung findet vom 16.7.-3.8. in Faslanc na¬ 
he Dumburton in Schottland statt. Durch militäri¬ 
sche Landnahme sollen die dortigen U-Boot-Slütr 
punkte erweitert werden. Von uns ecnlam .tS 
Workshops Trainings und gewaltfreie Aktionen 

Frankfurt SO Porlhs ^-3/403, 6000 











20 


Interview mit Clara Thalmann (Teil 2) 



»Ordnung ohne Freiheit ist 
Unterdrückung - 
Freiheit ohne Ordnung geht 
aber auch nicht« 


Photos: Christian Cadot, Nizza 


von Winand Ehls und Axel Wagener 
/ Black Star Press Duisburg-Göttingen 


Frage: Clara, die nächsten Fragen zielen mehr 
auf die gegenwärtige politischen Probleme 
und Geschehnisse ab. Du hast mit Pavel, dei¬ 
nem Mann, stalinistische Machtpolitik am ei¬ 
genen Leib erfahren müssen, und kennst dar- 
überhinaus das Schicksal vieler Sozialrevolu¬ 
tionäre und Anarchisten, die in ähnlicher oder 
gar schlimmerer Weise verfolgt wurden. Wie 
beurteilst du heute selbst den Wandel sowjeti¬ 
scher Innen-und Außenpolitik seit Stalin? 
Was hat sich in den Amtszeiten Chrust- 
schows, Breschnjews, Andropows, Tscher- 
nenkos deiner Meinung nach positiv verän¬ 
dert? 

Clara: Also mit Chrustschow hat sich eines ge¬ 
ändert, daß nämlich die Verbrechen von Sta¬ 
lin überhaupt ausgesprochen wurden. Die 
Kommunisten wollten das erstmal gar nicht 
glauben. Und - dann wurden ja vielleicht 
einige Leute aus den Lagern entlassen. Einze- 


le, wie Solschenitzyn, kamen raus und zwar 
sehr oft durch internationale Aktionen. Aber 
aufgelöst wurden die Lager nicht. Die Büro¬ 
kratie hat sich insgesamt weiterentwickelt und 
wird auch immer versuchen, ihre Privilegien 
festzuhalten. Außenpolitsch ging es eigentlich 
immer noch um die Macht. 

Aber ich muß weiter ausholen. Ich war ja 
als Kind schon in der sozialistischen Kinder¬ 
gruppe uind dann kam - ach, das möchte ich 
jetzt doch schnell noch erzählen: Damals war 
in Basel gerade der intenationale Friedens¬ 
kongreß der III. Internationale. 1 Da hat mein 
Vater mich bei der Hand genommen und wir 
sind auf den Münsterplatz gegangen . Wir ka¬ 
men auf diesen Platz - da herrschte ja schon 
eine bestimmte Kriegsstimmung, also daß 
man Angst hatte vor dem Krieg. Und in mei¬ 


ner Erinnerung - ich war 4 Jahre alt — war 
der Platz schwarz von Menschen. Von überall 
kamen sic her. Das war so am Ende des Kon¬ 
gresses. Mein Vater ging fast jeden Tag hin. 
Er war Anti-Militarist, deutscher Kriegs¬ 
dienstverweigerer. Dort, auf dieser Ver¬ 
sammlung, gab es einen emstimmigen Be¬ 
schluß: sollte der Krieg ausbrechen, dann 
müssen wir international den Generalstreik 
ausrufen, um den Krieg zu verhindern. Es war 
eine Begeisterung, wirklich toll! Ein Ein¬ 
druck, den ich nie vergessen werde. 

Dann mit 6 Jahren, kam ich zur Schule. Es 
war bereits Krieg und wir hatten darunter zu 
leiden. Wir waren Deutsche — mein Vater 
war doch Deutscher - und da ging das los, da 
haben sie uns in der Schule nachgeschricn 
»Sauschwab«. Damals war so eine schreckli- 






che nationalistische Stimmung in der Schweiz 
- wo es doch zwischen Deutschland und 
Frankreich losgegangen war.Es war genau am 
Beginn des Weltkrieges. Da hat mein Vater 
gesagt: »Laßt euch nicht beeindrucken, redet 
mit den Leuten. Sagt ihnen, ihr seid nur Men¬ 
schen. Die können nichts dafür, daß sie in der 
Schweiz geboren sind, oder wer in Deutsch¬ 
land oder in Frankreich geboren ist. Ver¬ 
suches und wcnn’s nicht klappt — haut zu¬ 
rück! 

Wir waren drei Mädchen, zwei Deutsche 
und eine Italienerin. Bei meinem Bruder war 
auch noch ein Deutscher. In der Schule haben 
sie uns dann wieder gehänselt. Da sind wir auf 
sic los und haben sic verprügelt. (Lacht) 

Es gab dann eine Diskussion vor.der gan¬ 
zen Klasse. Wir wollten uns verteidigen, und 
so habe ich gesagt: »Hören Sie« - diese Leh¬ 
rerin hat auch noch Religionsunterricht gege¬ 
ben — »ist der liebe Gott Deutscher, Franzose 
oder Schweizer? Wir haben nicht angefangen. 
Die hänseln uns. Wir sind gegen den Krieg, 
unser Vater auch, der ist Kriegsdienstverwei¬ 
gerer. Und wenn sie sagen, der liebe Gott ist 
ein Schweizer, Franzose oder Deutscher, 
dann ist das nicht richtig!« (lacht) Damit war 
Schluß, wir hatten keine Schwierigkeiten 
mehr. 


Dann bin ich in die Kommunistische Par¬ 
tei. Ich war zu der Zeit in Paris, von 1925 bis 
1928, dort habe ich in der Fabrik gearbeitet. 
Nachher arbeitete ich bei der Humanite 2 und 
ging auf die Schule der Kommunisten. Da¬ 
mals ging es gegen den Krieg in Marokko. 3 In 
Baris fing es (für mich) an (mit dem Stalinis¬ 
mus). Ich habe eine ziemliche Rolle gespielt, 
habe Vorträge gehalten usw. Eines Tages kam 
ein Erlaß von oben, daß man nicht mehr selbst 
wählen konnte, sondern von oben eingesetzt 
wird. So fing das an: man mußte das Politbüro 
als Leiter anerkennen. Es kam darauf an, wer 


fähig ist und wer nicht fähig ist. Damit fing 
auch die Opposition an — gegen Stalin. Sie ha¬ 
ben mich dann — es sind ja Halunken - von 
der Zelle Belleville , es war die größte Zelle 
von Paris, eine ausgesprochene Arbeiterzelle, 
in das 1. Arondissement, Opgra, eine reiche 
Gegend versetzt. Da hatte ich genug. 

Wie ich zwanzig war, bin ich zurück in die 
Schweiz und ging dort sofort in die Kommuni¬ 
stische Partei; da begannen die Diskussionen: 
Stalinismus - Trotzki. Trotzki war ja für uns' 
der Held, 4 und plötzlich war er ein Konterre¬ 
volutionär. 

Pavel kam aus Moskau zurück, am selben 
Tag. Wir haben uns schon als Kinder gekannt. 
Er war Leiter der Kindergruppe. Damals 
beim Generalstreik 5 war ich zuvorderst. Da 
hat er mich an den Zöpfen gezogen und ge¬ 
sagt: »Mach, daß du nach hause kommst, hier 
hast du nichts verloren« (lacht) Die Mutter ei¬ 
ner Mitschülerin wurde damals im Flur von 
Soldaten erschossen. Er kam also von Moskau 
zurück. Ich weiß noch genaues war der 15. 
Juli 1928, und ich war am selben Tag aus Paris 
gekommen. An dem Tag wurde das Arbeiter¬ 
heim der Kommunistischen Partei und Jugend 
eingeweiht und Pavel sagte: »Woher kommst 
du?« - »Aus Paris, und du?« - »Aus Mos¬ 
kau». Da haben wir diskutiert und erzählt bis 
nachts um zwei. 

Dann wurde ich in der Metallergruppe ak¬ 
tiv, weil ich Metallarbeiterin war und die habe 
ich soweit gebracht, daß sie auch in Opposi¬ 
tion kamen. Da haben die Stalinisten gesagt - 
wir gingen immer Skifahren, jeden Samstag 
und Sonntag - »Du mit deinen weiblichen 
Reizen, hast sie sexuell verführt, deshalb sind 
sie zur Opoosition!« (lacht). Danach haben 
sie mich ausgeschlossen, d.h. nein, sie haben 
gesagt: »Wir schließen dich nicht aus, du mußt 
aber die 21 Bedingungen unterschreiben und 
dich von Pavel trennen.« 

Und das war’s dann. Pavel war bereits aus¬ 
geschlossen und so kam ich hinterher. Voilä. 


Und dann - wir hatten diese Verbindun¬ 
gen - kamen von Deutschland aus KPO-Leu- 
te zu uns, auch Trotzkisten aus Zürich. Mit 
denen haben wir diskutiert. Am Anfang ha¬ 
ben wir mit der KPO zusammengearbeitet. 


Frage: Mit Brandler? 

Clara: Mit der Brandler-Gruppe, ja. Aber 
auch mit Paul Fröhlich 7 . Der hat sogar bei uns 
gewohnt, in Basel. Wir haben Konferenzen 
gemacht und große Diskussionen. Zuvor 
schon gab es Kontakte mit einer Gruppe in 
Berlin, der KAPD. 8 . Wir hatten auch Vorträ¬ 
ge mit Otto Rühle 9 . Auf jeden Fall fing die 
Opposition mit diesen Kräften an. Erst später 
haben wir dann mit Trotzkisten zusammenge¬ 
arbeitet; mit denen haben wir uns allerdings 
auch nicht lange verstanden. Pavel und ich ha¬ 
ben erstmal eine große Reise (als Globbetrot- 
ter zu Fuß und per Autostop) gemacht, durch 
den Balkan. 

Doch zur weiteren Entwicklung in Ru߬ 
land: 1936 kamen dort die großen Schaupro¬ 
zesse und Erschießungen. in Pavel hat über 
diese Prozesse geschrieben, überhaupt über 
die stalinistische Bürokratie. Das brachte uns 
den Vorwurf ein: »Ihr seid Konterrevolutio¬ 
näre! Ihr liefert der Bourgeoisie Material, 
spuckt gegen die Russische Revolution.« Wir 
sind manchmal richtig angepöbelt worden. 

Danach kam sowieso Spanien. Aber wir 
waren bereits vorher kritisch gegenüber den 
Trotzkisten und hatten große Diskussionen. 


Frage: Warum? 

Clara: Die haben doch vertreten: »Regenera¬ 
tion innerhalb der Partei, innerhalb des Sy¬ 
stems.« 11 Dazu haben wir gesagt. »Das ist ganz 
ausgeschlossen.« Die Intellektuellen haben 













22 



doch auch lange Zeit immer geschrieben: 
»Was die Bürgerlichen alles Schreibern — in 
einer Revolution muß man hart sein, und die 
Russen sind hart bedrängt.« - Die große 
Wendung unter den kommunistischen Intel¬ 
lektuellen, wiez.B. Sartre, das warSoIscheni- 
zyn. Obwohl man auch vorher schon sehr vie¬ 
le Bücher dieser Art kannte, waren die Intel¬ 
lektuellen schwankend geblieben. Sartre hat¬ 
te doch gesagt: »Man darf nicht verzweifeln, 
man darf doch die Arbeiter bei Renault z.B. 
nicht verzweifeln lassen.« Aber mit Solscheni- 
zyn gab es dann diese allgemeine Wendung. 
Es war, meine ich, die große Massenwendung 
gegen den Stalinismus, gegen den GULAG . 12 
Und die GULAG gingen, ja gehen immer 
noch weiter. Wenn man an all die Verbannten 
in Sibirien denkt. Die wurden ja zu Tausenden 
dahin verschickt. Und daß die bis 1971, 72 
dort bleiben mußten und heute vielleicht noch 
da sind. j 

Ich kenne jemand, der kommt über die Ge¬ 
werkschaften sehr oft in die Sowjetunion. Er 
war ein Trotzkist und ist es immer noch geblie¬ 
ben, immerhin mittlerweile aber doch etwas 
kritischer. Sein Eindruck, sagt er, — alleine 
j können sie manchmal mit den Russen spre¬ 
chen, mit Gewerkschaftern, - ist, daß sich bei 
den Arbeitern im Geiste etwas ändert, daß die 
Arbeiter und die SAMIZDAT in 10 Jahren 
•stark genug wären, die Bürokratie zu ändern* 

Frage: Was ist die SAMIZDAT 


Clara: Eine oppositionelle Gruppe, die im 
Geheimen arbeitet. Sie tauschen Nachrichten 
von Hand zu Hand aus; es handelt sich um ille¬ 
gale Flugschriften. Und das hat’s jetzt mehr 
und mehr im Umlauf. 13 Dieser Trotzkist meint 
auch, daß es wahnsinnig schwer ist, richtig sei¬ 
ne Meinung zu sagen. Er sagt, es ist eine inter¬ 
essante Geschichte, daß sich der Mensch eben 
auch anpaßt, daß er sich im System zurechtfin¬ 
det. Er verdient nicht genug, fängt an zu ver¬ 
kaufen — also auch Schiebungen, die gibt’s 
zur Genüge. Die Korruption geht schon ziem¬ 
lich tief. Aber er sagt auch, es gibt schon Mög¬ 
lichkeiten, daß es besser wird. 

Geändert hat sich noch, daß die Arbeiter 
viel mehr saufen. Und wie heißt er noch, die¬ 
ser GPU-Mann, Andropow, der wollte ja 
durchgreifen: mehr Regelmäßigkeit bei der 
Arbeit, strenge Strafen und auch verbesserte 
Konsumbedingungen. Er wollte da einiges än¬ 
dern - aber das ist doch für die Fische. Daß 
die Russen so viel trinken, wie noch nie, den 
Wodka schwarz kaufen, das ist doch ein Zei¬ 
chen der Demoralisierung. 

Frage: Was bedeutet der Begriff »real existie¬ 
render Sozialismus« für dich? 

Clara: (lacht) Es gibt da einen glänzenden 
Spruch: »Ordnung ohne Freiheit ist nichts - 
Freiheit ohne Ordnung geht auch nicht!« - je¬ 
denfalls sinngemäß. Also ich würde sagen, die 
Erfahrung ist Spanien. Das war die einzige 
(historische) Möglichkeit, auch die Bürokra¬ 
tie zu verhindern. Denn es gehörte zu ihren 
Prinzipien, daß kein - es gibt natürlich immer 
auch einen Durruti, der sich total eingesetzt 
hat und den man vergöttert hat, das gibt’s ja 
immer, daß der eine stärker ist — aber es ge¬ 
hörte zu ihren Prinzipien, daß kein Bürokrat 
und kein consejo , kein Rat, eine Gelegenheit 
hat, sich festzusetzen und daß er gewechselt 
werden muß. Es galt immer: die Kontrolle 
von unten. 


Nun sind die Menschen heute nicht mehr 
so. Wie Souchy sagte: »In der Evolution heute 
geht’s den Arbeitern so gut« und sie sind auch, 
wenn man so will, korrumpiert. Aber schau 
mal, die Arbeitslosigkeit, schau mal die Mög¬ 
lichkeit eines Krieges - die Zuspitzung ent¬ 
wickelt sich eigentlich immer schlimmer. 
Durch die Kommunisten ist auch der interna¬ 
tionalistische Gedanke nicht mehr so stark - 
was war die Internationale für eine Waffe! Die 
haben das total nationalisiert. 14 

Das muß eine neue Welle geben, und viel¬ 
leicht entwickelt sich unter den Jungen etwas, 
daß man Parteien ablehnt, daß da eine anti- 
autoritäre Stimmung entsteht, daß die Kon¬ 
trolle von unten kommen muß. Wenn sie auch 
manchmal schiefgeht, die Kontrolle; das Prin¬ 
zip bleibt ja!« 


Frage: Jetzt mal einen Bereich, den wir bisher 
überhaupt noch nicht berührt haben. Wie 
siehst du die US-amerikanische Innen- und 
Außenpolitik - insbesondere seit dem Amts¬ 
antritt des »neuen Konservatismus« unter 
Reagan? 


Clara: (lacht) Fragt mich nicht — natürlich 
lehne ich das ab! Die wollen genauso die 
Macht wie die Russen. Die wollen die Welt 
beherrschen und kontrollieren. 

Aber da ist noch ein Unterschied: ein 
Reagan kann abgesetzt werden — ein Stalin 
oder ein heutiger sowjetischer Führer nicht. 
Leider ist die Opposition in Amerika nicht 
stark genug. 

Übrigens würde ich sagen, daß es nicht 
>nur< Amerika ist, das international herrschen 
will und herrscht. Denn ohne die multinatio¬ 
nalen Konzerne können die Amerikaner auch 
nichts machen — die beherrschen doch überall 
das Geschehen. 

Und auf der anderen Seite steht der Macht¬ 
bereich von Rußland. Alle Konflikte sind ja 
global. Wenn du bedenkst »Afrika«, entwe¬ 
der kommt Rußland oder Amerika rein. Des¬ 
halb meine ich immer, die internationalisti¬ 
schen Gedanken müssen in die Gehirne. Sie 
müssen verständlich machen, >nichts ist natio¬ 
nal zu lösen<. Ist überhaupt eine nationale Re¬ 
volution möglich, ohne daß die Amerikaner 











23 


oder die Sowjets eingreifen? Die würden das 
doch glatt zusammenschlagen. Es muß heute 
eine internationale Bewegung werden. 

Frage: Was verbindest du mit dem Begriff 
»imperialistisch«? 

Clara: Also, wir haben gelernt - in der kom¬ 
munistischen Schule —: »Imperialismus gleich 
Kolonialismus — die Welt beherrschen, finan¬ 
ziell, ökonomisch und politisch. Oui! Als Im¬ 
perialisten sehe ich natürlich die Amerikaner, 
sehe ich die Russen. 

Frage: Warum die Russen? 

Clara: Was beherrschen sie? Sie beherrschen 
doch die ganzen Satcllitenländer. Und wollen 
noch mehr beherrschen. Das ist auch eine Art 
Imperialismus, ist ja ganz logisch. Schau mal, 
sie untcrbezahlen doch das Material aus den 
Satellitcnländcm! 


Frage: Wie siehst du die Befreiung der soge¬ 
nannten 3.Welt? Wir in den sogenannten In¬ 
dustrieländern der westlichen Hemisphäre le¬ 
ben im Prinzip auf deren Kosten, (. . .) d.h. 
wir können gegen die Unterdrückung der 
Menschen in der 3.Welt, gegen den Imperia¬ 
lismus auch in Paris, London oder Hamburg 
kämpfen. 

Clara: Natürlich. Schau mal, wohin gehen die 
2-3 Millionen pro Minute, die bei uns für die 
Rüstung fabriziert werden? Die gehen in die 
3.Welt-Länder. Und das erste, was diese na¬ 
tionalen Befreier tun, ist eine Armee aufzu¬ 
bauen und die bezahlen das ja. 

Ich denke zum Beispiel an Rene Dumont 
und andere Leute hier in Frankreich, die wie 
die Löwen gegen diese Waffenlieferungen 
kämpfen. Das ist schon mal ein kleiner Kreis, 
aber bis jetzt hatten sie noch nicht mit sehr viel 
Erfolg. Wenigstens bringen sic einiges zu Be¬ 
wußtsein. 

Natürlich müßte cs die logische Folge sein, 
daß wir dagegen angchcn — wo wir sind. Das 
sagt auch Dumont, der sehr lange in Kuba 
war. Dorthin haben die Russen Maschinen ge¬ 
schickt — die Kubaner sind gegenüber den 
Russen wahnsinnig verschuldet — Maschinen, 
die sic überhaupt nicht bedienen können. 
Wenn etwas fehlt, wird es nicht ersetzt — die 
verrotten. Er erzählt z.B. eine Sache: da 
kommt er in eine Gegend, wo auf einem gan¬ 
zen Hügel nur Bananen gesetzt werden soll¬ 
ten. Die Bauern haben dazu gesagt: >Blöd- 
sinn, da wachsen keine Bananen — >Doch, wir 
müssen nicht nur Zucker anbauen, sondern 
»uch Bananen und andere Arten.< Die Bau¬ 
ern haben also den Hügel angelegt, auf Wei¬ 
sung von oben. Er mußte abgearbeitet werden 
und dann wurden die Bananen gesetzt. Nach 
drei Jahren war immer noch keine Banane da. 
Alles mußte deshalb wieder umgearbeitet 
werden. Rene Dumont hat das Buch geschrie¬ 
ben »Ist Kuba sozialistisch?« (Paris 1970). 
Darin kommt er zum Schluß, daß es so, wie cs 
in Kuba jetzt läuft, nicht gehen sollte. Weil al¬ 
les von oben kommt, die Russen zu wesentli¬ 
chen Teilen bestimmen, was geschieht. Es wä¬ 
re besser gewesen, zum Beispiel einen kleinen 
Motor zu schicken, mit dem die Leute etwas 
anfangen können, anstatt supermoderne An¬ 
lagen verrotten lassen zü müssen, weil sie in 
den gegebenen Verhältnissen nicht verwendet 
werden können. Dasselbe Problem gilt zum 


Beispiel auch für Afrika und die übrige 3. 
Welt. Man müßte überlegen: >Wie kann man 
so helfen, daß sie auch etwas damit anfangen 
können?< - Das ist natürlich eine Riesenauf¬ 
gabe und senkt die Profite der Industrielän¬ 
der, denen es ja egal ist, ob das, was sie lie¬ 
fern, verrottet oder gebraucht werden kann - 
solange der Gewinn »stimmt«. 

Was ich gut finde, zum Beispiel Nicaragua, 
das sind die Gruppen, die dort einem Dorf hel¬ 
fen. Das Geld oder die Menschen gehen di¬ 
rekt an das Dorf - eben nicht über Zweite 
oder Dritte. Das ist natürlich ein kleiner Trop¬ 
fen, aber immerhin. 


Frage: In vielen Ländern Afrikas, Asiens, La¬ 
teinamerikas agieren ja heute Koalitionen von 
Befreiungsbewegungen, Nationalrevolutio¬ 
nären und linksbürgerlichen Allianzen ver¬ 
schiedenster Prägung. Als Grundlage des ge¬ 
meinsamen — politischen und bewaffneten — 
Kampfes dienen meist Konsensformeln mit 
dem Ziel der Aufhebung totalitärer oder kor¬ 
rupter Regime. - Während weitergehende 
revolutionäre Forderungen unter den Tisch 
gekehrt werden, verkennt man, daß diese to¬ 


talitären/korrupten Regime im Grunde nur 
Auswüchse eines grundlegenden gesellschaft¬ 
lichen Systems sind - in der Regel das des Ka¬ 
pitalismus. Also es fehlt die Aussage, daß 
wirkliche Freiheit nur in der Beseitigung des 
Kapitalismus zu erringen ist. 

Die Unvereinbarkeit bürgerlicher und re¬ 
volutionärer Positionen bei dieser Art der 
Volksfrontpolitik programmiert eigentlich 
unweigerlich Konflikte, die nach Erreichen 
des bis dahin gemeinsamen Zieles, zum Teil 
zu erbitterten Kämpfen führen. Das konnte 
man Anfang der 70er Jahre in Chile sehen, bei 
der Unidad Populär , 15 in Nicaragua sieht man 
es heute - an der Auseinandersetzung zwi¬ 
schen den bürgerlichen Kräften und den San¬ 
dinisten, ehemaligen Bündnispartnern im 
Kampf gegen die Somoza-Diktatur. Was hälst 
du von dieser Art Bündnispolitik? Welche 
Gefahren oder Chancen bergen sie deiner 
Meinung nach? 

Clara: Also das ist für mich sehr schwierig. Ni¬ 
caragua ist ja anders als es Spanien damals ge¬ 
wesen ist. Wenn man (in Lateinamerika) nur 
irgendwie verhindern könnte, daß diese 
fürchterlichen Massaker aufhören. Ich gl au- 











be, daß man zum Beispiel deshalb Kompro¬ 
misse machen muß. Die Menschen werden 
doch grausamer und grausamer. Da würde ich 
vielleicht mit Reformen versuchen, daß diese 
Schlächterei aufhört. 

Ich kann das zwar schlecht beurteilen, aber 
das mit dem peruanischen Sendero Luminoso , 

z. B., die sind doch sehr totalitär. Wir haben 
Berichte gehabt, in der Liberation , die glaube 
ich, ziemlich >echt< geschrieben waren. Da 
hieß es unter anderem: >Du kannst nicht hei- 


Frage: Was heißt für dich revolutionär? 

Clara : Erstens die Wahrheit zu sagen. Zwei¬ 
tens gegen jede Ungerechtigekt zu kämpfen. 
Und dann ist da dieser wunderbare Satz, von 
dem ich eben schon gesprochen habe »Ord¬ 
nung ohne Freiehit ist Unterdrückung - Frei¬ 
heit ohne Ordnung geht aber auch nicht!« Das 
heißt: zurück zum Menschen, sozusagen, zu¬ 
rück zum menschlichen Empfinden - gegen 
diese Brutalitäten und Grausamkeiten, das, 
finde ich, sind revolutionäre Grundsätze. 
Und, wenn man kann, es persönlich auch so 
leben 


rechtigt mit mir. Wir haben immer diskutiert, 
wenn wir Differenzen hatten. Dann hat er ge¬ 
sagt: »Wie du meinst, aber ich meine, es ist so 
und so.« Wir haben ein wunderbares Verhält¬ 
nis gehabt. So, daß die Leute einem Schwyzer 
manchmal rechtgegeben haben, der meinte: 
»Nach 40 Jahren gemeinsamen Lebens mü߬ 
tet ihr Eintritt verlangen.« (lacht) Es war mei¬ 
ne große Liebe und die hat eigentlich nie auf- 
gehört. Im Grunde genommen leide ich noch 
sehr darunter, daß er nicht da ist. Wir haben 
meistens alles zusammen gemacht. Aber wir 
haben auch selbständige Sachen gemacht. Ich 

bin alleine auf kp.i^.n opoanopn nnH p*r aiirli. 



raten, wenn du nicht die Bewilligung vom 


Chef hast<. Das zeigt doch deutlich, wie hie¬ 
rarchisch die organisiert sind. — Nicht nur 
dort, sondern überall in Südamerika gibt es 
solche hierarchisch aufgebauten Guerillas. 
Ich finde es grauenhaft, wenn sie - von ihrer 
Seite - ein Dorf überfallen, die Bauern flüch¬ 
ten müssen und danach, wenn sie wieder weg 
sind, kommen die anderen und bringen sie 
um. Was für eine Lösung - das ist doch be¬ 
stialisch! 

Frage: Unsere Frage zielt eigentlich mehr in 
die Richtung, soll man sich überhaupt mit bür¬ 
gerlichen bzw. links-bürgerlichen Kräften ein¬ 
lassen oder nicht? Der Konflikt ist ja vorpro¬ 
grammiert. 

Clara: Also ich sehe vor allem, daß diese 
Kämpfe bis jetzt sehr oft bestialisch sind - 
und auch gar nicht klar durchschaubar. Sind 
die Leute, das Volk, sind die wirklich alle mit 
den Linken oder sind sie zum Teil sogar mit 
den Rechten? Auf jeden Fall müssen sie ja mal 
irgendwann genug haben. Wenn man irgend¬ 
wie Frieden erreichen könnte - aber das sind 
ja, wie sagt man, schöne Theorien, nicht? 


Frage: Du hast da selbst das Persönliche ange¬ 
sprochen. Persönliches und Politisches gehen 
ja oft ineinander über, sind nicht voneinander 
zu trennen. Gerade bei dir ist uns das beson¬ 
ders deutlich geworden. Deshalb wollen wir 
jetzt noch einige mehr persönliche Fragen 
nachschicken. - George Orwell z.B. stellte 
einmal eine Liste von Büchern auf, die ihm 
besonders wichtig waren. Welche Bücher fal¬ 
len dir spontan ein, die dir viel bedeuten? 

Clara: Persönlich beeindruckt haben mich 
Angelica Balabanow: Ma vie de revolte. 16 
Und menschlich - vor allem Emma Gold- 


Frage: Was ist für dich Liebe? 

Clara: Liebe! Mhm. Also ich habe ja die große 
Liebe gekannt. Von meiner Zeit in Paris - am 
Anfang - hat mir mal einer geschrieben: >Du 
warst ja so prüde.< Die wirklich große Liebe, 
das war Pavel. Wir haben 50 Jahre zusammen - 
gelebt und Pavel war - also wirklich gleichbe¬ 


»Clara: Oh auf jeden Fall — Menschen um 
uns zu haben, nicht isoliert zu leben. Das ha¬ 
ben wir immer gehabt. Wo wir auch waren, 
immer war ein bestimmter Kreis um uns. Und 
dann - Hilfsbereitschaft. Wir haben ja un¬ 
heimlich viel Hilfe von Deutschland gehabt 
und umgekehrt, und wir haben gerne gemütli¬ 
che Gesellschaft. 

Dann — Menschenfreundlichkeit, den 
Menschen so schätzen wie er ist und so verur¬ 
teilen wie er nicht sein soll (lacht). 

Also wir haben keine Kinder, wir wollten 
nie - weil wir gesagt haben: »Wenn wir Kin¬ 
der haben, sind wir gebunden.« Wir wollten ja 
ungebunden sein. So sind wir viel gereist — 
zum Beispiel auf den ganzen Balkan, Spanien. 
Afr«ka. Aber wir haben immer Kinder von an¬ 
deren gehabt — wir waren nie kinderlos, wenn 














man so will. Viele Kinder von Freunden ka¬ 
men hierher. Nur ist der Unterschied — diese 
Kinder haben wir so 6 Monate bei uns gehabt 
—, daß die Kinder uns nicht vergessen haben, 
aber das ist nicht die Verbindung von Mutter 
zu Kind, das ist sicher. Manchmal tauchten 
die Kinder nach 15,20 Jahren plötzlich bei uns 
auf. Neujahr, zum Beispiel, bekommen wir 
sehr viel Besuch. 

Die Anarchisten hatten eine Schule ge¬ 
gründet. Die Revolution Proletarienne 18 grün¬ 
dete die Freie Schule von Sevres. Da haben sic 
vor allem soziale Fälle angenommen, Kinder 
von geschiedenen Eltern, alles schwierige Fäl¬ 
le. Davon waren wir sozusagen ein Ableger, 
die kamen zu uns in die Ferien. Das waren die 
ersten Jahre - schwierige Kinder, aber rüh¬ 
rend. Alles ging gut. — Diese Freie Schule, al¬ 
so die Organisation, hat für alles bezahlt — 
nicht die Kinder. Sic hatten dort eine ganz 
neue Methode cingeführt, die aktive Schule 
von Freinet. 19 Es handelte sich um Kinder, die 
in der >normaIen Schule< einfach durchgefal- 
lcn waren. Bei Freinct war es dasselbe. In die¬ 
ser Schule haben sie Familiengruppen gebil¬ 
det, in denen sie selber mitentscheiden konn¬ 
ten. Die Kinder hielten untereinander auch 
nach der Schule noch Kontakt. Die sehen sich 
immer. 


tarren, da haben wir viel gesungen. Das war 
eine lustige Sache. Für nachts hatten wir zu¬ 
erst nur Zelte, und dann kam eine Hütte nach 
der anderen. Von Paris und anderswo her ka¬ 
men sie uns besuchen und haben uns mit dem 
Bauen geholfen. 

In unserer Nähe, vis ä vis, ist da ein Bau¬ 
ernhaus. Ich ging einmal hinauf und eine Frau 
steht davor, die mich nicht durchlassen will. — 
»Schauen Sie, so lassen Sie mich doch durch!« 
- »Ich kenne Siesehr gut.« — »Ich kenne Sie 
nicht.« - »Ja, wir sitzen jeden Abend zusam¬ 
men, in unserem Haus da, vis ä vis und hören 
euren Liedern zu. Sie singen und sind ja so lu¬ 
stig.« Sag ich »Ahja?« - »Hat doch mein 
Mann gesagt, >siehst du, diese Polacken! Ha¬ 
ben kein Geld, aber sie wissen zu leben<.« - 
»Oh, da muß ich sie enttäuschen, wir sind kei¬ 
ne >Polacken<, wir sind Schweizer.« Danach 
habe ich sie sehr oft nach Hause gebracht. 
Aber so war’s. Die saßen da, beobachteten 
uns, und wir hatten keine Ahnung. 

Frage: Was ist >Freiheit< für dich? 

Clara: Ich würde sagen, daß jeder seine Per¬ 
sönlichkeit entwickeln kann und auch geach¬ 
tet wird; aber nicht den anderen auf die Füße 
treten - also sowohl die persönliche als auch 
die gesellschaftliche Toleranz. 


einige Tage über die Revolution hinaus verlän¬ 
gert, wird eine Räuberbande, welche die Reich¬ 
tumsquellen des Landes ausbeutet — An¬ 
dersdenkende, andersfühlende Menschen zu 
achten. Aber nur, wenn die auch deine Per¬ 
sönlichkeit akzeptieren. 

Ich entsinne mich, in Spanien, da waren 
wir eine Hundertschaft. Wir haben über etwas 
abgestimmt — ich weiß nicht mehr über was, 
aber es war eine wichtige Sache. Dabei haben 
sie gefragt: »Seid ihr einverstanden mit die¬ 
sem Weg?« - »Jawohl«. 99% waren dafür. 
Nur einer - das ist ein toller Kerl - rief: 
»Nein! Ich bin dagegen.« Da sagten sie: »Also 
gut, einer dagegen, das ist die Mehrheit, also 
ist es beschlossen.« Rief er: »Ich bin gegen 
Diktatur, das ist Diktatur!« Das war Manuel, 
ein toller Typ. Was aus ihm geworden ist? 
(Verweis auf die Stelle in »Revolution der 
Freiheit«, in der die Thalmanns mit Manuel in 
Paris »ihre« 1.Mai-Demo unter den Augen 
der deutschen Besatzer durchführen.) Nach¬ 
dem er ziemlich lange bei uns gewohnt hatte, 
ist er dann verschwunden. Er hatte noch ge¬ 
sagt: »Die Revolution kommt nicht«, er mein¬ 
te, nach dem Krieg muß die Revolution kom¬ 
men, »jetzt gibt’s nur noch Bankraub! Wir se¬ 
hen uns wieder - hasta luego!« 

Frage: Ihr seid ja dann später aus Paris weg um 
hier unten die Serena zu gründen. Was bedeu¬ 
tet dir diese Serena? 







Wir haben sie dann, wie gesagt, jahrelang 
nicht mehr gesehen aber plötzlich tauchen sic 
hier auf oder sie schreiben uns. 1983 kam eine 


die war 15 Jahre nicht dagewesen - da kam 
mit ihrem großen Sohn. Aus vielen Ländern 
kommen sie — Eurasier, Chinesen — aber 
plötzlich. Wir dachten damals, daß sie immer 
Verbindung zu uns halten werden. Aber das 
Leben geht ja oft ganz anders. (. . .) Wenn sie 
uns besuchen kamen, kamen sie oft mit Gui¬ 


Wartet mal - (steht auf, sucht nach einem 
Buch und liest vor) »Eine aus der Demokratie 
geborene Klasse, die sich nicht an die Gesetze 
der Demokratie hält, ihre Diktatur auch nur 


Clara: Ach, es gab viele schöne Zeiten. Ja i 
mache mir Notizen, schon mit Pavel habe i 












damit angefangen. Alle sagen: »Ihr müßt das 
aufschreiben!« Aber das ist gar nicht so ein¬ 
fach, wenn alles so schön ist. Es gab keine To¬ 
ten, wir haben uns nie geschlagen (lacht). An 
ein paar besondere Gestalten erinnere ich 
mich, aber alles in allem — ihr müßt mal die 
Photos ansehen - es ist schwierig, all das in 
Worten auszudrücken. 

Frage: Wie stelltst du dir eigentlich die Zu¬ 
kunft vor? 

Clara: Persönlich? 

Frage: Von dir, von der Serena, über¬ 
haupt. . . 

Clara: Ich hoffe bloß, daß ich nicht so ganz al¬ 
leine >verenden< muß. Weiß man’s? 

Frage: Hattest du öfters in deinem bisherigen 
Leben Angst’vor dem Tod? 

Clara: Ja. Also wir dachten — zum Beispiel in 
Spanien - daß wir nie lebend da >rauskom- 
men<. Und wir haben nie gedacht, daß wir so 
alt werden, nie! 


Aber zum ersten Mal in meinem Leben ha¬ 
be ich praktisch keine Geldsorgen, ich habe 
nicht viel, eine feste Summe pro Monat, aber 
ich hab eine Reserve. 

Also wir haben das Land und das Haus ver¬ 
kauft, an einen sehr guten Freund, einen Ber¬ 
liner. Davon wurde uns ein bestimmter Be¬ 
trag bezahlt - jeden Monat, solange ich lebe. 
Wenn diese Reserve nicht wäre, würde es 
nicht reichen. 

Frage: Und was passiert dann mit der Serena? 

Clara: Dann gehört sie dem Rolf. 

Frage: Und was macht er damit? 

Clara: Ich nehme an, er hat’s gekauft, damit 
er sich später hierher zurückziehen kann. 
Oder vielleicht verkaufen? — das weiß ich 
nicht. 

Frage: Am Schluß eures Buches gibt es eine 
Stelle, da hat Pavel sinngemäß geäußert: »Wir 
waren als Marxisten nach Spanien gekom¬ 
men. Ob wir als Anarchisten zurückgekehrt 
sind? - Ich weiß es nicht.« 25 


Clara: (lacht) >Anarchisan< bin ich! 

Frage: Weißt du es jetzt? Würdest du dich als 
Anarchistin bezeichnen? 

Clara: Jo. 

Aber wir waren auf verschiedenen Treffen der 
Anarchisten, in Montpellier und an anderen 
Orten - das war so lamentable (Geschrei). 
Allerdings scheint das jetzt besser zu sein, und 
die Sache hat mehr Hand und Fuß. Aber sonst 
- sind drei Anarchisten zusammen, hat jeder 
seine eigene Meinung. Doch ich sehe: die 
Verwirklichung einer Revolution geht nur auf 
diesem Weg. 

Frage: Was uns noch aufgefallen ist: wenn wir 
heute in die Publikationen der diversen anar¬ 
chistischen Gruppen schauen, dann können 
wir manchmal den Eindruck bekommen, als 
wenn sie - auch heute noch - sehr oft von 
Spanien ’36 oder von Kronstadt reden. Das ist 
zwar ungeheuer wichtig, und — 

Clara: Ja! 

Frage: - da soll man auch daraus lernen, aber 
es hat weniger mit den Problemen und Kämp¬ 
fen der Gegenwart und der Zukunft zu tun. 
Man vermißt hier anarchistische Perspekti¬ 
ven. 


Clara: Das ist ja die Sache! Und das ist auch so 
traurig, bei diesem Buch von Patrik von zur 
Mühlen. 21 Am Schluß machst du das Buch zu 
und sagst: »Hat sich’s gelohnt?« So viele Tote 
- aber 20 000 Bücher! Spanien, das war doch 
wirklich eine Hoffnung. Zum ersten Mal, 
bon, war das Prinzip einmal da. Und sonst ist 
doch alles schief gegangen . . . 

Frage: Hat der Anarchismus trotzdem eine 
Zukunft? 

Clara: Ja, das glaube ich! 

Ihr kennt ja Peter Paul Zahl? »Die Glückli¬ 
chen« - ein tolles Buch. 

Jetzt sind wir in der Minderheit. Doch jetzt 
werden wir mit rot-schwarzen fliegenden Fah¬ 
nen den Anarchismus vor uns hertragen, 
(lacht) Dann werden wir ja sehen, welche 
Leute alle kommen. 


Anmerkungen: 

Vorbemerkung: Beim l.Teil des Interviews mit Cla¬ 
ra Thalmann, SF-20, unterlief der Redaktion leider 
ein Lay-Öut-Fehler: Claras erste Antwort auf S. 24 
»Als der Putsch . . . « wurde vertauscht mit S. 33 
»Ich glaube, den Leuten . . .« Sorry! Wir hoffen, 
daß dennoch alles verständlich blieb. 

1) Mit dieser Internationale ist die internationale 
Organisation der sozialdemokratischcn/sozialisti- 
schcn Parteien gemeint. Der erwähnte Friedens¬ 
kongreß fand 1912 in Basel statt. 

2) Humaniti ; bis heute offizielles Parteiorgan der 
frz. PCF 

3) Von 1912-1926 kämpften die Rif-Kabylen Mar- 
rokkos unter Führung Abd-el-Krims um ihre Un¬ 
abhängigkeit. 

4) Trotzki war Oberbefehlshaber der Roten Ar¬ 
mee im Bürgerkrieg; (...) seine militärischen 
Maßnahmen trugen entscheidend zum Triumph 
der Revolution über die Konterrevolution bei. Er 
wurde der Held der Sowjetunion, als »Retter der 
Revolution« geehrt und geachtet und stand im all¬ 
gemeinen Ansehen gleich neben Lenin. (. . .) Die 
stalinistische Propaganda, die aus dem »Held der 





Karlsruher Stadtzeitung/ 
Wildcat 

Wildcat steht seit den Anfängen der mili¬ 
tanten Arbeiterkämpfe in den USA für 
Kämpfe, die außerhalb der Apparate orga- 
nisiert sind und sich nicht auf verhandel¬ 
bare Forderungen einschränken lassen. 
Von den Wobblies über die Kämpfe in den 
zwanziger Jahren, die Revolten nach dem 
Zweiten Weltkrieg, die Kämpfe der 
Massenarbeiter in den 60er und 70er 
Jahren, bis zu den Kämpfen der polni¬ 
schen und südafrikanischen Arbeiter 
heute, haben solche »wildcats« immer 
wieder das Kapitalkommando innerhalb 
und außerhalb der Fabriken angegriffen, 
also auch die Stadtteile, die Knäste und 
Anstalten, die unbezahlte Ausbeutung iri 
der Gesellschaft einbezogen. 

Die Karlsruher Stadtzeitung ist im »Deut¬ 
schen Herbst« 1977 als »Alternativ¬ 
zeitung« entstanden. Mit dem Abdriften 
der Mehrheit der damaligen Bewegung in 
grüne Partei und Alternativunternehmer¬ 
tum haben sich die Leute, die die Zeitung 
fachen, stärker an ihren Erfahrungen in 
ler Maloche und dem Kampf dagegen 
orientiert. Nach dem Niedergang der 
30/81 er Bewegung war eine Phase von 
Analyse und Neubestimmung angesagt. 
Durch die überregionale Verbreitung und 
die behandelten Themen ist der Name 
»Karlsruher Stadtzeitung« mehr und mehr 
anachronistisch geworden. »Wildcat« des¬ 
halb um anzudeuten, in welche Richtung 
die politische Arbeit unserer Meinung 
nach gehen muß: hinter den spontanen 
Explosionen die sozialen Inhalte und 
Möglichkeiten von Ausweitung aus¬ 
machen. Revolte und Klassenbewegung 
miteinander verbinden, die Erfahrungen 
der Proletarier weitergeben, jede Politik 
des Ghettos und der institutionellen Ver¬ 
mittlung kritisieren und bekämpfen, die 
Analyse und die Organisation von unten 
voranbringen. 

Zum Frühlingsanfang 86 erscheint die 
Karlsruher Stadtzeitung/Wildcat Nr. 38. 
Inhalt: Frankfurt - militante Geschichte, 
Teil 1: Häuserkampf; Was wird aus Turin? 
Holländische Arbeiter gegen Flexibilisie¬ 
rung; Jobber in und gegen Atomkraftwer¬ 
ke; Südafrika: die Yanks, der ANC - Klas¬ 
senkampf, Südafrika Teil II; politische Ge¬ 
fangene in Italien u.a. 

Inhalt der Nr. 35: die Wobblies, Silicon 
Valley, Metroperaio, Sozialstaatdiskus¬ 
sion, Boom-Bummü? 

Inhalt der Nr. 36: Elektronik Arbeiterinnen, 
°ergarbeiterstreik/England, Werftarbei¬ 
terkämpfe/Spanien, Knastrevolten/Frank- 
[■ e jch, Arbeit, Entropie, Krise 
Inhalt der Nr. 37: Klassenkämpfe in Süd¬ 
afrika, Jobber gegen AKW Leibstadt, 
Magneti Marelli, Hafenstraße, Bambule im 
^reiburger Knast, Schwerpunkt England: 
Bergarbeiter, Riots, Sozialstaat. 

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Revolution« plötzlich einen »konterrevolutionären 
Feind der SU« machte, blieb so insbesondere für 
Teile der Arbeiterklasse im Ausland schwer ver¬ 
ständlich. Vgl. Victor Serge: LcoTrolzki. 

5) Infolgc der sozialen und politischen Spannungen, 
die sich in der Schweiz nach Ende des ersten Welt¬ 
kriegs bemerkbar machten - u.a. durch hohe Ar¬ 
beitslosigkeit und mangelhafte Lebensmittelver¬ 
sorgung -, kam cs nach einem 3-tägigcn landeswei¬ 
ten Generalstreik (Nov. 1918) auch 1919 in Basel zu 
einem 8-lägigcn »Auguststreik«, bei dem Men¬ 
schen von der >betrunkcncn< Polizei erschossen 
wurden. Pavel kämpfte aktiv mit. Vgl. u.a. auch 
sein Interview in Radio DRS, Bern wiederholt am 
13.8.84. 

6) Heinrich Brandlcr (1881-1967), als Vertreter 
der »Einheitsfrontpolitik« 1924 wegen »Rcchtsab- 
weichung« aus den KPD-Positioncn verabschiedet. 
1929 ausgeschlossen; danach Mitglcid der Rcichs- 
leitung der KPO; 1933 Emigration nach Paris, Mit¬ 
herausgeber der »Arbeiterpolitik«. 

7) Paul Fröhlich (1884-1953), Mitbegründer der 
KPD, 1928 ausgeschlossen, 1932 Wechsel zur SAP, 
KZ, Emigration 1933 nach Paris, 1950 Rückkehr in 
die BRD und Eintritt in die SPD. 

8) Die KAPD wurde 1920 gegründet, vertrat einen 
rätckommunistischen Standpunkt. Bekannte Mit¬ 
glieder u.a.: Franz Jung, Jan Appel, Franz Pfcm- 
fert, Hermann Gortncr und 

9) Otto Rühle (1874-1943), Rühle wurde erstmals 
populär, als er als SPD-Mitglicd im Reichstag mit 
Liebknecht am 2.12.14 als einziger gegen die 
Kriegskredite stimmte. 1920 wegen »anarchisti¬ 
scher Abweichung« aus der KPD ausgeschlossen. 
Zu Rühle wird im SF noch mehr erscheinen; auf 
dem Buchmarkt findet sich: Paul Mattick: Otto 
Rühle und die deutsche Arbeiterbewegung; Henry 
Jacoby/Ingrid Herbst: Otto Rühle; F.G. Herr¬ 
mann: Otto Rühle - ein deutscher Revolutionär. 

10) Die »Säuberungen« begannen 1926 und fanden 

mit den berüchtigten »Schauprozessen« 1936 ihren 
makabren Höhepunkt, bei dem auch »Größen« wie 
Sinowjcw, Kamcnew, Bucharin, Smirnow liqui¬ 
diert wurden. Vgl.Victor Serge, der von 1917-22 
und von 1926-1934 als marxistischer Anarchist in 
der SU war und selbst die GPU-Gcfängnissc ken- 
nenlcrntc. »Memoiren eines Revolutionärs«, Ham¬ 
burg 1977. . . , 

11) Vgl. Degenerationsthese Trotzkis mit der er den 
Bürokraticapparat Stalins kritisierte. In: »Die ver¬ 
ratene Revolution.« 

12) Zwangsarbcitslager 

13) Untcrgrundprcssc in der UdSSR; Tamizdat be¬ 
zeichnet dahingegen die im Ausland hcrgestcllten 
und für die Verteilung in der SU bestimmten Schrif¬ 
ten; die Texte der Gewcrkschaftsopposiüon SMOT 
gehören zur Samizdat, seit Juni 1978 gibt es eine 
Zeitschrift Poiski (Untersuchungen) aus Moskau. 
Vgl. SMOT, edition Tiamat, Berlin; und IZTOK. 
Revue libertaire sur les Pays de TEst. B.P. 161-09, 

F-75422 Paris. . . 

14) Stalin löste die Kommunistische Internationale 
im Mai 1943 auf. Vgl. Claudin, Olle und Wolter 
Verlag. 

15) vgl. Thesen zum Fall Chiles: Fernando Mircs: 
Die Militärs und die Macht, Berlin 1975. 

16) Angclica Isaaknowa Balabanow, (1869-1965), 
russische Revolutionärin, erste Sekretärin der Ko¬ 
mintern, Bruch mit Lenin, 1924 aus der bolschwe- 
wistischcn Partei ausgeschlossen, nach dem 2.WK 
als Sozialistin in Italien, aktiv in der Frauenbewe¬ 
gung. 

17) Emma Goldman (1869-1940), vgl. ihre berühm¬ 
ten Memoiren »Gelebtes Leben«, Karin Kramer 
Verlag, Berlin, 3 Bde. 

18) D.h. Proletarische Revolution , anarchistische 
Gruppe Frankreichs in den 50er Jahren. 

19) Cclcstin Freinet (1896-1966), frz. Reformpäd- 
agogc; vgl. sein Werk: »Die moderne französische 
Schule«, Paderborn 1965 clc. 

20) Beatniks wurden die Anhänger der Beat Poets in 
den USA genannt, die gewissermaßen als die litera¬ 
rischen Vorläufer der Studentenaufstände Ende 
der 60er Jahre bezeichnet werden können. Sic üb¬ 
ten radikale Kritik an der spießerischen Lüge des 
American Way ofLife. (Jack Kerouac, Allen Gins¬ 
berg u.a.) 

21) vgl. Patrik von zur Mühlen: Spanien war ihre 
Hoffnung, Bonn 1983. 




SCHWARZER FADEN 

Vierteljahresschrift 
für Anarchie und Luxus 

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Inhalt der »Sondernummer« 
AUFLÖSUNG UND VERFALL DER 
ARBEIT 

(4/85), 64 Seiten: 

★ FLI-Thesen zum »Verfall der 
Arbeit« - bereits auf dem Anarchi¬ 
stenkongreß in Venedig vorgestellte 
Diskussionsbasis 

★ Der Mensch als handelndes 
Subjekt.. . - die Entwicklung von »Ar¬ 
beit und Arbeitsethos« in der mensch¬ 
lichen Gesellschaft von Günter Hart¬ 
mann. 

★ Selbstverwaltung durch Au¬ 
tomation? -Wird der Alptraum Rea¬ 
lität? Grenzen und Überwindungsver¬ 
suche. 

★ Morgenstund - Diskurs unter 
noch wärmender Decke über z.B. 
den »Wecker« von ppz. 

★ Nekrolog auf die Arbeit. - 
oder warum die Anarchisten das Kind 
in den Brunnen schubsen sollten 

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★ Undurchschaubar, ausgelie¬ 
fert ... - ein Weg ins technische Pa¬ 
radies? von Martin Marith 

★ Zwangsarbeit mit ABM - Ber¬ 
liner Anarchist zur Arbeit gezwungen. 

★ Weiter enthalten: Kritik an den FLI- 
Thesen zum Verfall der Arbeit 

Einzelnummer: DM 5,- 
Abonnement: DM 15,-/ 4 Nummern 
Probehefte nur gegen Rückporto 
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Redaktion Schwarzer Faden 
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7031 Grafenau-1 












J Mujeres Libres: Individualität und 
Gemeiroctoft ' tqmj ,- B S 

1 - Organisierung von Frauen während 
Bdes Spanischen Bürgerkriegs 


»Lebt ihr in einer Stadt, in der die Frauen auf 
einen Rang der Bedeutungslosigkeit verbannt 
sind und sich ausschließlich der Hausarbeit 
und Kinderfürsorge widmen? Zweifellos habt 
ihr darüber viele Male mit einigem Widerwil¬ 
len nachgedacht, und wenn euch die Freiheit, 
die eure Brüder oder die Männer in euren 
Haushalten genießen, bewußt geworden ist, 
habt ihr das harte Schicksal, eine Frau zu sein 
gefühlt . . . 

j Nun, gegen all das, was ihr erleiden mußtet, 
j ist Mujeres libres angetreten. Wir wollen, daß 
ihr die gleichen Freiheiten wie eure Brüder 
| habt . . . wir wollen, daß eurer Stimme das 
j gleiche Gewicht wie der eures Vaters beige- 
j messen wird. Wir wollen, daß ihr das unab¬ 
hängige Leben, das ihr euch gewünscht habt, 
erreicht - ohne euch darum zu sorgen, was 
die Leute sagen werden. 

Aber seid euch im Klaren, daß all dies eu¬ 
re Anstrengung erfordert; daß diese Dinge 
nicht umsonst zu bekommen sind; und um sie 
zu erreichen, braucht ihr die Hilfe anderer. 


Ihr braucht andere, die von denselben Din¬ 
gen wie ihr betroffen sind, ihr müßt ihnen 
helfen, wie sie euch helfen werden. Mit ei¬ 
nem Wort: Ihr müßt gemeinschaftlich kämp¬ 
fen; was gleichbedeutend mit der Aufforde¬ 
rung ist: Ihr müßt eine Gruppe (Agrupacion) 
von Frauen bilden.« 1 

Diese Passage stammt aus einem Pamphlet 
mit dem Titel »Wie eine Mujeres Libres- 
Gruppe zu organisieren ist«, vermutlich 1937 
in Spanien verfaßt. Mujeres Libres wurde von 
Frauen gegründet, die Aktivistinnen inner¬ 
halb der spanischen anarcho-syndikalisti- 
schen Bewegung waren. Zwischen April 1936 
und Februar 1939 bauten sie eine Organisa¬ 
tion auf, die behauptete, über 20.000 Mitglie¬ 
der (überwiegend Frauen aus der Arbeiter¬ 
klasse) zu haben, verteilt auf 147 Gruppen 
überall im republikanischen Spanien. Ihr Ziel 
war cs, Arbeiterinnen zu befähigen. Sie wa¬ 
ren durch ihre eigenen Erfahrungen und die 
anderer in der anarcho-syndikalistischen Be¬ 


wegung zu der Überzeugung gekommen, daß 
die Befähigung der Frauen eine seperate Or¬ 
ganisation erforderte, eine, die sich gegen das 
wenden sollte, was sie die »Dreifachunterjo¬ 
chung von Frauen: durch Ignoranz, durch 
Kapital und durch Männer« nannten. 

Anders als die meisten sozialistischen Be¬ 
wegungen, die ökonomische Probleme (d.h. 
Klassenbeziehungen) als die grundlegendste 
Form der Unterordnung betrachten, von der 
alles andere bestimmt wird, sahen die Anar¬ 
chisten die Hierarchie, die formalisierte Au¬ 
torität, als das entscheidende Problem an. In¬ 
nerhalb dieses theoretischen Rahmens gab es 
einen Raum, verschiedene Arten der Unter¬ 
ordnung (z.B. sowohl politische und sexuelle 
als auch ökonomische) als mehr oder weniger 
unabhängige Beziehungen zu behandeln, de¬ 
nen sich eine wahre revolutionäre Bewegung 
widmen sollte. Und schon 1872 erklärten sie 
tatsächlich die Überwindung der Subordina¬ 
tion von Frauen zu einem Ziel der Bewegung. 

Trotz dieser Offenheit auf der theorcti- 








Aufnahme: Rudolf Dietrich 


sehen Ebene wurde der Unterdrückung von 
Frauen dennoch nie eine hohe Priorität inner¬ 
halb der spanischen anarchistischen Bewe¬ 
gung cingeräumt. Die meisten Anarchisten 
weigerten sich, die Spezifität der Unterdrük- 
Kung von Frauen anzuerkennen; sie nahmen 
an - wenn sic sich damit überhaupt beschäfti¬ 
gten daß die Frauenemanzipation entwe¬ 
der der Aufnahme in die Lohnarbeit oder (im 
«digemcincren) einfach der Schaffung einer 
anarchistischen Gesellschaft folgen würde. 
Bestenfalls behaupteten sic, daß der Kampf 
zur Überwindung der Subordination von 
Frauen biittcls und inncrhalbdcr Organisatio¬ 
nen dci! Bwewcgung stattfindsen müsse. So 
erklärte eine Aktivistin: 

»W/V arbeiten an der Erschaffung einer 
neuen Gesellschaft , und diese Arbeit muß uni¬ 
sono getan werden. Wir sollten uns , zusam¬ 
men mit Männern, an Gewerkschaftskämpfen 
beteiligen, unseren Platz erkämpfen und ver¬ 
langen, ernst genommen zu werden.« 2 

Aber die Frauen der Mujcrcs Librcs be¬ 


tonten ausdrücklich, daß mehr direkte Ak¬ 
tion notwendig sei. Auch wenn männliche 
Anarchisten auf den Rednertribünen die 
»Platte der Emanzipation abgespielt« haben 
mögen, so änderten nach Ansicht der Aktivi¬ 
stinnen die meisten doch nicht ihr Verhalten 
gegenüber Frauen auf einer alltäglichen Ebe¬ 
ne. »Es ist wahr, daß wir zusammen gekämpft 
haben«, erinnert sich eine Frau, zu ihren 
männlichen Genossen gesagt zu haben, »aber 
ihr seid immer die Anführer, und wir sind im¬ 
mer die Gefolgschaft. Ob auf den Straßen 
oder zuhause. Wir sind wenig besser als Skla¬ 
vinnen!« Mujeres Libres erstrebte, sowohl 
die Barrieren der Ignoranz und Unerfahren¬ 
heit zu überwältigen, die die Frauen von der 
Partizipation als Gleichgestellte vom Kampf 
für eine bessere Gesellschaft abhielten, als 
auch der Dominaz der Männer in der anarchi¬ 
stischen Bewegung selbst zu begegnen. So er¬ 
zählte mir Soledad Estorach , eine »Initiato¬ 
rin« der Barcelona-Gruppe: 

»Wenigstens in Katalonien herrschte der 


Standpunkt vor, daß sowohl Männer als auch 
Frauen einbezogen sein sollten. Aberdas Pro¬ 
blem war, daß die Männer nicht wußten, wie 
die Frauen als Aktivistinnen einzubeziehen 
seien. Sie (sowohl die Männer als auch die 
meisten Frauen) sahen weiterhin Frauen als 
Gehilfinnen an, die nur in - einem zweitrangi¬ 
gen Status akzeptiert waren. Für sie, glaube 
ich, wäre die ideale Situation gewesen, eine 
companera zu haben, die sich nicht ihren Ide¬ 
en widersetzte, sondern die in ihrem Privatle¬ 
ben mehr oder weniger anderen Frauen oi e j- 
chen würde. Sie wollten Aktivisten 24 Stun¬ 
den am Tag sein - und in diesem Zusammen¬ 
hang ist es natürlich unmöglich, Gleichheit zu 
haben . . . Männer waren so sehr involviert, 
daß Frauen fast notwendigerweise zurückge¬ 
lassen wurden. Besonders wenn er zum Bei¬ 
spiel ins Gefängnis gesperrt wurde. Dann hat¬ 
te sie für die Kinder zu sorgen, für den Unter¬ 
halt der Familie zu arbeiten, ihn im Gefäng¬ 
nis zu besuchen usw. Dazu waren die Comp¬ 
anys sehr gut! Aber uns war das nicht ge- 














30 


nug. Das ist kein Aktivismus!« 3 

Als die Frauen der Mujeres Libres über ih¬ 
re Ziele redeten, benutzten sie ein Wort, ca- 
pacitaciön, das schwer zu übersetzen ist. »Be¬ 
fähigung« oder »Schulung« kommt ihm wahr¬ 
scheinlich am nächsten. Für sie, wie für Anar¬ 
chisten im allgemeinen, ist die Veränderung 
des menschlichen Bewußtseins ihrer selbst 
und ihrer Stellung in der Gesellschaft ein ent- 
scheidcner Schritt zur revolutionären Verän¬ 
derung. 

Die schwierige Frage - für die Mujeres 
Libres wie für jede Sozialrevolutionäre Bewe¬ 
gung-ist natürlich: Wie findet diese Bewußt¬ 
seinsveränderung statt? 

Obwohl Mujeres Libres eine Frauenorga¬ 
nisation war, deren Ziel die Befähigung der 
Frauen war, war sie fest in der spanischen an¬ 
archistischen Bewegung verwurzelt. Um das 
Programm und die Strategie zu,verstehen, 
müssen wir einige Augenblicke darauf ver¬ 
wenden, sie in einen größeren spanischen 
Kontext cinzuordnen. 


durch die »Propaganda der Tat«, eine exem¬ 
plarische Aktion, die der Bewegung durch 
die Überzeugungskraft des positiven Bei¬ 
spiels, das es setzt, neue Anhänger ver¬ 
schafft, oder durch »spontane Organisation«, 
die zwangslosen Föderationen von lokalen 
Gruppen, koordiniert. Der Punkt hier war, 
eine Ordnung ohne Zwang zu schaffen. Dies 
erreichten spanische Anarchisten durch das, 
was wir eine »föderatives Netzwerk« nennen 
würden. Unter der allgemeinen Ägide der 
Bewegung waren Gewerkschaften, geistig 
verwandte Gruppen (affinity groups), Schu¬ 
len, Kulturzentren usw. Aber keine dieser 
Gruppen konnte beanspruchen, für die ande¬ 
ren zu sprechen - oder zu handeln. Sie waren 
eher »Diskussionsforen« denn richtungswei¬ 
sende Organisationen. 4 

Letztlich waren die spanischen Anarchi¬ 
sten der Auffassung, daß direkte Aktion nur 
innerhalb eines Kontextes der »Vorberei¬ 
tung« stattfindet; daß »spontane Ordnung« 
nur aus Prozessen hervorgeht, die die Men¬ 
schen befähigen. »Vorbereitung« war der 
Schlüssel zum Erfolg einer Strategie der di¬ 
rekten Aktion. Auch wenn sie die Rolle einer 
Partei, die einen genauen Plan für die Revo¬ 
lution entwirft, ablehnten, so bestritten die 
spanischen Anarchisten doch auch, daß eine 
fundamentale soziale Veränderung in einem 
Vakuum stattfinden könnte. Die Menschen 
mußten Vertrauen zu sich selbst und ihrem 
Erkenntnisvermögen der Welt entwickeln. 
Aber solche Vorbereitungen, sollten sic nicht 
eine hierarchische Form annehmen, konnten 
nur durch die Erfahrung der Menschen mit 
neuen und andersartigen Formen der sozia¬ 
len Organisation stattfinden. 



Die anarcho-syndikalistischc Gewerk¬ 
schaftsbewegung (CNT) hatte sich zu dem 
Zeitpunkt, als der Bürgerkrieg offiziell im Ju¬ 
li 1936 begann, seit fast siebzig Jahren ent¬ 
wickeln können. (. . .) Sie griffen auf alte 
Traditionen der kollektiven Aktion zurück, 
die sie auch pflegten. Ob nun durch im 
19.Jahrhundcrt entstandene Manifeste des 
»communismo libertario« im ländlichen An¬ 
dalusien oder bei den Antikriegsdemonstra¬ 
tionen und den »Brotaufständen« in Barcelo¬ 
na im 20.Jahrhundert - tausende von Män¬ 


nern und Frauen in ganz Spanien hatten Er¬ 
fahrungen in der »direkten Aktion« sammeln 
könnnen. Sie hatten sich auf die Straßen be¬ 
geben, um die Befriedigung ihrer Bedürfnisse 
zu verlangen, und hatten, in der Sache zutref¬ 
fender, ihre Kraft manchmal direkt benutzt, 
wie in der »Befreiung« der Fleischmärkte und 
Kohlchandlungen. 

Rationalistische Schulen und ateneos lie¬ 
ferten noch andere Umgebungen zur »Vorbe¬ 
reitung«. Diese Schulen, die während der frü¬ 
hen dreißiger Jahre fn den Arbeitervierteln 
von Barcelona entstanden waren, wurden 
von den lokalen Gewerkschaften unterstützt 
und waren mit einigen engagierten Lehrern 
versehen,denen es gelungen war, eine Aus¬ 
bildung in einem, Erziehungssystem zu erlan¬ 
gen, das sonst vollkommen von der Kirche 
dominiert wurde. Sie waren Modelle einer 
partizipatorischen, nicht-hierarchisch organi¬ 
sierten Erziehung,die das Analphabetentum 
bekämpften und zur gleichen Zeit Selbstver¬ 
trauen und Klassenbewußtsein schufen. Die 
Kulturzentren, die gewöhnlich aus demsel¬ 
ben Gebäude heraus operierten, lieferten 
vielgewünschte Entspannungsmöglichkeiten 
- a ber immer mit einer Botschaft verbunden. 
Ausflüge in die Berge oder ans Meer wurden 
beispielsweise immer von charlas (Vorträgen 
in aufgelockerter Form) begleitet. So sagte 
eine Frau über ihre Erfahrungen mit der 
Gruppe: 

»Vorstellungen wurden wachgerufen , sie schu¬ 
fen ein Gefühl dafür, com pa ne ros und comp- 
aneras zu sein . . . Dort wurden wir am 
gründlichsten ideologisch geformt.« 5 Die 
meisten ateneos hatten außerdem Bibliothe¬ 
ken, die die Türen vielen jungen Leuten öff¬ 
neten, die keinen anderen Zugang zu Bü¬ 
chern hatten: »Als ich die Bibliothek im ate- 
neo sah, dachte ich, das ganze Wissen der Welt 
stünde mir zur Verfügung.« h 

So bestand schon bis zur Zeit des Bürger¬ 
kriegs ein ausgedehntes Netz an anarchisti¬ 
schen und anarcho-syndikalistischen Organi¬ 
sationen und Aktivitäten, besonders in Kata¬ 
lonien, Aragon und der Levante. (. . .) 

Von den verschiedenen »vorbereitenden« 
Aktivitäten, die ich beschrieben habe, waren 
insbesondere die Schulen und Kulturzentren 
lür die Frauen von besonderer Wichtigkeit. 
Die spanische Gesellschaft war zu der Zeit 
extrem gcschlcchtergeteilt. Die meisten Män¬ 
ner und Frauen hielten an einer Gesellschaft 
fast ausschließlich ihres eigenen Geschlechts 
fest. Darübcrhinaus war die Unterordnung 
von Frauen - sowohl in ökonomischer wie 
auch in kultureller Hinsicht - sehr viel 
schwerwiegender als die der Männer. Die 
Analphabctcnrate war bei den Frauen höher 
als bei Männern. Die Frauen, die außerhalb 
des eigenen Haushaltes Lohnarbeit verrichte¬ 
ten (vornehmlich waren es unverheiratete 
Frauen), wurden auf die Niedrigstlohnarhci- 
ten unter den härtesten Arbeitsbedingungen 
abgeschoben. Aber diese Ausbildungszent¬ 
ren und Jugendorganisationen hoben die 
Schranken zwischen den Geschlechtern auf, 
und sic lieferten sowohl jungen Frauen als 
auch jungen Männern eine Möglichkeit, sich 
sclbstkulturcll zu bereichern und mit Men¬ 
schen des anderen Geschlechts als Gleichbe¬ 
rechtigte zusammenzjukommen. Schließlich 
konnten sie die Bedürfnisse und Erfahrungen 
von Frauen - und von unorganisierten Arbei¬ 
tern - ansprechen, was die Gewerkschaften 
nicht konnten, denn sie wirkten auf einem 
Schauplatz, der viel weitreichender als der 
des Arbeitsplatzes war. Es ist nicht überra¬ 
schend, daß im Grunde genommen alle Frau- 



Eincs der kennzeichnenden Charakteristi¬ 
ka der »kommunalistisch-anarchistischen 
Tradition« (mit der ich die Tradition von Ba- 
kunin, Kropotkin und Malatesta meine, auf 
die sich diespanische anarchistische Bewe¬ 
gung bezog) ist das Beharren, daß die Mittel 
mit den Zielen übereinstimmen müssen. 
Wenn das Ziel des revolutionären Kampfes 
eine nicht-hierarchische gleiche Gesellschaft 
ist, dann muß es durch die Aktionen einer 
nicht-hierarchischen Bewegung erreicht wer¬ 
den. Sonst werden die Beteiligten nie fähig 
sein, unabhängig zu handeln und jene, die die 
»Bewegung« lenken und führen, werden als 
»Direktoren« einer postrevolutionären Ge¬ 
sellschaft enden. 

Entscheidend für ihre Fähigkeit, sich eine 
solche nicht-autoritäre Ordnung vorstellen zu 
können, war ihre Beteuerung, daß Individua¬ 
lität und Gemeinschaft nicht einander wider¬ 
sprechen, sondern vielmehr miteinander ge¬ 
genseitig verbunden sind. Die soziale Welt, 
die sic im Auge haben, ist nicht eine der iso¬ 
lierten Individuen. Auch ist es nicht das mo¬ 
ralische und soziale Chaos, das so oft mit dem 
Wort Anarchismus assoziert wird. Es ist viel¬ 
mehr eine Welt, in der geordnete menschli¬ 
che Beziehungen zentral sind, aber Ordnung 
wird eher durch Kooperation denn durch 
Wettberwcrb und Hierarchie gesichert. 

Spanische Anarchisten und Anarchosyndi¬ 
kalisten reflektierten diese Perspektive in ih¬ 
rer Verpflichtung gegenüber dem Dezentra¬ 
lismus und einer Strategie der »direkten Ak¬ 
tion«. Direkte Aktion bedeutet, daß revolu¬ 
tionäre Aktion und Organisation dort begin¬ 
nen, »wo Menschen sind«, und nicht durch 
»Vermittler«, wie z.B. politische Parteien. 
Diese lokalen Aktionen sind dann entweder 





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on, mit denen ich gesprochen habe, berichte¬ 
ten, daß ihre Erfahrungen in den ateneos und 
Jugendorganisationen von essentieller Be¬ 
deutung für ihre eigene Entwicklung und eine 
entscheidenden Komponente ihrer »Vorbe¬ 
reitung« für Mujcrcs Libres waren. Einige 
Frauen fanden dann einen Platz für sich in¬ 
nerhalb der Gemeinschaft, die die anarcho- 
syndikalistischc Bewegung und insbesondere 
ihre Jugendorganisationen schufen. Aber vie¬ 
le erkannten auch die Grenzen dieser Grup¬ 
pen. Auf der einen Seite wurden sic als Frau¬ 
en nicht immer mit der Ernsthaftigkeit, dem 
Respekt und der Gleichheit behandelt, die sie 
(und alle Frauen) ihrem Empfinden nach ver¬ 
dienten. Und auf der anderen Seite (und ich 
glaube, dies wog weitaus schwerer für viele 
der Gründerinnen, da sic der anarchistischen 
Bewegung und ihrem Projekt überaus ver¬ 
bunden waren) waren sie sich nur allzugut der 
Unfähigkeit der anarcho-syndikalistischen 
Bewegung bewußt, viele kompetente Frauen 
lür sich zu gewinnen, geschweige denn sie in 
Positionen der Leitung einzusetzen. Sie führ¬ 
ten dieses Versagen sowohl auf den Sexismus 
der Männer als auch auf den »Mangel an Vor¬ 
bereitung« einer ausreichenden Anzahl von 
Frauen zurück. 

Porträts 

Ich möchte einige dieser Frauen kurz Vor¬ 
teilen. Sic zogen mich vollkommen in ihren 
Bann, als ich sic vor einigen Jahren in Spa¬ 
nien und Frankreich traf und interviewte. Ein 
Verständnis davon, wer sic waren und wie sic 
ihr Leben führten,mag auch helfen, das Fol¬ 
gende in das richtige Verhältnis zu setzen. 

Viele der Aktivistinnen waren jung (ob¬ 
wohl natürlich auch erwähnt werden sollte, 
daß es diejenigen sind, die 1935/36 jung wa¬ 
ren, die noch heute am Leben sind, um ihre 
Geschichten zu erzählen) und unverheiratet. 
Wenn auch viele von ihnen (wie die meisten 
Mädchen der Arbeiterklasse) irgendwann im 
Alter zwischen 8 und 12 zu arbeiten begon¬ 
nen hatten, so erlaubte ihnen doch ihr lediger 


(und - was vielleicht wichtiger ist - kinderlo¬ 
ser) Status ein bestimmtes Maß an Zeit, um 
sich an Aktivitäten zu beteiligen, die in en¬ 
gem Zusammenhang mit der Bewegung stan¬ 
den. Einige der Frauen, die bei den Mujeres 
Libres aktiv werden sollten, kamen aus alten 
anarchistischen Familien und sagten, daß sic 
»die Ideen« fast mit der Muttermilch in sich 
aufgenommen hätten. 

Enriqueta Rovira 

beispielsweise ist eines von sieben Kindern 
engagierter anarchistischer Eltern und die 
Enkelin von Abelardo Saavedra, einem der 
frühen anarchistischen reisenden Lehrer, die 
um die Jahrhundertwende gezwungen wor¬ 
den waren, das Land zu verlassen,weil sie das 
Verbrechen begangen hatten, den Feldarbei¬ 
tern in Andalusien (im ländlichen Südspa¬ 
nien) das Lesen beizubringen. Auch sie kann 
nicht schildern, wie aus ihr eine Anarchistin 
»wurde« - die Ideen waren von Beginn an da. 
»Diese Ideen kamen ohne jegliches Aufdrän¬ 
gen zu uns . . . Es ist fast so, als wenn sie (un¬ 
sere Mutter) sie uns nicht lehrte, wir sie leb¬ 
ten, mit ihnen geboren wurden. Wir lernten 
sie so, wie du zu nähen oder zuessen lernen 
würdest.« 7 Sogar für Enriqueta-die aus einer 
Familie kam, die ihre Überzeugungen nicht 
nur teilte, sondern genährt hatte - war der 
Umgang mit anderen in einem ateneo ent¬ 
scheidend. Er stattet sie mit einem starken 
Sinn für die Gemeinschaft aus, der die Zeit 
überdauerte: Freundschaften, die sie dort 
schloß, verschafften ihr Zugang, um während 
der Jahre des Bürgerkriegs wichtige Arbeit zu 
tun. 

Sara Guillen 

Andere kamen aus Familien, die gewisse 
linksgerichtete (oder zumindestens republi¬ 
kanische) Tendenzen hatten, die sich aber 
nicht selbst als »Anarchisten« bezeichneten. 
Sara Guillen zum Beispiel war ungefähr sech¬ 
zehn, als der Krieg ausbrach und hatte davor 
wenig mit der Bewegung zu tun gehabt. Sie 
lernte die CNT durch die Teilnahme an Ge¬ 


werkschaftstreffen mit ihrem Vater kennen 
und schloß sich Mujeres Libres an - obwohl 
sie anfangs glaubte, daß es falsch sei, eine se- 
perate Organisation für Frauen zu haben 
bis sie sich in der Lage befand, das Recht der 
Frauen, sich zu treffen, gegen den Spott und 
Hohn ihrer männlichen gleichrangigen Ge¬ 
nossen zu verteidigen. 

Soledad Estorachs 

Vater, ein Lehrer und Republikaner, hatte 
sie - bevor er starb, als sie zehn Jahre alt war 
- mit einer Liebe zum Lernen erfüllt (und ihr 
das Lesen beigebracht - keine geringe Lei¬ 
stung für eine junge Frau in jenen Jahren). Im 
Alter von vierzehn verließ sic ihr zuhause - 
um einer Ehe aus dem Weg zu gehen, die 
»mich in den vier Wänden eines Hauses ein¬ 
gesperrt« hätte. Sie ging nach Barcelona, um 
Arbeit zu finden, die es ermöglichen würde, 
für sich selbst und ihre Mutter sowie für ihre 
Schwester zu sorgen. Dort trat sie schließlich 
einer Gewerkschaft bei und wurde in ein ate¬ 
neo einbezogen, das, wie sie berichtete, ihr 
eine vollkommen neue Welt eröffnete: »Es 
war ein unglaubliches Leben, das Leben einer 
jungen Militanten.Ein Leben, das sich dem 
Kampf dem Wissen , der Neuschaffung der 
Gesellschaft widmete . Es war durch eine Art 
Brausen , durch eine konstante Aktivität cha¬ 
rakterisiert. « 8 
Pepita Carpena 

Wieder andere kamen aus Familien, die kei¬ 
nerlei Verbindung zu diesen »Ideen« zu ha¬ 
ben schienen. Pepita Carpena beispielsweise 
erfuhr von der CNT durch anarchistische Un¬ 
tergrundorganisatoren, die zu den Tanzge¬ 
sellschaften, die sie als Teenagerin besuchte 
kamen um zu »bekehren«. Als Antwort auf 
die Abneigung ihres Vaters, ihr den Besuch 
von Treffen in der Nacht zu erlauben, sagte 
sie ihm: »Ich tue nur das , was du an meiner 
Stelle hättest tun sollen: für die Befreiung der 
Arbeiter kämpfen!« und lud ihn ein, sie zu ei¬ 
nem Treffen zu begleiten. Überzeugt von der 
Hingabe, die er unter den Leuten auf dem 
Treffen sah, störte er sie nie wieder. 












Was all diese Frauen gemeinsam hatten, 
war, daß alle von ihnen entweder an Gewerk¬ 
schaftsaktivitäten oder - was üblicher war - 
an ateneos und/oder Jugendorganisationen 
beteiligt waren.Die Erfahrungen spornten sie 
mit der Vision einer neuen Art zu leben und 
sich gegenseitig zu beeinflußen an. Die dort 
geschaffenen Netzwerke lieferten wichtige 
fortlaufende Unterstützung, die sowohl emo¬ 
tional als auch materiell war: Viele Frauen 
fanden lebenslange Freundinnen, deren ge¬ 
genseitige Hilfe während jener Zeiten essen¬ 
tiell war, als (mit den Worten Soledads) »es 
schien, daß wir allein wie im Himmel lebten.« 
Pepita Carpena erhielt zum Beispiel ein klei¬ 
nes Gehalt von der Metallarbeitergewerk- 
schaft(wo sie viele Freunde und Freundinnen 
hatte), und so konnte sie ihre Arbeit der Or¬ 
ganisierung für Mujeres Libres ganztägig ma¬ 
chen. 

Andere - besonders die Madrider Gründe¬ 
rinnen - waren älter. Und einige Aktivistin¬ 
nen waren verheiratet und hatten kinder. 

Pilar Grangel 

war Ende dreißig, als der Krieg ausbrach, 
und (mit ihrem companero) die Mitleiterin ei¬ 
ner »alternativen Schule«, wie wir sie heute 
nennen würden. Als sie von Mujeres Libres 
hörte, begann sie, mit ihnen zusammenzuar¬ 
beiten, bot Kurse in Lehrerausbildung (als 
auch im Erlernen der Grundfähigkeiten im 
Lesen und Schreiben usw. für erwachsene 
Frauen) an, um zu versuchen, die Arbeit, die 
sie und ihr companero allein begonnen hat¬ 
ten, zu fördern. 

Lola Iturbe j ■ 

war schon vierunddreißig. Sie hatte im Alter \ I 
von neuneinhalb zu arbeiten begonnen und I / 
kam mit anarchistischen Ideen in Kontakt, als 1 
sie ungefähr fünfzehn war. Zusammen mit ih¬ 
rem companero arbeitet sie an der anarchisti¬ 
schen Zeitung Tierra y Libertad und beteilig¬ 
te sich bei Mujeres Libres als etwas ähnliches 
wie eine »Kulturarbeiterin«. 

Mercedes Comaposada 
veranschaulicht noch einen anderen Weg 
zum Aktivismus. Sie war die Tochter eines 
sozialistischen Vaters und hatte wenig oder 
keinen Kontakt zur anarchistischen Bewe¬ 
gung - oder ihren Ideen bis sie Jurastuden¬ 
tin in Madrid wurde. Dann, 1933, fragte sie 
ein Freund, ob sie einige Kurse in der Grund¬ 
ausbildung in einem CNT-Gewerkschaftszen- 
trum geben wollte, dem sie froh zustimmte. 

So berichtete sie: »Sie wollten mich, damit ich 
unterrichte . . . Aber es war unmöglich, wegen 
des Verhaltens einiger >compaheros<. Sie nah¬ 
men Frauen nicht ernst . Sie dachten, alles, was 
Frauen zu tun hätten, sei kochen und nähen 
. . . Frauen wagten in dieser Umgebung kaum 
zu sprechen.« 9 Von diesem Moment an ka¬ 
men sie und Lucia Sanchez Saornil, die zu¬ 
sammen mit Mercedes und Amparo Poch, ei¬ 
ner Ärztin, Mujeres Libres gründen sollte, zu 
einer unmittelbaren Einsicht: 

»Wir hatten tine Million Menschen gegen uns. 

Die großen Revolutionärinnen - Clara Zetkin, 
Alexandra Kollontai, Rosa Luxemburg - ver¬ 
suchten alle, etwas mit Frauen zu erreichen. 
Aber sie fanden alle heraus, daß dies vom In¬ 
nern einer Partei, einer existierenden revolu¬ 
tionären Organisation heraus unmöglich ist. 

Ich erinnere mich zum Beispiel, einen Brief 
von Lenin an Clara Zetkin gelesen zu haben, 
in dem er zu ihr sagt: >Ja, all das, was du über 
die Emanzipation der Frauen sagst, ist sehr 
gut. Ein sehr schönes Ziel. Aber für spätere 
Die Interessen einer Partei kommen immer 
vor denen der Frauen.« 10 


So begannen sie Ende 1933 Briefe an Frau¬ 
en im ganzen Land - sowohl in der CNT als 
auch außerhalb - zu verschicken, in denen sie 
ankündigten, daß sie eine Organisation für 
Frauen aufzubauen gedachten, und sie for¬ 
derten Leute auf, mit Fragen und Problemen 
zu antworten, die sie gern angesprochen se¬ 
hen wollten. »Unsere große Freude«, sagte 
mir Mercedes, »war die Reaktion: Sie waren 
unglaublich enthusiastisch, und es gab immer 
mehr.« u 


Währenddessen hatten in Barcelona andi 
Frauen ähnliche Erfahrungen gemacht i 
ähnliche Reaktionen bekommen. Solec 
Estorach, die eine der Initiatorinnen die 
Gruppe war, beschrieb ihre Anfänge: 
»Mujeres Libres (oder was Mujeres Lib 
werden sollte) begann sich etwa Anfang P 
in Katalonien zu formieren, und baute auf 
Erfahrungen, die viele von uns Militanten i 
dem Aktivismus in gemischten Gruppen 
habt hatten. Frauen pflegten einmal zu ko 













Leider müssen wir einen inhaltlich wichtigen Teil in Druckerschrift 


men, zu einem Sonntagsausflug vielleicht oder 
zu irgendeiner Diskussionsgruppe - manch¬ 
mal wollten sie sogar mitmachen aber sie 
wurden nie wieder gesehen. In Barcelona, 
weißt du, war die Bewegung sehr groß und 
sehr stark . . . Und es gab eine Menge Frauen, 
die in einigen Industrien - insbesondere Texti¬ 
lien und Damenschneiderei - beschäftigt wa¬ 
ren. Aber wir bemerkten, daß es, selbst in die¬ 
ser Gewerkschaft, wenige Frauen gab, die 
überhaupt redeten. Wir waren wegen der 
Frauen, die wir verloren , beunruhigt und 
überlegten uns, eine Gruppe zu gründen, die 
sich mit diesen Problemen befassen sollte. 

1935 verschickten wir einen Aufruf an alle 

Frauen in der libertären Reweeunp* und mit denen, die 

antworteten, bildeten wir eine Gruppe und nannten sie Grupo 


anbieten, da er im Belichtungsvorgang hängen geblieben ist und uns während j 
des Lay Outs keine weitere Belichtung möglich ist. Sorry, die SF-Red. 


wußte nicht, daß es draußen in der Welt Frauengruppen gab, dlie 
sich für Frauenrechte organisierten. Es gab eine oder zwei 
innerhalb unserer Gruppe, die vom Feminismus gehört hatten sie 
waren in Frankreich gewesen. Aber ich wußte nicht, daß solche 
Dinge in der Welt existierten! was ich zu sagen versuche ist, daß 
wir innerhalb unserer eigenen Situation, auf der Basis unserer 
eigenen Erfahrungen arbeiteten. Wir führten dies nicht von 
anderswo ein. Wir hatten uns nicht einmal bewußt gemacht, daß es 
existierte! 13 

(Es ist wich tig, hier zu erwähnen, daß sie und im Grunde 
genommen alle Anarchisten und Anarchistinnen sehr negativ auf 
den Feminismus reagierten, den sie mit dem Kampf von Frauen der 


cultural feminine, CNT . 12 

Anfangs existierten diese Gruppen mehr oder weniger unter den 
Auspizien der CNT. Ihre Absicht war es, mehr Frauen als 
Aktivistinnen für die anarcho-syndikalistische Bewegung zu 
gewinnen. Aber innerhalb kurzer Zeit kamen sie zu dem Schluß, daß 
diese Heranbildung von Aktivistinnen komplex war und daß Sie 
Autonomie brauchten, wenn sie die Frauen erreichen sollten, die 
sie und dazu auf ihre eigene Weise erreichen wollten. 

Kehlioßlich hörten die Aktivistinnen in Barcelona von der Gruppe 
in Madrid, und im September 1936 taten sie sich Zusammen unter 

dem N.um mi, jIlmi die M.uli ider Gruppe gewählt hatte: Mujeie» l.lbicn. 
Hin l.'vuci 1 ,., | m April UnM.e ilio Madrider Gruppe die erste 

Ausgabe des Magazins gleichen Namens veröffentlicht; 13 Ausgaben 
nullten hin y.u der '/.eil ersehe i non, bist die Publikation bei 
Kriegsende eingestellt werden mußte. 

Die Gründung von Mujcres Librcs ist ein gutes Beispiel für 
direkte Aktion und spontane Organisation; sie zeigt die 
Verwurzelung von Mujeres Libres in der anarchistischen Bewegung, 
die auf der Notwendigkeit der Sclbr.torganisation bestand, um den 
selbstbestimmten Bedürfnissen der Menschen zd entsprechen. 

Solcdad fing die Ansicht der Aktivistinnen vtjn dem, was sie 


Mittelklasse für das Wahl- und/oder Arbeitsrecht gleichsetzten. 
Als eine Organisation von in erster Linie Frauen der 
Arbeiterklasse, die sich der Emanzipation der Frauen der 
Arbeiterklasse widmen sollte, sahen diese Frauen den 
individualistischen Feminismus als irrelevant für ihr ganzes 
Vorhaben an, wenn nicht gar ihm entgegengesetzt.) 

Sie argumentierten, daß Frauen sich unabhängig von Männern zu 
organisieren hätten, um sowohl ihre eigene Subordination zu 
überwinden als auch den männlichen Widerstand gegen die 
Frauenemanzipation 2 u bekämpfen. Sie gründeten ihr Programm auf 
denselben Verpflichtungen zu direkter Aktion und Vorbereitung, 
die die breitere spanische anarchistische Bewegung erfüllten, und 
bestanden darauf, daß die Vorbereitung der Frauen, um sich an der 
revolutionären Aktivität zu beteiligen, aus ihren eigenen, 

beso II du toll Lubunscr Lahrungen heraus entwickelt werden müsse. 

Das Element der Autonomie war entscheidend für sie es war, was 
diese Selbstbestimmung, die filr die Befähigung essentiell war, 

möglich machte* So schrieb Lucia Sanchez Saornil 1935: Ich 

glaube, es steht den Männern nicht an, äie Rolle der Frauen 

innerhalb der Gesellschaft festzulegen, wie erhaben das auch 


vorhatten, gut ein: 

Da waren natürlich Leute, die sagten, dies sei falsch, daß wir 
nur in gemischten Gruppen arbeiten sollten urtd daß wir Gefahr 
liefen, in den Feminismus zu geraten. Nun hatte ich, wie die 
meisten von uns aber nie zuvor etwas von Feminismus gehört, ich 


immer sein möge. >Ich wiederhole: Es ist der anarchistische Weg, 
die Frau Einfluß auf ihre eigene Freiheit, ohne Richtschnuren und 
ohne Zwang, haben zu lassen, in die sie ihre Neigungen und 
Fähigkeiten leiten. 14 












34 


Oder, wie Enriqueta Rovira sagt, versuch¬ 
te sie damals zu erklären: »Ich pflegte den 
companeros zu sagen: >Wir wollen nicht frei 
sein, um euch die Arbeit wegzunehmen oder 
um euch eure Spaten oder eure Hämmer oder 
das Brot aus euren Händen zu nehmen. Wir 
wollen frei sein, um unsere Rechte herauszu¬ 
verlangen. Wer gibt euch das Recht, vier oder 
fünf Frauen zu haben, wenn wir mit einem 
(Mann) auskommen müssen, selbst wenn wir 
das Verlangen nach anderen Dingen haben? 
\ Warum haben wir uns darauf zu beschränken, 
j Putzfrauen zu sein, wenn wir die Fähigkeit be- 
\ sitzen, eine Sekretärin oder eine Direktorin 
j oder. . . wer weiß sonstwas zu sein? Nein, das 
i ist es, was ihr euch über Frauen klarmachen 
müßt: daß Frauen ... zu allem fähig sind. 
Gleichheit ist alles.« 15 

Sie strebten die Schaffung eines Kontextes 
an, in dem Frauen ihre Unterordnung über¬ 
winden und ein neues Selbstbewußtsein ent¬ 
wickeln konnten. Die Programme von Muje- 
res Libres wandten sich Problemen zu, die 
Frauen besonders betrafen - solche, die,nach 
ihrer Analyse, die Hauptkomponenteri der 
Subordination von Frauen darstellten - d.h. 
Analphabetentum, wirtschaftliche Abhängig¬ 
keit und Ausbeutung und Unwissenheit ge- 
: genüber Gcsundheits- und Kinderfürsorge so- 
j wie Sexualität. Inzwischen war die Struktur 
! der Organisation - nämlich die Autonomie 
von bestehenden, männlich-dominierten Or¬ 
ganisationen - bestimmt, um diesen sich neu 
entwickelnden Sinn des Selbst aufzubauen 
und zu schützen. 

Obwohl sie nicht offiziell Prioritäten in be¬ 
zug auf das setzten, was sie als die Quellen der 
Subordination von Frauen ansahen, konzen¬ 
trierten sich die meisten Organisationsaktivi¬ 
täten auf die Überwindung von Unkenntnis 
und wirtschaftlicher Ausbeutung. Sie entfach- 
| ten eine massive Alphabetisierungskampag- 
| ne, um eine Grundlage zu schaffen, die not- 
; wendig war für die »Enkulturation (Prozeß im 
Rahmen der frühkindlichen Sozialisation, in 
dem Grundzüge - besonders >Kernrollen< so¬ 
zialen Verhaltens - der eigenen Kultur ver¬ 
mittelt und durch bewußte und unbewußte 
Lernprozesse angeeignet werden; Anm. v. 
J. A.) von Frauen«, mit Kursen, die in Städten 
und Dörfern, wo immer sie ihreOrganisation 
hatten, gegeben wurden. Zusätzlich riefen sie 
große Zentren in den Städten, wo sie am 
stärksten waren ins Leben - »Mujeres Libres 
Institute« in Madrid und Valencia und das 
»Casal de la Dona Treballadora« (Institut für 
Arbeiterfrauen) -, die Kurse zur Erlernung 
der grundlegenden Schreib- und Lesefähig- 
; keiten anboten; Fortgeschrittenenkurse in 
Sprachen, Schreibmaschine schreiben, Steno¬ 
graphie; »Fachkurse« wie in Krankenpflege, 
Kinderfürsorge, Ausbildung von Handwerks¬ 
fertigkeiten (Elektrizität, Mechanik usw.) 
und Gesundheitsfürsorge; und Kurse in was 
si cformacion social nannten: Gewerkschafts¬ 
organisation, Ökonomie und allgemeine, wö- 
I chentliche Treffen, die Gelegenheiten boten, 

| sich mit anderen Frauen zu treffen und zu un¬ 
terhalten (was den Weg zum politischen Akti- 
j vismus bahnte). Sie sahen die Lese- und 
I Schreibfähigkeit als Werkzeug an, um sowohl 
I | das Selbstvertrauen von Frauen zu entwickeln 
| als auch ihre volle Teilnahme an der Gesell¬ 
schaft und der sozialen Veränderung zu för- 
! dern: »Es war fast wie eine Schule für Aktivi- 
| stinnen . . . Wir haben die Menschen nicht ge¬ 
rade indoktriniert, aber wir haben mehr als nur 
technische Schulung betrieben. . .Wirermuti¬ 
gen sie, aufmerksam zu sein, Aktivistinnen zu 
werden.« 16 


Mujeres Libres sah die wirtschaftliche Ab¬ 
hängigkeit in einer extremen geschlechtli¬ 
chen Teilung der Arbeit verwurzelt, die Frau¬ 
en die niedrigstbezahlte Arbeit unter den här¬ 
testen Bedingungen zuwies. Um dies zu über¬ 
winden, arbeitet Mujeres Libres eng mit den 
CNT-Gewerkschaftcn zusammen und förder¬ 
te Ausbildungs- und Lehrprogramme in vie¬ 
len Fabriken. Wie Mercedes Comaposada sic 
beschrieb, hatten sie mehrere Funktionen: 
»Der Abschnitt, der die Arbeit betraf,' war 
wahrscheinlich der wichtigste . Wir fingen auf 
diesem Schauplatz sofort an, weil es unbedingt 
erforderlich war, Frauen aus dem Haus her¬ 
auszubekommen. « Schließlich gab es Mujeres 
Libres Gruppen in fast allen Fabriken. Viele 
von ihnen konzentrierten sich vermutlich auf 
Probleme, die wenig mit Frauenemanzipation 
zu tun hatten, aber dennoch eine Umgebung 
für Frauen lieferten, um über Angelegenhei¬ 
ten bezüglich der Arbeit zu sprechen. In länd¬ 
lichen Gebieten förderten sie landwirtschaftli¬ 
che Ausbildungsprogramme. Sie verfochten 
und unterstützten auch Kinderfürsorgemög¬ 
lichkeiten, sowohl in den Nachbarschaften als 
auch an den Arbeitsplätzen, um den Frauen 
das Arbeiten zu ermöglichen. Und sie kämpf¬ 
ten für Lohngleichheit von Männern und 
Frauen. Dennoch ist es wichtig zu erwähnen, 
daß sie wenig Beachtung der geschlechtlichen 
Teilung der Arbeit oder den Zusammenhän¬ 
gen für sexuelle Gleichheit oder der Stereoty¬ 
pisierung einer Arbeit als die von Frauen und 
einer anderen als die von Männern schenkten. 

Die Organisation als Ganzes hatte keine 
klare Position in bezug auf die kulturelle Sub¬ 
ordination von Frauen. Einige ihrer Mitglie¬ 
der (darunter Ampara Poch und Lucia San- 
chez Saornil) kritisierten heftig die »bourgeoi¬ 
se Moral« (und insbesondere die Vorstellun¬ 
gen von Ehe und Monogamie), die, wie sic 
sagten, Frauen untertan machte und die Mög¬ 
lichkeit einer jeden für Beziehungen ein¬ 
schränkten. Sie wandten sich gegen die Be¬ 
stimmung, daß Frauen einzig und allein Müt¬ 
ter seien. Wir wollten klarmachen, daß die 
Frau ein Individuum ist und daß auch sie Wert 
und Bedeutung hat, auch vom Muttersein ab¬ 
gesehen. Wir wollten den Mythos »Der Mut¬ 
ter« loswerden. Allermindestens wollten wir 
madres conscientes (Mütter aus Bewußtsein, 
aus freier Wahl). Menschensollten in der Lage 
sein, zu wählen, ob, wann und wie sie Kinder 
haben wollen.« 17 Aber die meisten Mitglieder 
hatten sich vermutlich auf monogame Bezie¬ 
hungen festgelegt, wenn auch nicht auf die ge¬ 
setzliche Ehe. Und das Ideal der »freien Lie¬ 
be« (auch im Sinne, daß Menschen frei sein 
sollten, sich in monogame Beziehungen zu be¬ 
geben und sie aufzugeben, wann es ihnen ge¬ 
fiel und sich nicht nach Kriterien von Kirche 
und Gesellschaft zu richten) schien, von weni¬ 
gen Ausnahmen abgesehen, mehr für Männer 
als für Frauen zu gelten. 

Es gab eine größere Übereinstimmung in 
bezug auf andere Aspekte der kulturellen 
Subordniation. Eines der innovativsten Ziele 
von Mujeres Libres (obwohl eines, das infolge 
der Inanspruchnahme der Frauen durch den 
Krieg kaum in die Praxis umgesetzt werden 
konnte) war die Bildung der liberatorios de 
Prostitution, Zentren, in die frühere Prostitu¬ 
ierte gehen und unterstützt werden konnten, 
um für ein besseres Leben umgeschult zu wer¬ 
den. 

Ein weiterer bedeutender Schwerpunkt 
war die Gesundheitsfürsorge. Bis zum Aus¬ 
bruch des Krieges hatte die Kirche die Bereit¬ 
stellung davon übernommen, welche Gesund¬ 
heitsfürsorge in Spanien verfügbar war. Muje¬ 


res Libres bildete Krankenschwestern aus, um 
die Nonnen zu ersetzen und entwickelte Aus¬ 
bildungs- und Hygieneprogramme für Entbin¬ 
dungskliniken und Nachbarschaftszentren. 
Diese zielten darauf ab, die Unkenntnis von 
Frauen (die von der Kirche erhalten wurde) 
gegenüber ihren Körpern und ihrer Sexualität 
zu überwinden - eine Unkenntnis, die Muje¬ 
res Libres als eine weitere Wurzel der Subor¬ 
dination von Frauen unter Männer ansah. 

Es ist wichtig zu erwähnen, daß ihr Pro¬ 
gramm und ihre Organisation ganz verschie¬ 
den von denen anderer Frauenorganisationen 
in Spanein zu jener Zeit waren; die meisten 
dieser Organisationen waren die »Fraucn- 
hilfstruppc« der verschiedenen Parteiorgani¬ 
sationen. Mujeres Libres erinnerte ihre Mit¬ 
glieder stets: »Inmitten all der Opfer . . . ar¬ 
beiten wir, um uns selbst zu finden und unseren 
Platz in einer Atmosphäre festzulegen, die uns 
bis heute verweigert wurde: soziale Aktion. « w 
In einer wichtigen Parallele zur Position der 
anarchistischen Bewegung über die soziale 
Revolution argumentierte sie, daß die Frauc- 
nemanzipation nicht das Ende des Krieges ab¬ 
zuwarten brauche und daß Frauen sowohl sich 
selbst als auch den Kriegsansprüchen am be¬ 
sten helfen konnten, indem sie auf ihrer 
Gleichheit bestanden und so vollkommen wie 
möglich an dem stattfindenden Kampf teil- 
nahmen. 


Die Überwindung der Subordination von 
Frauen und ihre völlige Integration in den re¬ 
volutionären Kampf erforderten jedoch mehr 
als einen Angriff auf die Ursprünge der Sub¬ 
ordination. Das Selbstverständnis der Frauen 
hatte sich zu verändern, so daß sie beginnen 
konnten, sich selbst als unabhängige, effektiv 
landclnde Personen in der gesellschaftlichen 
Arena zu sehen. 

Das Wecken des Bewußtseins war ein 
grundlegender Aspekt ihres Programms und 
ie Organisation ließ nur wenige Gelegenhei¬ 
ten verstreichen, in denen sie nicht Frauen in 
lesen Prozeß einbezogen. Sie riefen Gesprä- 
c e und Diskussionsgruppen ins Leben, um 
rauen daran zu gewöhnen, den Klang ihrer 
eigenen Stimmen in der Öffentlichkeit zu hö¬ 
ren. Was sie preparacion social nannten wur- 
e zu einem Element jedes Projekts, das sie in 
ngriff nahmen. In Zusammenarbeit mit den 
Gewerkschaften beispielsweise besuchter 
ruppen von Mujeres Libres-Frauen, diein 
den Fabriken Arbeitenden, vorgeblich, um 
sie mehr in die Gewerkschaftsarbeit einzube- 
^nehen. In Gruppen £u zweit oder zu dritt 
wollten die »Organisationen« von Mujeres 
Libres bis zu 50 Fabriken am Tag besuchen 
und die Fließbänder für etwa 15 Minuten an- 
halten, um mit den Arbeiterinnen zu reden. 
Während sie dort waren, schenkten sie den 
Frauen einige »ermunternde Worte« über die 
Bedeutung ihrer Mitwirkung als Frauen. In 















aus dem anarchistischen Engagement für die 
direkte Aktion. Weder einzelne männliche 
Anarchisten noch die großen Organisationen 
der spanischen anarchistischen Bewegung wa¬ 
ren notwendigerweise so enthusiastisch (oder 
auch nur unterstützend) in bezug auf ihre Pro¬ 
gramme und Leistungen, wie sich das Mujeres 
Libres vielleicht gewünscht hätte. Dennoch 
versuchten diese Frauen, eine Ausrichtung 
auf ein soziales und politisches Leben zu ver¬ 
wirklichen, für das sich Anarchisten lange en¬ 
gagiert hatten,wenigstens in der Theorie: eine 
Achtung vor der Vielfältigkeit. 

Die Frauen von Mujeres Libres waren voll¬ 
kommen im Anarchismus und in den Zielen 
und Strategien der spanischen anarcho-syndi- 
kalistischen Bewegung verwurzelt. Dennoch, 
indem sie auf der Notwendigkeit einer sepera- 
ten Organisation bestanden, bewegten sie sich 
anscheinend über jene Grenzen hinaus, bis zu 
denen die Bewegung als solche zu gehen ge¬ 
willt war. Auch wenn ihre eigenen Leistungen 
begrenzt gewesen sein mögen - am drama¬ 
tischsten wegen der Kriegssituation, in der sie 
arbeiteten -, so weisen ihre Programme doch 
auf eine Vision der Beziehung zwischen Indi¬ 
vidualität und Gemeinschaft hin, von der wir 
viel lernen können. Das Wecken des Bewußt¬ 
seins ist im wesentlichen ein Prozeß der »Befä¬ 
higung^ Zu erkennen, daß andere Sorgen und 
Schwierigkeiten teilen, von denen wir anneh¬ 


einigen Gebieten (z.B. Terrassa) richteten sic 
cs so ein, daß sicli Gcwerkschafterinncn unab¬ 
hängig von den Männcern treffen konnten, 
um sowohl über die Probleme, die sie speziell 
betrafen, zu sprechen als auch um sich zu un¬ 
terstützen, um aktiver an der Gewerkschafts¬ 
versammlung tcilzunehmcn. In Barcelona 
richtete die Gruppe »fliegende Kindertages¬ 
stätten« ein, um Frauen, deren Kinder betreut 
werden mußten, zu ermöglichen, Gewerk¬ 
schaftsversammlungen zu besuchen. 

Die seperate Organisation ermöglichte ih¬ 
nen die Freiheit, unabhängige Programme zu 
entwickeln, die sich den spezifischen Bedürf¬ 
nissen von Frauen zuwandten, und sich direkt 
dem Problem ihrer Subordination zu widmen. 
Zusätzlich, wie sich eine Anzahl von Frauen 
zu betonen beeilte, zwang sie sie, Verantwor¬ 
tung auf Gebieten zu übernhemen, die an¬ 
dernfalls »erfahrenere« Männer »natürlich« 
übernommen hätten. 

Schlußfolgerungen 

Zweifellos griffen die Frauen von Mujeres 
Libres nicht nur auf ihre eigenen Erfahrungen 
in der anarcho-syndikalistischcn Bewegung 
zurück, sondern auch auf Perspektiven in be¬ 
zug auf Gesellschaft und soziale Verände¬ 
rung, die sic angeregt hatten. Ihr Ziel, Frauen 
durch Mitwirkung in, Gruppen, die auf die 
spezifischen Realitäten ihres täglichen Lebens 
cingingen^ zu >befähigcn<, ergab sich direkt 


men, sie seien »persönlich«, ist ein wichtiger 
Schritt zur Entwicklung eines »politischen« 
Bewußtseins - eines Gefühls, daß unser Le¬ 
ben sozial gestaltet und die Welt veränderbar j 
ist. Obwohl dies in der Persönlichkeit der In¬ 
dividuen vonstatten geht, so ist das Wecken I 
des Bewußtseins im wesentlichen doch ein 
kollektives Bemühen. Sein Erfolg beruht auf 
einem Gefühl von Gemeinschaft - und hilft ei- j 
gentlich, dieses Gefühl zu schaffen und zu un¬ 
termauern. Und es ist dieses Gefühl von Ge¬ 
meinschaft, das dann wieder die Mitwirken- j 
den befähigt. 

Diese Einsicht ist eine sehr wichtige - aber j 
eine, die oft in den Ansprüchen verloren ging, j 
daß Feminismus von »persönlichem Fort- j 
schritt« oder »gleicher Möglichkeit« handle. ! 
Die klassische liberale Persp'ektive (deren Er- i 
be all die von uns sind, die Bürger der USA i j 
und Europas sind) ist, daß Gemeinschaft und I 
Individualität notwendigerweise unvereinbar 1 
sind. Richtiger ist, glaube ich, die Perspekti- j 
ve, von der aus Mujeres Libres agierte; daß 
Menschen ihre volle Persönlichkeit nicht im 
Konflikt mit, sondern im Kontext von einer ! 
Gemeinschaft erreichen - aber natürlich solch ! 
einer Gemeinschaft, die sie schätzt und re¬ 
spektiert. 

Laßt uns dies ein wenig ausführlicher be¬ 
trachten. Insbesondere als Bürger »liberal-de¬ 
mokratischer Politik« neigen viele von uns da- | 


















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zu, »Gemeinschaft« mit Einförmigkeit gleieh- 
zusetzen. Daher die häufige Annahme (die oft 
auf Anarchisten und andere Verfechter der 
Gleichheit gezielt ist), daß Gemeinschaft mit 
Kreativität und Individualität unvereinbar sei 
(weil Kreativität von der Gemeinschaft er¬ 
stickt werde). Diese Behauptung ist, glaube 
ich, der Ursprung einiger bedeutsamer Pro¬ 
bleme in US-amerikanischer Politik, sei sie 
nun feministisch oder anders. Denn wir schei¬ 
nen von der Vermutung auszugehen, wahre 
demokratische Politik, die gegenüber der In¬ 
dividualität verantwortungsvoll ist, habe ih¬ 
ren Ursprung in Abkommen und sei auf Inter¬ 
essen gegründet - Interessen, die und als Indi¬ 
viduen zu eigen sind, völlig getrennt von jeder 
Rasse, Klasse oder von kulturellen Beziehun¬ 
gen. Vieles der liberal-demokratischen Politik 
scheint auf der Vermutung gegründet zu sein, 
die Gestaltung rund um die Unterschiede (be¬ 
sonders um jene, die auf Rasse, Klasse, Ge¬ 
schlecht oder Kultur basieren) höhle die Ein¬ 
heit des Ganzen aus. 

Wie Angehörige von nicht-dominanten 
Gruppen in den USA eine Zeitlang ausge¬ 
führt haben - erst kürzlich innerhalb des Kon¬ 
textes der Frauenbewegung entmachtet je¬ 
doch eine solche Einstellung gegenüber Poli¬ 
tik (und Persönlichkeit) eigentlich die Men¬ 
schen und kann gut dazu dienen, unsere Indi¬ 
vidualität zu leugnen. Wir sind besipielsweise 
im Begriff zu erkennen, daß es wahrscheinlich 
nicht so etwas wie »Frau« gibt - jede von uns 
ist in den besonderen kulturellen, ethnischen, 
religiösen usw. Gemeinschaften verwurzelt, 
in denen sie aufwuchs und mit denen sie, bis 


zu einem gewissen Grad, verbunden ist. Von 
einander zu verlangen, daß wir diese Identitä¬ 
ten (und die Beziehungen, in denen sie ihren 
Ursprung haben) im Namen irgendeiner ab¬ 
strakten »Weiblichkeit« aufgeben,heißt, den 
Reichtum unseres spezifischen Lebens zu ver¬ 
neinen - etwa in der gleichen Weise, in der 
sich die Männer das Recht herausnehmen, die 
spezifische Erfahrung von Frauen nicht anzu¬ 
erkennen, uns im Namen der »Menschheit« 
die Fülle unserer Persönlichkeit und Ge¬ 
schichte zu verweigern. 

Wir müssen anfangen, über »Gemein¬ 
schaft« auf andere Weisen nachzudenken - 
auf solche Weisen, die ihre angebliche Unver¬ 
einbarkeit mit persönlicher Entwicklung zum 
Einsturz bringen. Und hierbei, glaube ich, 
können anarchistische Ideen hilfreich sein! 
Erstens gibt es sicherlich Aspekte unserer 
selbst, über die wir uns nur in Beziehungen zu 
anderen klar werden können - und einige da¬ 
von erfordern das Geflecht von anderen 
Menschen,d.h. Gemeinschaft. Wir müssen 
anfangen, Gemeinschaften nicht lediglich als 
Mittel zu sehen, die jeder und jedem von uns 
ermöglichen, unsere selbstbestimmten Ziele 
zu verfolgen, sondern als Kontexte , in denen 
wir uns die Fülle dessen, was wir sind, vor Au¬ 
gen führen und sie ausdrücken. Umgekehrt, 
denn alle von uns werden im Grunde genom¬ 
men Wurzeln in mehr als einem dieser Kon¬ 
texte haben, darf jede Gemeinschaft, die un¬ 
sere Ganzheit hegen soll, nicht nur die Vielfäl¬ 
tigkeit in ihrer wirklichen Deutlichkeit erken¬ 
nen, sondern sie auch aktiv begrüßen. 

Was ich so anziehend an den Frauen von 
Mujeres Libres finde, ist, daß sie in gewisser 


Hinsicht mit den gleichen Problemen kämpf¬ 
ten. Mit all ihrem Engagement für die Ziele 
der anarchistischen Bewegung - und ihrer 
Verwurzelung in ihrer Gemeinschaft - er¬ 
kannten sie doch, daß ihnen als Frauen etwas 
fehlte. Dies war für die meisten von ihnen eine 
schmerzhafte Erkenntnis. Einige von denen, 
die Aktivistinnen werden sollten,widersetz¬ 
ten sich zunächst der Idee einer seperaten Or¬ 
ganisation, als sie zum ersten Mal davon cr- 
uhren, da für sie die anarcho-syndikalistischc 
Bewegung, in der sie aufgezogen wurden, so 
wichtig war, daß sie alles fürchteten , was ihre 
Einheit aushöhlen könnte. Dennoch kamen 
sie mit der Zeit dazu, darauf zu bestehen, so¬ 
wohl um ihrer eigenen Entwicklung und der 
anderer Frauen willen (als Menschen und An¬ 
archistinnen) als auch eigentlich um der Be¬ 
wegung selbst willen, daß eine seperate Orga¬ 
nisation, die sich der Frauenemanzipation 
widmete, unentbehrlich war. 

Ihre Erfahrung kann uns vielleicht zu einer 
anderen Denkart in bezug auf unsere Realität 
inführen. Aus ihrer Sicht konnten Frauen 
nur dann in der anarchistischen Bewegung be- 
ähigt-und aktiv-werden, wenn sie zur glei¬ 
chen Zeit die Bindungen gemeinsamer Erfah¬ 
rung zusammen mit anderen Frauen anerken¬ 
nen und auf sie bauen konnten. Auch wenn 
viele Männer in der anarchistischen Bewe¬ 
gung in ihren Programmen eine Aufspaltung 
der Einheit sahen, so taten es diese Frauen 
zweifellos nicht. Vielmehr ist es, schienen sie 
zu beteuern, nicht nur die Billigung, sondern 
die Nahrung solcher Bindungen innerhalb des 
Kontextes der umfassenden Bewegung , die 
letztendlich eine befähigte Einheit ermög¬ 
licht. 





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Mujeres Libres hatte wenig Zeit, ihre Vi¬ 
sionen in die Realität umzusetzen, und so 
können wir nicht wissen, wieviel diese Frauen 
vielleicht erreicht hätten. Auch hatten sie kei¬ 
ne klare Formel dafür, wie alles zum Funktio¬ 
nieren zu bringen sei. Aber ihre Organisation 
war eine Föderation aus autonomen lokalen 
Gruppen; und die Beziehung, die sie zur um¬ 
fassenderen anarchistischen Bewegung woll¬ 
ten (aber nicht haben konnten) war auch die 
eines autonomen Gewebes von Zellen, das in¬ 
nerhalb eines umfassenderen, föderierten 
Ganzen arbeitete. Villeicht kann uns dieses 
Modell (und ein Gefühl des anarchistischen 
Engagements für direkte Aktion und sponta¬ 
ne Organisation) mit einigen Anhaltspunkten 
ausstatten. 

Ich glaube, es gibt viel, was wir von ihren 
Anstrengungen lernen können - von ihrer Er¬ 
kenntnis, daß - wenn wir die Individualität 
aufrichtig respektieren und nähren - wir nicht 
nur dafür sorgen müssen, daß »kleinere Ge¬ 
meinwesen« befähigt werden, sondern auch 
größere Gemeinwesen, die diese Vielfältig¬ 
keit (und die Vielfältigkeit, die in jeder und je¬ 
dem von uns verkörpert ist) respektieren und 
begrüßen. 






Anstatt anzunehmen, wir müßten 
die volle Entwicklung unserer Persönlichkeit 
dem Wohl der Gemeinschaft oder den Lohn 
für Leben und Handeln in der Gemeinschaft 
individuellen Zielen opfern, können wir lie¬ 
ber beginnen, uns eine Welt vorzustellen und 
uns auch darum zu bemühen, in der Kreativi¬ 
tät durch die Beziehung genährt wird, und in 
der die Gemeinwesen wirklich ihre Mitglieder 
>befähigen< können. 

Übersetzt aus Radical America von Jörg Aubcrg, 
Bd.18, Nr.4 (1984). 

Anmerkungen: 

1. EI Comite Nacional, Mujeres Libres, »Como or- 
ganizar una agrupaciön Mujeres Libres« (zit. nach 
Mary Nash (ed.): »Mujeres Libres« - Espana, 1936- 
1939; Tusquets Editor Barcelona 1976, S. 76 (dt. bei 
Karin Kramer Verlag Berlin) 

2. Igualdad Ocana, Interview, Hospitalet, 
14.2.1979 

3. Soledad Estorach, Interview, Paris, 6.1.1982 

4. Vergl, Temma Kaplan, Anarchist of Andalusia 
(Princeton Univcrsity Press, Princeton 1978, S. 206- 
207) 

5. Enriqueta Rovira, Interview, Castcllnaudary, 
Frankreich, 29,12.1981 

6. Soledad Estorach, Interview, Paris, 4.1.1982 

7. Interview, 28.12.1981 

8. Interview, 4. und 6. Januar 1982 

9. Mercedes Comaposada, Interview, Paris 
5.1.1982 

10. Interview, Paris, 3.1.1982 

11. Mercedes Comaposada, Interview, Paris, 
5.1.1982 

12. Soledad Estorach, Interview, Paris, 4.1.1982 

13. ebd. 

14. »Resumen al margen«, zit. nach Mary Nash, 
»Mujeres Libres«, S. 64 

15. Enriqueta Rovira, Interview, 28.12.1981 

16. Soledad, vgl. 12 

17. Interview, Paris, 5.1.1982 

18. Zit. nach Carmen Alcalde, La mujer en la Guer- 
ra civil espanöla , Editorial Cambio 16, Madrid o.J., 






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I schaft und Ausbeutung. j 

Aktiv im Untergrund der Nazizeit half er 
mit, Dutzenden von Menschen das Leben zu 
retten: nicht nur deutsche Anarchisten, son¬ 
dern auch Juden und französische Zwangsar¬ 
beiter wurden über Aachen ins nahe Ausland 
geleitet. Nach dem 2. Weltkrieg, dessen Ende 



i timilitaristischen Bewegung; dabei hatte er j 
viele und besonders enge Kontakte zu belgi- 5 
sehen Gleichgesinnten. 

In der Zeit der bundesrepublikanischen 
Restauration gab cs keine anarchistische Be¬ 
wegung mehr. Erst in und nach den Studente¬ 
nunruhen zu Ende der Sechziger Jahre wur¬ 
den die anarchistischen Ideen wiederent¬ 
deckt. Curt, der in Herz und Verstand Anar¬ 
chist geblieben war, war an den neuen Diskus¬ 
sionen und Aktivitäten rege beteiligt. 

Ich lernte Curt 1978 kennen. Was mir bei 
ihm sofort auffiel und ihn mir liebgewinnen 
ließ, war seine herzliche Art, seine bemer¬ 
kenswerte Bescheidenheit in persönlichen 
Dingen und andererseits seine umfassende 
Bildung. Was er sagte - und wer ihn kannte, 
weiß wie schwer er in manchen Diskussionen 
zu stoppen war - hatte Hand und Fuß. Curts 
Wohnung war in den letzten 10 Jahren zu ei¬ 
nem kleinen Kommunikationstreffpunkt ge¬ 
worden, wo örtliche Aktivitäten der verschie¬ 
densten Art erörtert und mitgeplant wurden, 
wo aber auch häufig spontane Diskussionen 
über Politik und Kultur geführt wurden. 

Als Anarchist hat Curt Andersdenkende 
nie verachtet, vielmehr versucht, ihre Denk¬ 
fehler aufzuzeigen. So ist es nicht verwunder¬ 
lich, daß zu seinem Bekanntenkreis auch 
Kommunisten und Christen gehörten, die ihn 
schätzten. 

In einem Buch über den anarchistischen 
Widerstand im Nationalsozialismus, das auf 
eine Anregung Curts hin entstand, schrieb er 
1980 als Schlußsatz eines Rückblicks: »Erst 
mit einer neuen Generation kann die Befreiung 
von Parteien- und Kirchengläubigkeit erwartet ' 
werden; und damit auch die Befreiung von den 
verhängnisvollen Fesseln des Zentralismus. 
Der neue Weg bedeutet Zusammenschluß von 
der Basis aus zu Organisationen nach den frei¬ 
heitlichen Grundsätzen des Föderalismus.« 

Peter Walter, Gummersbach 


| tikeln beigetragen hatte. 

Von 1952 bis 1957 war er Mitherausgeber 
und von 1975 bis 1977 selbst Herausgeber der 
Zeitung. 

Ahrnc war eine wahrhaftige wandelnde 
Enzyklopädie des Anarchismus. Geboren 
wurde er in Lodz, Polen, in einer jüdischen, 
einer »chassidischen« Familie; später emi¬ 
grierte er nach Paris. Zu den Ideen des Anar¬ 
chismus fand er während der internationalen 
Proteste zugunsten Saccos und Vanzettis. 

1930 emigrierte er nach Toronto, Canada, 
und begann, zusammen mit Emma Goldman, 
an der »Freien Arbeiter Stimme« Anteil zu 
nehmen und in ihr zu schreiben. Er arbeitete 

an anarchistischen Tageszeitungen in jidischer 

Sprache mit wie etwa dem »Freien Wort« in 
Buenos Aires, In Tel Aviv, Israel, an der Zcit- 
sc rift »Problem« und am tragenden Organ 
er jüdischen Arbeiterbewegung »Unser 
Tsait«. Bis zum letzten Oktober war er Kom¬ 
mentator für das der jüdischen Bewegung gc- 
wi mete Programm einer Radiostation in 
New York. 

Seine Artikel erschienen in zahlreichen Ta¬ 
geszeitungen und Zeitschriften in englischer 
spräche, sic bilden eine lange Liste. Von Be- 
ruf war er Drucker. Zu jeder Zeit machte er 
ie Sache der libertären Bewegung Spaniens 
zu seiner eigenen. Sein Tod hinterläßt eine 
große Lücke in unserer internationalen Bewe¬ 
gung und im Besonderen in meiner eigenen 
eziehung zu ihm, mit dem ich eine regelmü- 
' *8 e Korrespondenz unterhielt, in der ich sei¬ 
nen großen menschlichen Wert, seine ent¬ 
waffnende Schlichtheit, seinen Humor und 
die Großzügigkeit seiner Gefühle schätzen 
lernte. Er beendete sein Leben als wahrhafter 
Anarchist. Er starb im bekannten New Yor¬ 
ker Stadtteil Bronx. Eine Beerdigung gab es 
nicht. 

Anna Delso, Montreal 
(übersetzt von Andreas Ruppert aus: Solidar- 
idadObrera 1703186) 










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★Vidco-Film-Vcrlcih: Die Medienwerkstatt Frei¬ 
burg, Konradstr.20, 7800 Freiburg hat zahlreiche 
Spanienfilme im Programm wie z.B. »Ein Volk in 
Waffen«, Wochenschauen etc. 

Auch bei International Libertarian Centre, Cenlro 
fberico, <53/1 Haverstock Hill, London NW3 kann 
man Filme auslcihcn, wie z.B. »Dawn over Spain«. 
Ein weiteres englisch-sprachiges Video, diesmal 
über Nordirland kann angefordert werden bei: Nort¬ 
hern Ircland Video Association, 9 Winetavern St., 
Smithfild, Belfast 1 

★»Die Vergessenen« — Zeitung über politische Ge¬ 
fangene (offensives Diskussionsforum für die Inter¬ 
essen der politischen Gefangenen). Die Nummer 5 

enthält u.a. »Rede zur Kriminalisierung der Bürgeri¬ 
nitiative gegen die Startbahn West vom 2.11.1985; 
Artikel zum /El 29a; zur Ablehnung der Anti-Foltcr- 
Konvention durch die Bundesregierung; etc. Einzel¬ 
exemplar 4.-DM. Bei Mchrfachbcstellungcn 2.-DM 
pro Exemplar + Portokosten. Bei Bestellungen bit¬ 
te Geldschein, Briefmarken oder Verrechnungs¬ 
scheck beilegen. Spenden für die Organisierung von 
Öffentlichkeitsarbeit für die Interessen der politi¬ 
schen Gefangenen werden gerne cntgcgcngcnom- 
mcn. Spenden an: Prozeßhilfe Darmstadt, Stichwort 
»Die Vergessenen«, Volksbank Griesheim, Kon- 
tonr.: 200 310 948; BLZ: 508 624 08. Kontakt. 

Die Vergessenen, Zeitung über politische Gefangene, 
Mainzcrlandstr. 147, 6000 Frankfurt 


★Forschungsgruppe Lehrerzentrumsbewegung - 
für eine wissenschaftliche Aufarbeitung der autono¬ 
men Lehrerbewegung suchen wir Zeitzeugnisse 
(Dokumente, Konzeptionen, Flugblätter, Thesen¬ 
papiere u.a. Materialien) über Lehrerzentren (frü¬ 
here, heute noch bestehende, gescheiterte Ansätze, 
Planungen . . .) - Kosten werden erstattet. 

Kontakt: Forschungsgruppe Lzb, c/o Manfred Huth, 
Didaktisches Zentrum Hamburg, Itzehoer Weg 3, 
2000 Hamburg 20, tel. 04014226264 

*Der Laden. Hildeshcim hat wieder eine neue A- 
Adrcssc. In der Roonstr.l haben wir Räumlichkei¬ 
ten für verschiedene Aktivitäten angemietet. Neben 
Arbeitsgruppen und Treffs wollen wir in Zukunft re¬ 
gelmäßig Videofilme aus Eigenproduktion zeigen 
und machen. Wir bitten euch deshalb alle, die Vi¬ 
deos gemacht haben und an einer weiteren Verbrei¬ 
tung interessiert sind, sich mit uns in Verbindung zu 
setzen 

Kontakt: Der Laden, Roonstr.l, 3200 Hildesheim 

★Satzarbeitei! - wir übernehmen auch Fremd auf- 
träge für Lichtsatzarbeiten; Preis nach Absprache, 
abhängig von der Art, Größe, Umfang und Zeit für 
den Auftrag; also bitte mit der SF-Rcdaktion, spez. 
Wolfgang Haug, in Verbindung setzen. Tel. 07033/ 

44273. 

★Für unser Archiv suchen wir alte Nummern der 
DFG wer alte anarchistische Zeitungen verkaufen 
Will sollte ebenfalls zunächst uns um cm Angebot 
fragen, bevor er/sic alles an ein übliches Antiquariat 
verkauft.Etwas cingeschlafen ist die praktische Un¬ 
terstützung der Versandarbeit: ihr könntet z.B. (aus 
Buchläden etc.) gebrauchte Versandtaschen in allen 
Größen an uns schicken; es fallt uns oft schwer all 
das notwendige Verpackungsmaterial zu Rufern 
Wer ein größeres Paket schickt, bekommt als Ge¬ 
genleistung einen der Umschläge zurück, geeilt mit 
^VFHPACKT« ein Lese- und Bilderbuch zur Wa- 
rcngesclhdiaft BRDcc. Trotzdem-Vcrlag 1979. 
Merei! SF-Red. 






HEFT 4/86: _ 

KOMMUNE-THEMA 

Abrüstungspoker 

ULF BAUMGÄRTNER 

Das wahre Gesicht 
der Regierung Duarte. 
Erkenntnisse einer Reise 

KURT SEIFERT 

Der Fall des Ferdinand Marcos: 
Hat das Volk schon gewonnen? 

HELMFRIED MEINEL 

Angepaßte Technik: 

Chance für Entwicklungsländer 

oder Notwendigkeit 

für Industrieländer? _ 

FRITZ KUHN 

Späth-Kapitalismus: 
»Versöhnung« im Dienst 
der Technikgewinner 

FUCHS/MARTI/SOLDNER 

Gespaltenes Europa — 

Eine Kulturelle Dynamik 
gegen den Status quo? 

B RAIG/MÜ LLER-SPÄTH/VOY 

Erwerbsarbeit, Familie 
und Sozialpolitik. 

Entwicklung und Alternativen 

ARNIM VON GLEICH 

Weltpremiere: Gezielte 
Freisetzung von genetisch 
manipulierten Organismen 

GISELA ERLER 

Die Subsistenz läßt grüßen 























Das, was sich von den Ereignissen 1977 im 
Gedächtnis der Deutschen cingraben wird, ist 
das einzigartige Erlebnis, schon lange nicht 
mehr so einig gewesen zu sein wie damals. Die 
totale Gleichschaltung der öffentlichen Mei¬ 
nung übertraf durch ihre Freiwilligkeit dieje¬ 
nige im Nationalsozialismus, der immerhin 
noch einen riesigen Propagandaapparat nötig 
hatte, um das zu erreichen, was 1977 jeder aus 
freien Stücken tat. Wie durch ein Wunder 
konnte man diesmal auf solche Instrumenta¬ 
rien verzichten. Was war geschehen, daß die 
Deutschen so nah zusammcnrückcn konnten? 
Ein richtiges Nachkriegs- und Faschingscrlcb- 
nis, wo die organisierte Schunkclci die Tatsa¬ 
che verdeckte, daß sie sich sonst am liebsten 
die Augen auskratzten? 

Damals wurde Hanns-Martin Schleyer ent- 
lührt. Weil dies in den seltensten Fällen frei¬ 
willig über die Bühne geht, kamen drei Poli¬ 
zeibeamte und der Chauffeur im Kugelhagel 
der Entführer um.Die Aktion war geplant 
u nd durchgeführt worden, um die lebendig 
cinbetonierten Gefangenen der RAF in 
Stammheim per Austausch zu befreien. Eine 
Aktion also, die nicht sonderlich neu war und 
Von anderen Gucrillagruppen in anderen Län¬ 
dern schon des öfteren mit mehr oder weniger 
großem Erfolg erprobt worden war. Schleyers 
Biographie spricht für sich und insofern war er 
c in denkbar günstiges Objekt der Entführung. 
Die Bilderbuchkarricrc fing mit der HJ an, 
dünn NSDAP und SS, schließlich als Leiter in 
verschiedenen NS-Ämtcrn tätig. Nach Krieg¬ 
sende Vorstandsmitglied von Daimler-Benz 
und Präsident des BDA und BDI. Vielleicht 
ist es müßig, dies alles noch einmal in Erinne¬ 
rung zu rufen, aber nur so kann die freiwillige 
Sclbstglcichschaltung der Deutschen 1977 an¬ 
gemessen gewürdigt werden. Ergebenheits¬ 
udressen, Loyalitätserklärungen und Ab- 
sehcubekundimgen aus dem ganzen Lande 
bewegten den Kanzler schließlich, allerdings 
erst nachdem Schleyer und die Gefangenen 


^r RAF tot waren, weil alle, außer den Ent¬ 
fern es so gewollt hatten, sich bei der Na- 
on in tiefster Rührung zu bedanken. Die De- 
Dtion reichte bis tief in das linke Spektrum 
inein, welches sich gegen das »brutale Vor- 
-hen« aussprach, »wenn heute Staatsbürger, 
isbesondere Justiz- und Polizeibeamte, ruck- 
chtslos niedergeknallt werden « Und die 

Zeitung für eine neue Linke« schrieb im Edi- 
,rial als ob sie selbst die Regierungsarbeit 
bernehmen müßte: »Die Mehrheit der Re¬ 
aktion ist gegen den Austausch«. Die Angst • 
Hein die der Linken im Nacken saß, die 
L ngst, vom gereizten Staat, der angeblich bis 
l die Grundfesten erschüttert war, aufgefres- 
;n zu werden, reicht im Nachhinein als 
irund nicht mehr aus, um sich solche Auße- 
jngen erklären zu können. Erst viel spater, 

|s es die GRÜNEN und die Fnedensbewe- 
ung gab, wurde klar, daß der Gleichklang ih- 
. r Herzen mit der Macht auch einer Sehn- 
jeht nach Harmonie und Identität mit der 
lehrheit entsprach, dem also damals schon 
orhandenen Willen nach einem »radikalen 
;ekenntnis zum Bestehenden«. Damals war 
ic RAF und ihre durchaus verständliche Ak- 
on zur Gefangenenbefreiung notwendig, um 
er Linken die Zunge zu lösen und sie Kroko- 
ilstranen über die Entführung eines ehemali- 
en Nazibonzen weinen zu lassen. Und keiner 
er couragierten Journalisten und kein Mann 
er öffentlichen Rede fand diesen Vorgang in 
•cendeiner Weise skandalös und niemand 
ind es skandalös als die Morde in Stamm- 
eim als besonders perfide Art der Selbsthin- 
ichtung interpretiert wurden. Damals schrieb 
Volfgang Pohrt: »Der Mord von Stammheim 
ringt uns in Gefahr, das zu tun, was wir unse- 
cn Eltern vorwarfen: es dulden, wenn andere 
mgcbracht werden. Undals Komplize wer- 
en wir unsere Komplizenschaft rechtferti- 
cn «Ein Schubladentext, der erst 1980veröf- 
cntlicht wurde, als bereits wieder gelacht 
torrlpn durfte. 


1977 bedeutete eine Zäsur für die Linke, 
die ihre moralische Integrität aufs Spiel ge¬ 
setzt und verloren hatte. Danach wurde es ru¬ 
hig. Man nahm Abschied von der Politik der 
revolutionären Umtriebe und ging in sich. In 
einem großangelegten Verdrängungsprozeß, 
den die Protestbewegung ihren Eltern einmal 
vorgeworfen hatte, entdeckten sie nun selbst 
die grandiosen Möglichkeiten eines rekirt- 
hing . Durch Verdrängung und harte Arbeit an 
seinem Weltbild war man jemand anderes ge¬ 
worden, jemand, auf den die verzweifelten El¬ 
tern nun doch stolz sein konnten. Mit der eige¬ 
nen Karriere und einer langweiligen Bezie¬ 
hung vollauf beschäftigt, zogen die Jahre ins 
Land. Die versprengten Reste der geschlage¬ 
nen RAF versuchten verzweifelt das vom 
Staat diktierte Gewaltnivcau zu halten. Ihre 
Aktionen wurden mit den gleichen Abscheu¬ 
bekundungen quittiert, aber die Bekennerwut 
der Linken hatte inzwischen an öffentlichem 
Interesse verloren. 

Fast zehn Jahre mußten vergehen, zehn 
Jahre des Schweigens und der Anpassung, be¬ 
vor ein Buch über die RAF, über Baader, 
Meinhof und Ensslin zum Knüller werden 
konnte, zum Adrenalinstoß für eine verschla¬ 
fene Linke, interessiert hatte, nämlich die auf 
Geschichtchen reduzierte Geschichte, die auf 
Anekdötchen beruhende Wahrheit, alles das, 
was man bereits schon früher heimlich in 
Quick, Neue Revue und Stern nachgelesen 
hatte. Was die Leser nämlich an dem Buch so 
fasziniert, sind die engen Samthosen Baaders, 
mit denen er in einem palästinensischen Aus¬ 
bildungslager herumrobbte. TIP-Redakteur 
Alfred Holighaus ist in einem Interview mit 
Aust ganz hingerissen von der Erkenntnis, 
daß die Terroristen auch Menschen waren, 
deren kleine Schwächen sie nach zehn Jahren 
wieder interessant machen: 

TIP: »Es geht ja dabei um eine luxuriöse 
Detailverliebtheit, die auch noch beschreibt, 
daß in der Todeszelle von Gudrun Ensslin ein 
Deo-Roller rumlag.« 









Aust:»Aber das finde ich spannend.« 

TIP:»Ich auch.« 

Aust:»Das ist spannend. Und es ist auch nicht 
nebensächlich, ob jemand in Seidenhemden 
rumläuft. Und es ist auch nicht nebensächlich, 
daß jemand, der für das Proletariat dieser 
Welt die Revolution machen will, mit einem 
Iso Rivolta herumfährt. Ichfinde, das sagt 
was.« 

TIP:»Ich fand das auch hochinteressant, zum 
Beispiel zu erfahren, in welchen Klamotten 
Baader rumgelaufen ist.« 

Auch dieses Interview ist hochinteressant 
und Aust selbst als raffinierter Journalist hat 
die Sache auf den Punkt gebracht. Baader hät¬ 
te ihm nämlich einen schlechten Dienst erwie¬ 
sen, wäre er wie ein normaler Proletarier her- 
umgclaufen, aber so ist es möglich, ihn als 


Trick zugrunde, über den sich Tukur wahr¬ 
scheinlich nicht im Klaren war, weil er eben 
auch nicht weiter dachte als Holighaus, näm¬ 
lich der Trick, auf den kein Sensationsjourna¬ 
lismus verzichten kann, will er Erfolg haben 
und der zum festen Repertoire aller Propag¬ 
andaapparate gehört, wenn es gilt einen poli¬ 
tischen Feind und unliebsamen Opponenten 
zur Strecke zu bringen: Dabei geht es darum, 
das politische Programm, die Absichten, Zie¬ 
le und Vorstellungen einfach zu ignorieren 
und stattdessen etwas in der privaten Sphäre 
des Gegners zu schnüffeln, seine Abneigun¬ 
gen und Vorlieben so zur Geltung zu bringen 
und zu überspitzen, daß die kleinen Neurosen 
plötzlich als etwas erscheinen, womit man sich 
auf keinen Fall identifizeiren will. Liegt die¬ 
sem Vorgang schon eine schlichte Verwechs¬ 
lung zugrunde zwischen dem Programm, das 


meinsam mit Baby Baader der eigentliche 
Motor des Unternehmens. Sie pflegte auch in 
der Zelle eiskalt mit ihrer Rivalin Meinhof 
(der wahrscheinlich tragischsten Figur der 
Roten Armee Fraktion) abzurechnen 
und hat möglicherweise die letzte Bedingung 
für den Selbstmord der einst hochangeschc- 
nen Journalistin gesetzt.« Roderich Reifen¬ 
rath bescheinigt Aust, nachdem er ihn auf die¬ 
se Weise rezipiert hat, »kompetenten Um¬ 
gang mit dem Thema«, etwas, das man von 
seiner Rezension nicht behaupten kann. Aust 
beschreibt z.B. anhand der Protokolle den 
Prozcßverlauf und auch als unbeteiligter und 
unvoreingenommener Beobachter kann man 
nur staunen, wie da die Regeln der Prozeßfüh¬ 
rung vom Vorsitzenden Richter Prinzing mit 
Füßen getreten wurden, der von Anfang an 
keinen Zweifel darüber aufkommen ließ, daß 



Menschen mit skurrilen Macken und abarti¬ 
gen Bedürfnissen zu porträtieren, die Aust 
mit geheimnisvollen Andeutungen noch her¬ 
vorhebt: »Ich hätte noch ganz andere Sachen 
schreiben können und habe sic deshalb nicht 
geschrieben, weil ich dachte - das glaubt mir 
keiner.« Im Nachhinein dürfte er sich noch 
über die sclbstgcwähltc Enthaltsamkeit är¬ 
gern, denn er hätte alles schreiben können 
und cs wäre ihm alles geglaubt worden. 

Nach der Lektüre des Buches weiß man 
zwar nichts über die theoretischen Einsichten 
und Absichten der Grüppe, aber man weiß, 
welch rüden Umgangston Baader pflegte, 
wenn er sich mit den Miezen unterhielt, die er 
alle mit dem gleichen Kosewort anredete, mit 
»Votzc«. Man weiß also, daß Baaders Kon¬ 
ventionen nicht ganz der Emanzipationsde¬ 
batte entsprachen und konnte sich umso mehr 
über dessen Primitivismus mokieren. Deutli¬ 
cher noch kam zur Sprache, was von Baader 
zu halten sei, von einem, der sich von Berufs 
wegen mit dem Buch und speziell mit der dar¬ 
in beschriebenen Rolle Baaders auseinander¬ 
setzen mußte, nämlich von Ulrich Tukur, dem 
Darsteller Baaders im Film zum gleichen The¬ 
ma: »Er muß wohl ein ziemliches Schwein ge¬ 
wesen sein, ein Psychopath, ein Verrückter« 
(taz, 1.2.86). Diesem Urteil liegt ein einfacher 


jemand vertritt und dem, was aus seiner Per¬ 
sönlichkeit hcrausdestillicrt und publik ge¬ 
macht wurde, so können sich auch die 
Schlaueren immer noch damit hcrausreden 
daß das Programm nichts taugen kann, ist cs 
doch offensichtlich von Psychopathen erstellt 
worden. Der Erfolg ist der gleiche. Politiker 
nennen das Rufmord, nur hatten die Gefange¬ 
nen der RAF keinen Ruf zu verteidigen. 

Machte man sich früher noch die Mühe, die 
RAF politisch zu kritisieren, so genügt es heu¬ 
te zu wissen, daß ihre Protagonisten mit versil¬ 
berten Revolvern spielten, Lippenstift be¬ 
nutzten und Seidenhemden trugen, um ihnen 
jede Glaubwürdigkeit abzusprechen. Das ist 
zwar nicht alles, was in Austs Buch steht, aber 
genau das, was Holighaus und Tukur faszi¬ 
niert und den Erfolg des Buches ausmacht, 
zum Zungenlöser der Saison werden läßt. 

In einer Rezension des Buches in der FR 
läßt ein gewisser Roderich Reifenrath die 
Hauptdarsteller noch einmal Revue passie¬ 
ren: »Da war Andreas Baader , der von Rede¬ 
zwängen geplagte Ch auv /, der Frauen grund¬ 
sätzlich nur als Votze anredete, von man¬ 
chem in der RAF verachtet und sogar gehaßt 
wurde, als Tatmensch seinen Führungsan¬ 
spruch aber durchsetzen konnte. Da war Gu- 
drun Ensslin, vielleicht die Härteste und ge¬ 


cs ihm darum ging, die Angeklagten für im¬ 
mer hinter Gitter zu schicken. Über diesen in 
guter Volksgerichtshoftradition stehenden 
Justizskandal schreibt Reifenrath mit unver¬ 
frorener Unbekümmertheit: »Ärgerlich war 
vor allem der Mangel an Souveränität hinter 
dem Richtertisch.« Mit etwas mehr Souver¬ 
änität, so die positiv gewendete Logik des Sat¬ 
zes, hätte der Skandal verhindert werden kön¬ 
nen, ein Skandal, der gar keiner war und über 
den man sich nach zehn Jahren gefahrlos erre¬ 
gen und ärgern darf. Aber als ob er mit seinem 
Ärger über die Stränge geschlagen hätte, hält 
Rcifcnrath gleich eine Entschuldigung parat, 
denn die Justiz hatte »keine Erfahrung mit ag¬ 
gressiven Angeklagten dieses Schlages, die 
mit Hilfe einiger Verteidiger nur den großen 
politischen Auftritt inszenieren wollten.« 
Und mit dem Brustton des nun völlig von der 
Richtigkeit der damaligen Inszenierung Über¬ 
zeugten, fügt er hinzu: »Das mußte sicher ver¬ 
hindert werden«. Inzwischen scheint die Ju¬ 
stiz genügend Erfahrung gesammelt zu haben, 
um mit dem Problem effektiv fertig zu wer¬ 
den, denn kein Hahn kräht mehr danach, ge¬ 
schweige denn irgendeine liberale Öffentlich¬ 
keit, wenn der RAF-Mitgliedschaft verdächti¬ 
ge Personen zu jahre- und jahrzehntelangen 
Haftstrafen verurteilt werden. 










Dem Buch selbst ist nicht alles anzulasten, 
was Rezensenten über es schreiben, und den¬ 
noch läßt die Rezeption natürlich Rückschlüs¬ 
se zu, die sich in der Regel bei der Lektüre be¬ 
stätigen. Daß über das Buch geredet wird, wie 
Holighaus und Reifenrath darüber reden, die 
alles fürchterlich interessant finden, fällt auf 
das Buch selbst zurück. Die Auseinanderset¬ 
zung, die cs provozieren sollte, sieht dann un¬ 
gefähr so aus: »Andreas bastelte an unserem 
Auto, Gudrun beobachtete den Sonnenauf¬ 
gang, ich ging cinkaufcn. Wir langweilten uns 
zu Tode und erfanden die RAF« (Astrid Proll 
in »Tempo«, Feb. 86). Obwohl sic Aust an an¬ 
derer Stelle vorwirft, die politischen Ziele der 
Gruppe nicht genügend deutlich gemacht zu 
haben, kann sich Aust keine bessere Ergän¬ 
zung zu seinem Buch wünschen. Die Anfänge 
der RAF, wie sic sich wirklich abspielten, von 


sich ergötzt, wenn er in der vermeintlichen So¬ 
zialisation der »Figuren« herumwühlt, als ob 
sich mit dem Vorzeigen dreckiger Wäsche et¬ 
was anderes beweisen ließe als die eigene ma¬ 
nische Triebtäterschaft eines zugegebenerma¬ 
ßen mittelmäßigen Journalisten. Da kein My¬ 
thos vorhanden ist, versucht ihn Horx herbei¬ 
zuschreiben, ein Unterfangen, das Enzens¬ 
berger in einem ähnlichen Zusammenhang 
folgendermaßen beschrieben hat: »Je weniger 
nämlich Mythodologie gedeiht, desto heftiger 
werden die Anstrengungen, sie synthetisch zu 
erzeugen. Diese Aufgabe übernimmt die Be¬ 
wußtseinsindustrie. Reklame und Propagan¬ 
da, Informations- und Unterhaltungsmedien 
bieten ungeheure Kräfte auf, um Mythen im 
industriellen Maßstab zu erzeugen. Umso be¬ 
merkenswerter ist ihr Versagen.« 

Inzwischen ist auch der Film »Stammheim« 


Morde in Stammheim rechtfertigte und weite¬ 
re Morde billigend in Kauf nahm. Es stand 
auch nicht mehr zur Debatte, daß Bölling aus 
Gründen der Staatsräson die Eskalation der 
Gewalt verteidigt hatte und sich dagegen ein 
Schlag ins Gesicht in noch krasserer Diskre¬ 
panz befand wie der berühmte Vergleich von 
Brecht über Bankraub und Bankgründung. 
All diese Überlegungen konnten in diesem 
Augenblick nicht mehr von einer Linken ver¬ 
langt werden, die ganz darauf eingestellt war, 
im friedlichen Dialog mit einem Vertreter aus 
dem ehemaligen Machtzentrum ihre Empö¬ 
rung über die unfaire Behandlung durch den 
Staat kundzutun. Sebastian Coblcr, der die 
Diskussion leiten sollte, äußerte laut taz 
(1.2.86):»Auch wenn Klaus Bölling mein 
Gegner war (sic!) - wenn er geschlagen wird, 
fühle ich mich getroffen«. Auch wenn sich Co- 
bler nicht so geäußert haben sollte, (demen- 





cinem Zeitzeugen authentisch dargcstcllt, aus 
erster Hand. Aus zweiter Hand stammt das 
Arrangement um diese lapidaren Sätze von 
Astrid Proll, Ähnlich wie Rodcrich Reifcn- 
mth will auch Matthias Horx nicht auf seinen 
Murx verzichten, als ob sie sich alle beweisen 
müßten, daß sie noch besser wie Aust sind, 
^tzen sie den Details noch einige saftige Va¬ 
rianten hinzu: »Er war eine Figur, wie sic in 
den Sechzigern nicht selten in den Städten 
herumlicf. Halbstark.aufsässig. Ein Milchbu- 
bi auch, an dem man die treusorgende Wirt- 
schaftswundermutti spürte. Er liebte Prüge¬ 
leien, klaute Motorräder und schnelle Autos. 
Die Schwulen des Münchner Nachtlebens 
zeigten sich gerne mit ihm . . .« Nach sorgfäl- 
riger Aufzählung aller Klischees weiß man ge- 
n au. von wem die Rede ist. Die Aussage von 
Gorx, der in der Kunst viel zu schreiben und 
nichts auszudrücken, unschlagbar ist, steht 
bereits in der Überschrift seines Artikels: 
»Mythos RAF«. Als Aussage hätten diese bei¬ 
den Worte gereicht und er hatte sich den Rest 
des Artikels sparen können, aber selbst die 
Annahme, bei der RAF handle cs sich um ei¬ 
nen Mythos, ist falsch. Die minimale Voraus¬ 
setzung hierfür wurde nämlich durch das Buch 
v °n Aust zunichte gemacht, denn was Mythos 
P Cr se ausschlicßt, ist genau das, woran Horx 


von Hauff in den Kinos angelaufen und als ob 
es nötig wäre, auch den Dümmsten davon zu 
überzeugen, um was es dabei geht, organisier¬ 
te Flimm in der Hamburger Kampnagelfabrik 
eine Uraufführung mit anschließender Po¬ 
diumsdiskussion. Bölling und Bommi Bau¬ 
mann, Iring Fetcher, Cohn-Bendit und Otto 
Schily sollten in einer trauten Gesprächsrunde 
das Für und Wider der Morde in Stammheim 
diskutieren. Von diesem ehrenwerten Vorha¬ 
ben ganz angetan, versammelte sich Ham¬ 
burgs Kulturschickeria, um in einem großen 
Versöhnungsakt einen Streit zu begraben, der 
nie einer gewesen ist. Aber es kam anders wie 
geplant Autonome und Antiimperialisten 
stürmten die Veranstaltung mit den erlesenen 
Gästen, klauten die Filmrolle und als schlie߬ 
lich Klaus Bölling, seinerzeit Sprachrohr der 
Regierung Schmidt, ein blaues Auge abbe¬ 
kam wurde die Festivität kurzfristig abgebro¬ 
chen. Die ZEIT vom.7.2.86 widmete diesem 
Vorfall fast ihren gesamten Feuilletonteil, in 
dem die Empörung über den geschlagenen 
Bölling nicht zu kurz kam. Auch im Lager der 
Linken war die Erregung über die Schläge 
deutlich zu spüren. Es stand in diesem Mo¬ 
ment nicht mehr zur Debatte, was ein blaues 
Auge gegen die Vertretung einer Politik ist, 
die in voller Absicht und genauem Kalkül die 


eiert hat er jedenfalls nichts), so gedacht ha¬ 
ben wohl die meisten Anwesenden in Ham¬ 
burg. 

Von der ZEIT interviewt, dringt Jürgen 
Flimm, auf die Frage,ob es Parallelen zur Ver¬ 
hinderung des Faßbinder-Stückes gebe, 
schnell zum Kern seiner Gedankenarmut vor: 
»Das habe ich sofort gedacht. Ich dachte, das 
kann uns auch passieren. Daß z.B. die Mutter 
eines dieser ermordeten Polizisten, die bei der 
Schleyer-Entführung kaltblütig umgelegt 
wurden, sich mit einem Schild um den Hals 
auf die Bühne stellt und sagt: Ich will nicht, 
daß Steuergelder zur Verherrlichung dieser 
Leute ausgegeben werden. Ich glaube schon, 
daß es Vergleichbares zwischen beiden Vor¬ 
fällen gibt: das Thema Terrorismus und das 
Thema Holocaust/Antisemitismus, das sind 
die beiden großen deutschen Traumata . . .« 
Daß Flimm im vornherein mit einem Eklat ge¬ 
rechnet und ihn als Kalkül benutzt hat, weist 
ihn als geschickten Intendanten aus, der bei 
der grassierenden Thcatcrflautc auch mal 
gern in den Schlagzeilen auftauchen will. Der 
Protest einer Polizistenmutter wäre ihm ganz 
recht gewesen, denn die hätte der Schmieren¬ 
komödie den noch fehlenden dramaturgi¬ 
schen Effekt verliehen, und jeder der Gäste 
hätte sofort verstanden, daß ein Versöh- 

















STATIUN1TI, 1975: CELLA DI UNA PRIGIONE MODELLO (Henri Cartier-Bresson/Magnum) 


den der damaligen Geschehnisse, der Ver¬ 
wandten der »kaltblütig umgelegten« Polizei¬ 
beamten. Daß nun Verwandte von anderen 
Toten auftauchten, von denen, die im Film 
vermarktet werden, vielleicht keine Mütter, 
aber Sinnesverwandte, die das Spektakel ver¬ 
hindern wollten, weil sie instinktiv begriffen 
hatten, daß es weder die richtigen Leute wa¬ 
ren, die sich vorgenommen hatten über das 
Thema Stammheim zu plauschen, noch daß es 
die richtigen Leute waren, die dem friedlichen 
Streit lauschen wollten, das freilich schmerzte 
Flimm und vielleicht sieht er deswegen eine 
Parallele zwischen Terrorismus und Antise¬ 
mitismus. Beide haben seiner Milchmädchen¬ 
rechnung zufolge unschuldige Opfer auf dem 


, - 

sich selbst zu sehen. Da könnte man sich nur 
wünschen, daß die Opfer der Nazis auch so 
glimpflich davon gekommen wären. 

George Tabori, dessen Epilog-Inszenie¬ 
rung zu den Verschiedenen Mord- und Selbst¬ 
mordversionen ebenfalls ins Wasser fiel, 
macht sich im Interview der ZE/TGgcdanken 
über die Gründergeneration der RAF: »Die 
ganze Sache ist ja traurig.Mich hat das Buch 
traurig gemacht . . . diese jungen, intelligen¬ 
ten Leute in Stammheim, fast alle mit Hoch- 
begabten-Stipcndium und in der Studien St¬ 
iftung des Deutschen Volkes«, wenn 
man Tabori so reden hört, kommen einem die 
Tränen der Rührung. Umgekehrt muß man 
jedoch daraus schließen, daß alles halb so 


£'% rj ■ 




j traurig gewesen wäre, hätte es sich nur um 
j normal begabte Leute gehandelt. Der Hoch- 
| begabtennachweis ist es, der so faszinierend 
nicht nur auf Tabori wirkt, der Respekt vor 
| den deutschen Bildungsinstanzen, denn da 
ndelte es sich offensichtlich noch um Leute, 

I die sich artikulieren konnten, etwas, das sich 
Tabori an jenem Abend in der Kampnagclfab- 
rik von den jungen Leuten aus der Hafenstra- 
ft Jße sehnlichst gewünscht hätte. Aber diese 
i Leute blieben stumm und Tabori stellt Über- 
. >! legungen an, wie man damit umgehen könne: 
»Das ist das Traurige im Gegensatz zu den 
sechziger Jahren. Da gab es noch ein Vertrau¬ 
en in die Sprache . 

. . . Aber man sollte diese jungen Leute nicht 
einfach in irgendeine Art von Ghetto stecken-« 
Eine Absicht tut sich u.a. dadurch kund, in- 
dem^twas_bestritten wird, was niemand be- 
ptet hat. Bisher jedenfalls wurde keine 
Diskussion bekannt, die den Vorschlag aufge¬ 
griffen hätte, Störenfriede in einem Ghetto 
unterzubringen. Indem Tabori zum Thema 
macht, was niemanden bisher auch nur in den 
Sinn kam, enthüllt er der Öffentlichkeit seine 
geheimen Wünsche. Indem die jungen Leute 
nicht zum Reden zu bringen sind und sich des¬ 
halb auch nicht in die Gesprächsrunde inte¬ 
grieren ließen, sind sie aus der Perspektive der 
Veranstalter ein gefährliches und unbere¬ 
chenbares Potential. 

Natürlich ist es leicht, über die Autonomen 
und Antiimperialisten herzuziehen, wenn sic 
- als Gralshüter der RAF-Geschichte - die 
Funktion von Film und Buch darin sehen, »bei 
Normalburgern endgültig revolutionäre Hoff¬ 
nungen zu zerstören und innerhalb der Linken 
Spaltung zu betreiben«. 

Trotzdem sind in solchen Äußerungen we¬ 
nigstens nur Illusionen und Einschätzungen 
am Werk, über die sich streiten läßt, aber de¬ 
ren Naivität deshalb hämisch belächelt wird, 
weil sie im Unterschied zu Tabori und Flimm 
auch meinen, was sie schreiben. Daß sie sich 
je och der Diskussion entzogen haben, weil 
sie instinktiv wußten, daß Leuten, die heute 
nichts anderes zu sagen haben wie 1977, auch 
mal ruhig ein Strich durch ihre Feierlichkeiten 
gemacht werden kann, ohne daß sie daran 
g eich sterben, auch wenn die Betroffenen so 
tun.gcnau das ärgert die Kommentatoren der 
Hamburger Ereignisse maßlos. Siegfried 
bchober knöpft sich die »Randalierer, RAF- 
ympathisanten« und »RAF-Gläubigen« vor 
un zeigt der Öffentlichkeit, um wen es sich 
bei den Autonomen in Wirklichkeit handelt: 
um hoffnungslose Sozialfälle, gesellschaftli- 
c ie Parasiten, die nicht arbeiten wollen und 
eshalb reif sind für die geschlossene Anstalt. 
Anstatt mit Leuten ins Gespräch kommen zu 
müssen, die nichts sagen und sich dem Dialog 
verweigern, den alleine zu führen, die Journa¬ 
listen inzwischen gelernt haben, ist es natür¬ 
lich einfacher über diejenigen zu berichten, 
deren Abscheubekundungen über die Unta¬ 
ten der RAF inzwischen zur Manie geworden 
sind. Schober schreibt, daß Bölling und Fct- 
scher »trotz größter Unterschiede in der Beur¬ 
teilung der Stammheimer Vorgänge, ein sehr 
angenehmes Gespräch gehabt« hätten. - Die 
geplante Diskussion hätte gehalten, was die 
Probe versprochen hat und deshalb ist es nicht 
schade, daß sie nicht stattgefunden hat. 




So wird in Deutschland politische Geschichte 
aufgearbeitet — verkommen zum Klischee! 

Im Stammheim-Film soll keine inhaltliche 
Auseinandersetzung geführt werden, weder 
mit dem Prozeß, noch mit den Toten. Das ist 
anscheinend zu gefährlich. (Ohne große Ge¬ 
dankenakrobatik ist zu vermuten, daß BKA 
und Bundcsanwaltschaft die Finger im Spiel 
hatten). 

Mit denselben subtilen Mechanismen ge¬ 
lang der BRD nach ’45 die Verdrängung 
des Faschismus. Das bekannte Lügenmär¬ 
chen von der Stunde Null! Die kollektive 
Reinwaschung hat stattgefunden. — Auf, auf 
zu neuen Taten! 

Hergeleitet aus dem Ursprung »ordentli¬ 
cher« deutscher Tradition, Kritik und Außen- 
scitertum in undifferenzierter Vcrgangen- 
hcits-»Bewältigung« vergessen zu machen, 
d.h. zu vernichten. Insofern unterscheidet 
sich der Stammhcim-Film nur minimal z.B. 
v °m deutschen Heimatfilm der Nachkriegs¬ 
zeit. 

Hie willkürliche Aneinanderreihung an¬ 
geblich dokumentarischen Materials aus dem 
Stammheimprozeß ist von vornherein einkal- 
kulicrtes Mittel, um politisch keine Position 
beziehen zu müssen. 

Jede Andeutung einer Stellungnahme ge- 
r ät so zu kleinkarierten Gut-Bösc-Szenen, die 
angeblich eine Konfrontation zwischen BAW 
u nd Staat auf der einen Seite, und den 4 Ange¬ 
klagten, RAF-Stadtgucrilla auf der anderen 


ten widerspiegeln. Wer sich nicht ein wenig 
der politischen Geschichte der letzten 15 
tre beschäftigt hat, versteht nur Bahnhof - 
allen Widersprüchen, jeder Mensch, der 
miterlebt hat, bekommt bei dieser Darstel- 
g Migräne! 

Der Film präsentiert sich m-bleu schillernd 
x\s ein Mittel die Durchschaubarkeit realer 
sammenhänge zuzukleistern. Ursache und 
rkung eines politischen Kampfes werden 
nit nicht nur verfälscht, sondern schlicht¬ 
er als Teil der Geschichte geleugnet. 

Übrig bleibt: Da flippen ein paar Bürger¬ 
lichen und -söhnchen (Hochbegabten- 
derung - die Zukunft liegt ja auf der Stra- 
aus werfen Bomben, bringen Menschen 
- große Frage: Haben die zuviel Western 
j Gangster-Filme in ihrer verwöhnten Ju- 
jd< gesehen? Nein, die Mechanismen funk¬ 
ten anders. Denken wir schwarz-weiß, 
imen ein dummes reißerisches Buch als 
Lindlage, aber gute und bekannte Schau¬ 
eier und in der kritisch angehauchten Me¬ 
nwelt als >links verschrieene< Regisseure 
j Produzenten, ein wenig importierte Hol- 
'Ood-Dramaturgie gemixed mit dem euro- 
schen Mythos des politisch Anrüchigen 
i schon winkt der Goldene Bär, Preis Nr.l 
' der Berlinale. Oh, was sind wir kritisch! 
rkaufsstrategisch hervorragend angelegt - 
• Kosten wirklicher Transparenz politischer 
j sozialer Vorgänge. Die Kassen sollen 
in klimpern. 


Höhepunkt der politischen Verfälschungs¬ 
strategie im Film ist die Ursache des Todes 
von Ulrike Meinhof. Fazit: Sic wird von ihren 
Genossen/innen in den Tod getrieben! In kei¬ 
ner Weise werden die Zusammenhänge hin¬ 
terfragt, es war Psycho-Selbstmord, niemals 
Mord. Trotz Stapeln gegenteiliger Untersu¬ 
chungen, Gutachten und Dokumentationen. 

Kein Zweifel darf an der offiziellen Ver¬ 
sion des Staates aufkommen. Da gibt es kei¬ 
nen Spielraum, auch wenn er im Film verkör¬ 
pert durch Richter und Bundesanwälte kein 
glänzendes Bild abgibt. Auch hier gilt: Augen 
zu, Mund zu, Ohren zu - vor Staatsloyalität 
ist kein Kraut gewachsen! Oder zeigen sich die 
Auswirkungen der rigiden Neuorientierung 
Zimmermannscher Filmförderung? 

Hintergründe zu Personen und politischen 
Ereignissen werden im Film galant ausge¬ 
spart, wahrscheinlich vorsätzlich verschwieg 
gen, um keine Diskussion, über die auch im 
Buch nicht vorhandenen Quellen, führen zu 
müssen. In der taz vom 13.2.1986 schreibt 
Dieter Kunzeimann zum Wahrheitsgehalt der 
Quellen: »Herr Aust soll mir die Seite im Buch 
(»Der Baader-Meinhof-Komplex«) nennen, 
auf der aus »Gesprächen mit Beteiligten« be¬ 
richtet wird, die nicht vor den Strafverfol¬ 
gungsbehörden und ihren diversen Hilfsorga¬ 
nen Aussagen gemacht haben! Gekaufte Aus¬ 
sagen , Schutzbehauptungen und Hirngespin¬ 
ste als Material für diese » Geschichte« heran¬ 
zuziehen, ist sehr viel mehr als Verletzung 
















journalistischer Sorgfaltspflicht, ist schlicht- 
weg verantwortungslos. Irgendwann muß dem 
Autor dies unbewußt selbst auf gef allen sein. 
Seitenlang schildert er im Stil objektiver Repor¬ 
tage, selbstverständlich ohne die Quellen zu 
nennen, - die werden fast nie genannt, trotz 
Ankündigung in der »Vorbemerkung« und 
wenn sie genannt werden, sind sie mehr be¬ 
rüchtigt als seriös.« 

- Die Identität der Zeugen bleibt im Film un¬ 
bekannt. Mir drängte sich unwillkürlich der 
Eindruck auf, daß die Filmemacher bezweck¬ 
ten, eine aktive, durchaus kritische Auseinan¬ 
dersetzung mit der Realität und dem vergebe¬ 
nen Material zu vermeiden. Stammheim ab¬ 
gehandelt - Klappe aus - Thema vom Tisch! 

Trotz alledem! 

Auch wenn die scheinbare Aufarbeitung 
dem Niveau filmisch mieser amerikanischer 
Vorbilder entspricht — ein in öffentlicher Dis¬ 
kussion völlig diskreditiertes Thema wird be¬ 
handelt. Mit ein wenig Scharfsinn erkennt je¬ 
der Mensch, daß ein politischer Prozeß ge¬ 
führt wird, daß es hier politische Gefangene in 
Isolationshaft gibt (die noch Lebenden wer¬ 
den wohlweislich verschwiegen) und wie »un¬ 
ser« Staat mit seinen Gegnern umgeht. Der 
Zynismus mit dem dieser allgewaltige Herr¬ 
schaftsapparat verfährt ist zumindest ver¬ 
schwommen erkennbar. 


Im Detail sind die Hauptrollen gut gespielt 
— abgesehen von der Darstellung Ulrike 
Meinhofs und vielen Passagen der Darstel¬ 
lung Andreas Baaders. Die Ohnmacht der 
Angeklagten ist nicht nur zu einseitig, son¬ 
dern mit wenig Ideen zur Differenzierung der 
Figuren gezeigt. Trotzdem ist zu erkennen, 
daß die Schauspieler verantwortungsbewußt 
versuchten die verschiedenen Menschen zu 
spielen. Das Konzept der Regie scheint dafür 
kein großes Interesse aufgebracht zu haben, 
mit dem Einblenden purer Trotzphasen der 
Angeklagten, dem Umstürzen des Richters 
durch einen Zeugen oder dem Schnitt auf die 
dummen Gesichter der Bundesanwälte ist viel 
mehr über die Intention der Regie als über 
schauspielerische Leistung ausgesagt. Die für 
Momente durchschimmernde Lebendigkeit in 
der Darstellung der Figuren reibt sich an der 
statischen Konzeption des Films. Brüche sol¬ 
len verschleiert werden: Die Betonung des 
dokumentatorischen Charakters, als einer 
Möglichkeit der Herausarbeitung politischer 
Geschichte im Film, könnte das Publikum 
nicht nur direkter mit dem ästhetischen Pro¬ 
dukt, sondern auch offensichtlicher mit in¬ 
haltlichen Bruchstellen konfrontieren. 

Vor ein paar Tagen war ein hervorragen¬ 
des Beispiel für den Versuch eines verantwor¬ 
tungsbewußten Films im Fernsehen (WDR 3) 


zu sehen. Der Film heißt »Shoah«, erarbeitet 
von Claude Lanzmann. Eine Dokumentation 
in Form von Gesprächen und Interviews über 
die Vernichtung der Juden im Faschismus. Ei¬ 
ne filmische Aufarbeitung, die abgesehen von 
der Wirkung einer ungeheuren, aber distan¬ 
zierten Betroffenheit, vielfältige Varianten 
aufzeigt mit filmischen Mitteln Realität in den 
KZ’s - eben der Vernichtung von Menschen 
nachzuzeichen. Beide Filme trennen Welten! 

Der Stammheim-Film dagegen sollte ein 1 
1/2-stündiger wohlfeil aufbereiteter Action- 
Spielfilm werden, Fakten und Behauptungen 
der Buchvorlage brauchten so nicht überprüft 
zu werden. Ein grundsätzlich anderes Ergeb¬ 
nis wäre sonst die Folge gewesen, ergo ein an¬ 
derer Film entstanden. Das verantwortliche 
Interesse, Fragen zu stellen anstatt Antwor¬ 
ten zu geben, kritische Distanz z.B. über ei¬ 
nen Kommentar zu vermitteln, anstatt Ahso- 
f U hl^ en hat offensichtlich gc- 

Ich bin für einen Film, der diese brisante 
Geschichte aufarbeitet oder aktuelle Ausein¬ 
andersetzungen reflektiert, nicht nur um Ein¬ 
sichten in komplizierte politische Entwicklun¬ 
gen und Kämpfe zu geben, sondern um sich ei¬ 
ne selbstbestimmte politische Handlungsfä¬ 
higkeit und Haltung anzueignen oder zu er¬ 
halten. 













- Franz Jung - 

Mit Kopf, mit Bauch 
Literatur und Rebellion 

von Herby Sachs 

»Der Weg nach unten« 

Die Autobiographie Franz Jungs - mit Herz 
geschrieben - ohne die scharfen Kanten einer 
Lebenschronik zu kaschieren. Jung war Zeit 
seines Lebens ein Mensch, der sich vorgefer¬ 
tigtem Denken in Koordinatensystemen, 
ebenso in literarischen Mustern, verweigerte. 

Ein linksradikalcr Autor, der in der Auf¬ 
bruchstimmung des Expressionismus seine 
Lebenshaltung entwickelte. 

Mit schonungsloser Offenheit erzählt er 
diesen Lebensweg, spürt scheinbar unwichti¬ 
ge Details auf, kritisiert aus der ungeheuren 
Distanz der Jahre in aller Schärfe Abschnitte 
seines Lebens und versucht nichts zu beschö¬ 
nigen um weitestgehend Einsicht und Ein¬ 
drücke in persönliche und politische Vorgän¬ 
ge zu geben. 

Als aktiver politischer Außenseiter 
schwamm Jung unentwegt gegen den Strom 
seiner Zeit. Er sorgte für Unruhe vor und in 
der Weimarer Republik und verschwand ohne 
Resonanz nach dem 2. Weltkrieg wie viele sei¬ 
ner Schriftstellcrkollcgcn/innen in der Ver¬ 
senkung. Sozialrevolutionäre Experimente 
Wa rcn nicht gefragt. 

Weder in Ost noch in West hat bis heute 
der seinerzeit vielgclcscne, aber unbequeme 
Schriftsteller besondere Beachtung gefunden. 

Bei Rcclam/DDR gibt es seit 1980 den Band 
»Der tolle Nikolaus« mit Prosa und Briefen. 

Die Ausgabe ist wohl hauptsächlich der Mit- 
herausgeberin, seiner Frau Clairc M. Jung, zu 
verdanken. Weitere Veröffentlichungen wer¬ 
den mit großer Wahrscheinlichkeit entfallen, 
da sich die Einschätzung der sozialistischen 
Realisten im Klappentext folgendermaßen 
anhört: »Jungs Unksradikale und anarchi- 
stisch-individualistische Anschauungen driing- 



ten dm im Laufe der Jahre immer mehr auf die 
Position des Außenseiters. Seine autobiogra¬ 
phischen Texte sind Zeugnisse dieser Entwick- 
huig, die zwar aus dem Bürgertum heraus, je¬ 
doch nicht zur Arbeiterklasse hin führte.« 

Am Ende der sechziger Jahre erschienen 
beim Luchterhand-Vcrlag Ausgaben ver¬ 
schiedener proletarisch-revolutionärer Ro¬ 


mane, unter denen auch Franz Jung zu cm 
decken war. Im Verlag Die Republik wurd 
W7 eine zweibändige Ausgabe herausgegt 
ben, die Romane, die Autobiographie un 
Briefe enthält. Doch erst die Edition Nautik 


hat vor ein paar Jahren begonnen, an einer 
umfassenden Veröffentlichung, einer Wcr- 
kausgabc in 10 Bänden, zu arbeiten. 


Bisher erschienen in zwei Teil-Bänden 


»Feinde ringsum«, Prosa und Aufsätze; als 
Band die »Chronik einer Revolution 


3. 

in 


Deutschland, drei Kurzromanc,— >Joc Frank 
illustriert die Wclt<, >Dic rote Woche<, >Ar- 
heitsfriedc<«, geschrieben in der rcvolutionä- 


rcn Situation zwischen 1918—1924. Als 4. 
Band dieser Ausgabe veröffentlichte die Edi- 
tion Nautilus vor einem halben Jahr die Auto¬ 
biographie »Der Weg nach unten«. Unter 


»Unbekannte «, GeorgJanthur Vl-Leinwand 1985 


dem Titel »Der Torpedokäfer« war auch die¬ 
ses Buch schon Anfang der 60er Jahre erschie¬ 
nen, allerdings ohne großes Echo. Mit ver¬ 
blüffender offener Wahrnehmung ermöglicht 
Jungs Lebenschronik ein differenziertes Bild 
realistischer Rückbesinnung, die Momente 
persönlicher Utopie und Probleme sowie ge¬ 
sellschaftliche Entwicklungen sinnlich nach¬ 
vollziehbar einfängt. Die Wirren seiner Zeit 
werden von Jung nicht als Rahmen benutzt, 
um Glück oder Unglück eines Lebensweges 
zu rechtfertigen, sondern er hat diese ver¬ 
schiedenen Phasen in einer Art Wechselwir¬ 
kung seiner Haltungen dem Versuch selbstbe¬ 
stimmt zu leben gegenüberstellt. 

Nicht nur zwischen den Zeilen findet eine 
Begegnung mit Hoffnung und Verzweiflung 
statt, die eine Ahnung einer menschlichen 
und sozialen Veränderung unter anderen Be¬ 
dingungen in greifbarer Nähe entstehen läßt. 
Dieser Wirklichkeitsanspruch verflechtet sich 
mit oft nur angedeuteten Sehnsüchten zu ei¬ 
ner fast prosaischen Autobiographie. 

Seine Jugend verbringt Jung in der Militär¬ 


stadt Neisse in Oberschlesien. Tiefe Enttäu¬ 
schung und Unzufriedenheit durchziehen sei¬ 
ne Erinnerungen an die Familie. Einzige Aus¬ 
nahme ist der von ihm heiß geliebte »Onkel«, 
anscheinend ein Gastfreund oder Untermie¬ 
ter, der sehr früh verstarb. Die Auseinander¬ 
setzung mit dem kleinbürgerlichen Eltern¬ 
haus und die folgende Isolation vermitteln ei¬ 
nen frühen Bruch mit der Enge einer Welt, die 
von menschlich beklemmender Dürre be¬ 
stimmt, den Drang freie Luft zu atmen her¬ 
vorruft. 

Von den Eltern gezwungen, doch froh die 
verhaßte Stadt Neisse zu verlassen, beginnt 
Jung in Leipzig das Jura-Studium. Doch was 
heißt Studium, in einer der ersten Nächte 
bringt er sein ganzes Semestergeld durch. Da 
er nun die Studiengebühren nicht mehr bezah¬ 
len kann, schreibt er sich an der wohl billige¬ 
ren Musikhochschule ein. 

Verschiedene Stationen seines mit elterli¬ 
chem Geld wieder aufgenommenen Jurastu¬ 
diums führen ihn über Jena, und einem kur¬ 
zen Zwischenspiel alkoholvernebelter Eska- 









48 


paden bei einer Burschenschaft, nach Bres¬ 
lau. 

Jung lebt dort in einer Welt mit Strichmäd¬ 
chen, arbeitslosen Künstlern, Artisten und 
anderen »zweifelhaften Gestalten«. In dieser 
Zeit lernt er seine erste Frau Margot, eine 
Tänzerin, kennen. Zusammen ziehen sie nach 
Berlin und versuchen in geordneten Bahnen 
- er arbeitet bei einem Handelsblatt als Bör¬ 
senkorrespondent - Bausteine für ein norma¬ 
les Leben zu setzen. Der Versuch scheitert, 


bloßlegen — noch immer schmerzen. Ich weiß 
seit dieser Zeit, was es heißt, allein zu sein. Die 
Bindung der Geschlechter scheint beim Men¬ 
schenwesen biologisch darauf gegründet, daß 
die Partner jeweils von der Lebensenergie des 
anderen zehren, Stück für Stück aufsaugen 
und auffressen.« 

Das Studium der Nationalökonomie bringt 
Jung nach München. Er erlebt den Zerfall der 
Boheme, die »in den Sog der allgemeinen Ge¬ 
sellschaftskrise geraten ist.« Im >Cafe Stefa- 


Beitrag von Friederike Kamann). Sein Vater, 
ein Kriminalistikprofessor aus Wien läßt Otto 
Groß aus Jungs Wohnung heraus verhaften 
und in eine psychiatrische Klinik in der 
Schweiz internieren. Franz Jung entfacht eine 
beispiellose internationale Kampagne zu des¬ 
sen Freilassung. Als Mitarbeiter bei Franz 
Pfemfcrts oppositioneller politisch-literari¬ 
scher Zeitschrift »Die Aktion« gibt er eine 
Sondernummer heraus. Groß wird freigelas¬ 
sen. 



die Liebe zerbricht, das gemeinsame Kind 
kommt zu ihrer Mutter. 

Er schreibt das »Trottelbuch«, eine litera¬ 


nie< lernt er Mühsam, Ernst Toller, Roda Ro¬ 
da, Gustav Landauer und auch Otto Groß, 
den Psychoanalytiker kennen. »Groß hatte 


»Kjrojj Vorstellungen von einer psychoana¬ 
lytischen Fundierung gesellschaftlicher Kon¬ 
flikte, seine Kritik am Patriarchat und an jed¬ 


»Ohne Titel«, Linolschnitt 1981 


risch provokative Auseinandersetzung mit 
der »Zeit« und seiner Beziehung zu Margot. 
Das Buch bewirkt einen literarischen Skan¬ 
dal. In seiner Autobiographie sagt er über den 
Bruch mit Margot: »Ich habe erst viel später 
manchmal geweint, in persönlicher Auswegs- 
losigkeit befangen und unfähig. Unrechtzu er¬ 
tragen — weit entfernt davon, daß ich mich ge¬ 
niert hätte. Ich habe in diesem Jahr an solchen 
Tagen nicht gerade geweint, die Tränen mögen 
nach Innen gesickert sein und haben dort Nar¬ 
ben hinterlassen, die — würde ich sie heute 


den Plan, in Ascona eine freie Hochschule zu 
gründen, von der aus er die westliche Zivilisa¬ 
tion anzugreifen gedachte, die Zwangsvorstel¬ 
lungen der inneren wie äußeren Autorität. . .« 

Groß war das »enfant terrible« unter den 
Schülern Freuds. Er leistet zwei Künstlerin¬ 
nen, die von Selbstmordgedanken gequält 
wurden, Sterbehilfe, war Anarchist, reflek¬ 
tierte und lebte in Richtung radikalem Bruch 
mit der Herrschaft des Patriarchats, Psycho¬ 
analyse und Gesellschaftskritik (vgl. SF-Nr.3 
bzw. nachgedruckt in SF-Nostalgienummer, 


weden autoritären Institutionen, vor allem am 
Vaterrecht, seine Versuche über die sexuelle 
Befreiung und über die Konflikte zwischen 
dem >Eigenen und dem Fremdem (Groß) 
prägten nachhaltig Jungs Entwürfe vom psV' 
chisch befreiten, zu »Gemeinschaft« jenseits 
staatlicher Autorität befähigten Individuum.« 
(aus einem Nachwort Walter Fahnders »Was 
soll der Proletarier Lesen«, Versuche zum re¬ 
volutionären Leben, 2.Band »Chronik einer 
Revolution in Deutschland« von Franz Jung, 
Edition Nautilus, Hamburg 1984, S. 215). 














Georg Janthur 


Betrunkener«, Öl-Leinwand 1985 


Georg Janthur »Ohne Elephant«, öl-Leinwand 1985 


Irritiert geht auch Jung als Freiwilliger in 
den ersten Weltkrieg, desertiert nach einigen 
Monaten, wird festgenommen, später als Gei¬ 
steskranker entlassen. Zurück in Berlin, lernt 
er seine spätere Frau Cläre kennen und grün¬ 
det mit Grosz, Hcartficld, Hülscnbcck, Haus- 
mann u.a den Berliner Club Dada, um »das 
doch ästhetischer Traditionen abzuschütteln, 
was vorher dem Futurismus nicht gelungen 
war. «Im Aktions-Verlag erscheinen eine Rei¬ 
he Romane und Erzählungen Jungs, die in Fe¬ 
stungshaft entstanden sind. Er gründet mit 
seinen Dada-Kollegen »Die Freie Straße«, ei¬ 
ne literarisch-politische Zeitschrift u.a. gegen 
den Krieg. 

»Der Dichter greift in die Politik« 

(Zitat Ludwig Rubiner) 

Aktiv beteiligt er sich an der Novemberrevo¬ 
lution, unterstützt bewaffnete Aktionen und 
tritt, nach der blutig niedergeschlagenen Re¬ 
volution, der aus dem Spartakusbund entstan¬ 
denen KPD bei. Massiv wendet sich Jung ge¬ 
gen den Parteiapparat, der mit Disziplin »eine 
Wiederanpassung an die parteipolitischen 
Formen der bürgerlichen Ordnung« versucht. 
Mit anderen Oppositionellen gründet er die 
riitekommunistische KAPD. Seine Vorstel¬ 
lung von sclbstbestimmtcm Handeln wider- 
s Pricht grundsätzlich der hierarchischen Par¬ 
teistruktur der KPD. Für Jung hatte Revolu¬ 
tion mit Bewegung zu tun, der gehorsame 
Aufbau eines Parteiapparats opponierte ge- 
ge'n seine Vorstellung. 

Mit Selbstkritik und politischer Haltung 
Zugleich lebend, gestattete ihm seine literari- 
sc he und politische Aktivität Vorgänge cinzu- 
s ehätzen, die lange vor späterer Auswirkung 
bereits Schatten vorauswarfen. Seine Orien¬ 
tierung entsprach einem Verhältnis von Uto¬ 
pie und Realität. Zeugnisse dieser Entwick¬ 



lung sind die Schriften aus dieser Zeit, die als 
Fortsetzungsromane sowohl in Literaturzeit¬ 
schriften, als auch in den aktuellen Tageszei¬ 
tungen der Linken veröffentlicht wurden. Als 
Delagationsleiter der KAPD begibt sich Jung 
nach Moskau, um eine Zulassung der KAPD 
zur Kommunistischen Internationalen (KI) zu 
erreichen. Die KPD versagte den Linksradi¬ 
kalen jede Unterstützung. Was blieb anderes 
übrig als einen Fischkutter zu entführen und 
zum Umweg über die Sowjetunion >zu bewe¬ 
gend Später landete Jung auf Grund dieser 
Kaperaktion im Gefängnis. Übrigens der grö¬ 
ßere Teil seiner Werke sind im Gefängnis ge¬ 
schrieben. 

Die Delegation 1 erreichte nach vielen Ge¬ 
sprächen eine Tolerierung durch die sowjeti¬ 
sche Führung, doch die aktive Mitgliedschaft 
in der KI wurde verweigert. Zumindest die 
Verleumdungsstrategcie des KPD-Apparatcs 
konnte so relativiert werden. Als Jung am 
Umsturzversuch in Mitteldeutschland teil¬ 
nimmt, muß er erneut aus Deutschland flie¬ 
hen. Über Holland gelingt ihm die Ausreise 
nach Sowjetrußland. 

Die Skepsis gegenüber den hierarchischen 
Parteiapparaten hat ihn nicht davon abgchal- 
ten immer wieder die russische Revolution zu 
unterstützen. Seine Trennung von der KAPD 
vollzieht sich, als deren konstruktive Kritik an 
Sowjetrußland umschlägt in offene Ableh¬ 
nung. Er erlangt die sowjetische Staatsbürger¬ 
schaft und wird über diverse Verbindungen 
zur KI zum Leiter einer sich im Aufbau be¬ 
findlichen Zündholzfabrik berufen. Bewährt 
hatte er sich bei der Organisation der Hilfs¬ 
maßnahmen zur Hungerkatastrophe 1921. 
Nachdem die ersten Erfolgsmeldungen über 
die gut angelaufenc Produktion der Fabrik in 
Moskau eingehen, soll Jung eine an Verträge 










sa 


mit Schweden gebundene Maschinenfabrik 
[ aufbauen. Die Aufgabe scheitert u.a. an der 
| mangelnden Unterstützung des örtlichen So¬ 
wjet. Als Löhne nicht mehr ausbezahlt wer- 
j den können, schmeißt Jung das Handtuch und 

; reist illegal nach Deutschland zurück. 

! Unter falschem Namen arbeitet Jung nun 

| wieder bei verschiedenen Wirtschaftsblättern 

als Wirtschaftskorrespondent. Trotz der Mög¬ 
lichkeit damit viel Geld zu verdienen, kehrt er 
zur Literatur zurück und landet zunächst am 
Theater. Nach der Aufführung seiner Stücke 
i in Dresden, verpflichtet ihn Psicator am Thea- 
j; ter am Nollendorfplatz. Er soll Stücke schrei¬ 
ben und war Aushängeschild-Mitarbeiter im 
dramatischen Beirat. 

j Seine Karriere als Regisseur und Theater- 

i. autor endet mit einem Eklat. Vor der Premie- 

j re des von ihm selbst inszenierten Stückes 

; »Heimweh«, Auf einer der letzten Proben 

i übernahm Piscator und sein Mitarbeiterstab 

j die Regie. Das Stück fiel »grauenhaft durch«. 

I »Es war das Ende meiner Laufbahn als Thea- 

J. terschrif(steiler. Kein Bühnenverteib, keine 

j Bühne hätten auch nur eine Zeile von mir ange¬ 

nommen. « Neben der Theaterarbeit, der An- 
! fang der »Grauen Jahre« seiner Autobiogra¬ 
phie, arbeitet und schreibt Jung für die Zeit- 
schrift »Der Gegner«, einer der vielen Versu¬ 
che jener Zeit sich dem Faschismus entgegen- 
e zustemmen. Mit einer Reihe regelmäßiger 

S Mitarbeiter - Ernst Fuhrmann, Raoul Haus¬ 

mann, Schulze-Boysen u.a. - werden die so- 
j genannten »Gegner-Abende« veranstaltet. 

Offene Diskussionsabende an denen Artikel 
kritisiert, neue Vorschläge ausgearbeitet und 
1 intensive politische Diskussionen geführt 

; wurden. Mitglieder verschiedener Parteien 

j und viele unorganisierte junge Leute besu¬ 

chen diese Veranstaltungen. 

Nach der Machtübernahme der Nazis be¬ 
teiligt sich Jung an der Organisation des Wi¬ 
derstands. Seine Bücher werden verbrannt. 
Zusammen mit seiner dritten Frau Harriet 
taucht er unter. Er wird festgenommen, nach¬ 
dem der Pressedienst (Ansätze einer Politi¬ 
schen Oppositionsgruppe) auffliegt und wird 
schließlich aus einem Sammellager entlassen. 

Jung geht ins Exil, zuerst nach Prag, später 
in den Kriegsjahren nach Genf, nur mit knap¬ 
per Not entkommt er in Ungarn einem der be¬ 
rüchtigten Pfeilkreuzer-Keiler (Faschistische, 
nationalistische Gruppe). Seine Erschießung 
war auf den nächsten Morgen festgesetzt. 

Auf der Flucht wird er in Italien von der 
deutschen Polizei festgenommen und in das 
Konzentrationslager Bozen eingeliefert, 
schließlich von den Amerikanern aus der Haft 
befreit. Zusammen mit einer Freundin bleibt 
er zunächst in Italien, sie betreibt ein Frem- 
! denheim, er knüpft enge Fäden zur italieni- 

I sehen Partisanenbewegung. Mit Kuchenbak- 

I ken und anderen kleinen Geschäften hält er 

| sich über Wasser. 

Jung kehrt zunächst nicht nach Deutsch¬ 
land zurück sondern geht in die USA. Erst in 
I dieser Zeit findet er wieder Zeit und Ruhe zu 

i schreiben. Seinen Lebensunterhalt verdient 

| er wieder als Börsen- und Wirtschaftskorre¬ 

spondent. Seine frühere Frau Cläre versucht 
die Unebenheiten für eine persönliche und li¬ 
terarische Rückkehr nach Deutschland zu 
glätten. Trotz seiner Bekanntheit in den 20er 
Jahren, seinen vielfältigen literarischen Ver¬ 
öffentlichungen scheitert Jung bestimmt nicht 
nur an individuellen Widersprüchen. »Ich ha¬ 
be den Ehrgeiz überwunden als Schriftsteller 


anerkannt zu werden, als Geschäftsmann , als 
Liebhaber und , wenn man das so will in dieser 
verrotteten Gesellschaft, selbst als anständiger 
Mensch; ich bin nicht anständig. Zwar nicht 
gerade ein Dieb, wie alle , die dieser Zeit die¬ 
nen y oder ein Erpresser , Straßenräuber und 
sonstwas, weil ich weiß, alles, das hat keinen 
Zweck; wozu die Umwege?« 

Seine letzten Jahre verbringt Jung in Stutt¬ 
gart, versucht erneut literarisch zu arbeiten, 
findet aber kaum Resonanz. »Der Weg nach 
unten« wird 1961 zwar veröffentlicht, doch 
auch mit seiner Autobiographie tritt keine 
Wende ein. Jung stirbt 1963 menschlich iso¬ 
liert und verarmt. 



GeorgJanthur »Tsss. . .selbst«, Holzschnitt' 1982 


Am Ende soll ein Zitat Jungs zu seiner Au¬ 
tobiographie stehen, das für sich selbst spricht 
und auf verblüffende Weise den Kern seiner 
Lebenschronik trifft: 

»Ich habe diese Aufzeichnungen von der eige¬ 
nen Persönlichkeit aus geschrieben. Sie stellen 
oft das Persönliche in den Mittelpunkt , ohne 
indessen das eigentlich Private im Persönlichen 
- das, was die menschliche Beziehung aus¬ 
macht - zu berühren. Ich habe im Gegenteil 
dies, wo es sich sonst vordrängen würde, unter¬ 
drückt. Man kann natürlich auch von dieser 
Seite aus den Ablauf eines Lebens sich entwik- 
keln lassen. Ich habe diesen Weg nicht gewählt. 
Wer etwas zwischen den Zeilen zu lesen ver¬ 
steht, der kann aus dem Ende, dem die einzel¬ 
nen Vorgänge vorangegangen sein müssen, 
selbst seine Schlüsse ziehen. Ich beklage mich 
nicht. Nichts hat sich ereignet, was ich nicht 
selbst hervorgerufen habe.« 

Der Weg nach unten 
von Franz Jung 
Edition Nautilus Hamburg 1985 


Anmerkung: Franz Jung wurde bei seiner 
Rußland-»Expedition« begleitet von Jan Ap¬ 
pel. Jan Appel besuchte in der Nachkriegszeit 
häufig die Thalmanns, so daß sich in Clara 
Thalmanns Archiv Näheres zu seiner Person 
findet: Jan Appel (alias Max Hempel (vgl. die 
Protokolle der KI), Jan Arndt und Jan Vos) 
wurde 1890 in Mecklenburg geboren. Von Be¬ 
ruf Schiffsbauer wurde er von 1911 bis 1917 
Soldat, als Schiffsbauer 1917 nach Hamburg 
ausgemustert. 1918 nahm er beim Rüstungs¬ 
arbeiterstreik auf der Werft Vulkan teil; wur¬ 
de Vorsitzender der »revolutionären Obleu¬ 
te« und Mitglied der Spartakusgruppe Ham¬ 
burg. Der gescheiterte Hamburger Aufstand 
ließ ihn an der Fähigkeit der Gewerkschaften 
zur Revolution zweifeln und er trat seitdem 
für »revolutionäre Betriebsorganisationen« 
ein, die als Grundlage für spätere Räte dienen 
sollten. Anschluß an die Allgemeine Arbeiter 
Union (AAU). Nach den Heidelberger Par¬ 
teitagsbeschlüssen 1919 kam es zur Spaltung 
der KPD und Neubegründung der KAPD, de¬ 
ren Mitglied auch Appel wird. Daran schloß 
sich die berühmtgewordene Schiffsentfüh¬ 
rung an. Zusammen mit einem namentlich 
nicht genannten Matrosen gingen Appel und 
Jung illegal an Bord der »Senator Schröder«. 
Ein Matrose dieses Schiffs, Hermann Knüf- 
ken, war vorinformiert und wird nach der 
Meuterei »Kapitän«. Die Reise dauert vom 
20.4. bis 1.5.1920, da keine Seekarten für die¬ 
sen Teil der Ostsee an Bord waren, waren sie 
zufrieden in Alexandrowsk anzukommen. 
Appel taucht unter falschem Namen anschlie¬ 
ßend im Ruhrgebiet auf und gibt den »Klas¬ 
senkampf« heraus. 1921 tritt er wieder als 
Sprecher bei der KI auf. Im November 1923 
wird er im Ruhrgebiet verhaftet und bis Weih¬ 
nachten 1925 sitzt er im Knast wegen der alten 
Geschichte der Schiffsentführung. 1926 geht 
er nach Holland und arbeitet mit der rätekom¬ 
munistischen Gruppe um Henk Canne-Meijcr 
zusammen. Seit dem Einmarsch deutscher 
Truppen im Mai 1940 im Widerstand, auch 
noch nach der Hinrichtung eines der bekann¬ 
testen Linken im Untergrund (Sneevliet) und 
dreizehn weiterer Mitglieder aus dessen 
Gruppe. Nach 45 Mitarbeit beim Wochen¬ 
blatt »Spartacus«. Aufgrund eines Unfalls 
wird 48 seine wahre Identität erkannt. 20 an¬ 
gesehene Bürger können seine Ausweisung 
verhindern, er bleibt in Holland unter der offi¬ 
ziellen Bedingung, seine politische Tätigkeit 
einzustellen. Sein lakonischer Kommentar: 
»Jan Appel war wieder aufgetaucht!« 

wh 

LITERATUR 
ZUM SPANISCHEN 
Bürgerkrieg 36-39 

★ Medienwerkstatt Freibarg (Hg.): Die 
lange Hoffnung; auf Initiative der Freiburger 
entstand 1983 eine lebendige Geschichtsaus¬ 
einandersetzung mit Clara Thalmann und 
Augustin Souchy in Spanien an den Stätten 
ihrer Erlebnisse 36-39; 220 S., 19,80. 

★ Augustin Souchy: Macht über Spanien; das 
Buch beschreibt den spanischen Bürgerkrieg 
aus der Sicht der CNT/AIT; 280 S., 16.- 

★ Clara und Paul Thalmann: Revolution für 
die Freiheit; persönlicher Erlebnisbericht der 
beiden Schweizer. 400 S., 20.-. 

TVotzdem ★ Verlag 
Postfach 
7031 Grafenau-1 


i 









* Die Kritik am Gefängnis ist alt; trotz zahlreicher 
Skandale, trotz Gefängnisrevoltcn, trotz der hohen 
Zahl der Selbstmorde und trotz der Eigendynamik 
in Sachen Sexualität etc. scheint das »System Knast« 
unerschüttert. 

Seit Mitte der 60er Jahre gibt es wieder Stimmen, 
die die crsatzlosc Abschaffung der Gefängnisse for¬ 
dern. Knut Papendorf hat im Verlag der AG SP AK 
(München 1985; 217 S.; 22.-DM) ein Buch Gesell¬ 
schaft ohne Gitter vorgclegt. Er versucht anhand der 
Praxis der skandinavischen Gefangenenbewegung 
KROM (Norsk forening for kriminalrcform) Wege 
und Strategien der Gefängnisabschaffung aufzuzci- 
gcn. KROM hat die Initiativen einzelner (z.B. Jens 
Björncbocs) organisiert fortgesetzt und cs mittler¬ 
weile geschafft, Jugcndgcfängnissc und Zwangsar¬ 
beitshäuser abzuschaffen. Ein Buch, das für Knast¬ 
gruppen (Schwarze und Bunte Hilfe) viele Anregun¬ 
gen geben kann, auch wenn der Klappentext naiver- 
weisc meint, cs könne den GRÜNEN - bei Toicric- 
rungsgesprächcn mit der SPD - Argumentationshil¬ 
fen geben .( 




Bücher, die dem SF zugeschickt wurden in Kurzre- 
zensionen: 

Auf der Bücherseite des SF stellen wir Titel vor, 
die uns von den Verlagen zugestellt werden. Natür¬ 
lich müssen sic uns inhaltlich für unsere Leser inter¬ 
essant erscheinen, d.h. daß wir nicht jedes zuge¬ 
schickte Exemplar auch wirklich vorstellen.Auch 
wollen w ir diesem Bereich im SF nicht unendlich viel 
Platz ein räumen, so daß Bücher unter Umständen 
einige Zeit bei uns liegen bleiben, bis sie ihren Platz 
in einer Nummer des SF finden. Die Verlage, die ih¬ 
re zugcschicktcn Titel deshalb vermissen, bitten wir 
tun einen langen Atem. 


Sic ist endlich, 1985 noch, erschienen: die Biogra- 
*' c Erich Mühsams in der DDR. Geschrieben von ci- 
ncni der wenigen, die Einblick in die Tagebücher 
Mühsams nehmen dürfen: Christlieb Hirte. (Verlag 
N( ^ucs Leben, Ost-Berlin, 463 S.). Man durfte er¬ 
warten, daß cs die Biografie Mühsams wird und ist 
doch sehr enttäuscht. Hirte, bekannt durch seine 
Verausgabe dreier Bände mit Schriften von Erich 
Mühsam in der DDR, bringt und darin liegt der 
Wert dieser Ausgabe wenigstens einige Seiten Zitate 
tUls den Notizkalcndcrn bzw. Tagebüchern; viel ist 
cs jedoch nicht und man kann sich denken warum. 
Wirtes eigener Text ist zudem der übliche »Einschäl- 
Zungs-Einordnungsvcrsuch« der DDR-Litcraturkri- 
bk, der den Anarchisten zwar nicht mehr leugnet, 
‘iber ihn doch als völlig Scheiternden, völlig Isolier¬ 
en und daran letztlich selbst Schuldigen, weil klein¬ 
bürgerlich Gebliebenen beschreibt. Hirte sichert 
Sl di zudem gut ab und zitiert - ausgerechnet - den 
^österreichischen Stalinisten Bruno Frei als Fach- 
mann zum Anarchismus. 

Es bleibt deshalb ärgerlich, daß wir keinen Zu- 
8 a ng zum Nachlaßmatcrial bekommen und daß kein 
unabhängiger Biograph sich in der Akademie der 
ünstc an Mühsam versuchen kann, frei von den 
nsprtichcn des DDR-Staates an das Ergebnis. 

^ Ich vergesse also dieses Buch und zitiere besser 
p lm S c Notizblätter Mühsams. Sic geben uns einen 
mdruck seiner ununterbrochenen Aktivität auch in 
-eiten, in denen ihn diese Biographen als isoliert bc- 
elehnen und so den Eindruck vermitteln, als sei 
* ^ lsam *u allem gescheitert. 

Auszug aus 1926: 

25 1 Austritt aus dem Judentum 
•E Vortrag beim Sozialistischen Studentenbünd; 
wnui: Die Amnestie in der deutschen Republik als 
™ruck der Klassenjustiz 

San ) ^ csprec ^ lm S zur »FANAL«-Gründung bei 

'^■ 2. Rede beim Verein sozialistischer Ärzte; The- 
^Strafvollzug 

/i f- ^ e f crat hei <1 er anarchistischen Jugend Tempel - 
°J, Thema: Was bindet und hy/5 trennt das revolutio- 

n « r * Proletariat? ' 

Mit Johannes Droh nach Jena. Versammlung 

il ^AAVE. 

Qu $siichung. 


24.5. Zwei Reden beim Pfingsttreffen des Rotfront¬ 
kämpferbunds. 

29.5. Ansprache bei der Bezirkskonferenz des Ar¬ 
beiter-Theaterbundes. 

4.6. Gründungssitzung der Liga gegen koloniale 
Unterdrückung: geschäftsführendes Ausschußmit¬ 
glied. 

21 6 Generalversammlung Arbeiter-Schachbund. 
Rede für die Überlassung von Schachspielen für poli¬ 
tische Gefangene. 

28.6. Erste Besprechung zur Begründung des revo¬ 
lutionären Theaters. . 

2.7. Vortrag bei der AA UE; Thema: Bakumns Be¬ 
deutung für den Klassenkampf. 

14. 7. Austritt aus dem Vorstand der Liga gegen kolo¬ 
niale Unterdrückung. 

Kundgebung im Herrenhaus. 

Fall Hoelz - Justizskandal 

^j 7 Eröffnung der Anti-Kriegsausstellung, Eröff¬ 
nungsrede in Charlottenburg. 

Im übrigen merkt Hirte an, daß er 1926 über 20 
Vorträge Mühsams für die Rote Hilfe in den Notiz- 
blättern gefunden habe. Wir wissen also auch nach 
dieser Veröffentlichung nicht, was Hirte nicht zitie¬ 
ren wollte bzw. nicht zitieren durfte. 


Im Verlag Weber/Zuehl erschien bereits 1984 ein 
ammclband mit interessanten Diskussionsbciträ- 
cn zu libertärer Theorie. Wege des Ungehorsams, 
ahrbuch für gewaltfreie und libertäre Aktion, Poli- 
k und Kultur (Kassel 1984; 190 S.; 15.-DM). Der 
and verstand sich als erster Versuch und soll 1986/7 
ünc Fortsetzung finden. Besonders dem Redak- 
onsbeitrag ». . - oder Barbarei« und der Überset¬ 
ze eines Artikels von Nigel Young »Transnationa- 
smus und Kommunalismus« sowie Gerd Panzers 
Soziale Bewegungen« sind viele Leser zu wün- 
'hen, beschäftigen sic sich doch alle mit der Diskus- 
on aktueller Ansätze für libertäre Politik. 


* Moderne Soziale Bewegungen sind Ausdruck und 
Motor sozialen Wandels. Als Indikatoren informie¬ 
ren sic über zentrale gesellschaftliche Widersprüche 
und Konflikte. Ihre politischen Akteure intervenie¬ 
ren auf der politischen Ebene oder erreichen Verän¬ 
derungen durch Selbsthilfe. 

Wie läßt sich die Geschichte sozialer Bewegun¬ 
gen in Deutschland seit 1789 beschreiben? Welche 
Zusammenhänge bestehen zwischen Bewegungsty¬ 
pen und der Gesellschaft in der vorindustricllcn, in¬ 
dustriellen und nachindustricllcn Zeit? Welche Be¬ 
sonderheiten zeigen die neuen sozialen Bewegungen 
im Vergleich zu den älteren sozialen Bewegungen, 
wieweit signalisieren sic den Übergang zur Dienst- 
Icistumgsgcscllschaft und eine Verschiebung von der 
Macht- zur Kulturoricnticrung? Welche Theorien 
stehen zur Verfügung? 

Eine ausführliche Rezension dieses Buches von 
Joachim Raseke: Soziale Bewegungen, Ein histo¬ 
risch-systematischer Grundriß, ( Campus-Verlag 
Frankfurt 1985) bereiten wir für eine der nächsten 
Nummern des SF vor. 

* Auszug aus der Gesellschaft, hcrrschaftsfrcics Le¬ 
ben in überschaubaren Gruppen, sclbstbestimmtc 
Produktion: kurz der Traum aller Kommunen, auch 
der heutigen, auch - zumindest - teilweise der des 
Projekts A, das von Horst Stowasscr in die Diskus¬ 
sion der anarchistischen Bewegung hierzulande ge¬ 
bracht wird. 

Karl-Ludwig-Schibel (u.a. Bookehin-Überset- 
zer) schildert in seinem Buch Das Alte Recht auf die 
neue Gesellschaft - Zur Sozialgeschichte der Kom¬ 
mune seit dem Mittelalter (Scndlcr Verlag Frankfurt 
1985 , 282 S., 32.-DM) die mittelalterliche Dorfge¬ 
meinde und die nordamerikanischen Community- 
und Kommuncbcwcgungcn. Erweist nach, daß sich 
schon im Mittelalter selbständige kommunitäre Pro¬ 
jekte in herrschaftsarmen Räumen entwickelten, wo 
die gemeinsamen Angelegenheiten in Dorfver- 
sammlungcn gcmcinsambchandclt und entschieden 
wurden. Einen Widerstandsversuch dieser Gegen¬ 
macht sicht Schibcl im Bauernkrieg, der gleichzei¬ 
tig das vorläufige Ende dieser Bewegung markierte. 

In der »Neuen Welt« wurden diese Traditionen 
zunächst wieder neu belebt. In der nordamerikani¬ 
schen Community verwalteten die Bürger sich weit¬ 
gehend selbst. Sic ist deshalb in den Augen Schibcls 
(und Bookehins!) bis heute eine mögliche Basis, um 
den Sozialrevolutionären Widerstand gegen die zen- 
tralstaatlichc Macht zu organisieren. 

* Helmut Kohl weiß, wovon er redet. Die Sprache 
der Wende (so auch der Titel des neuen Buches von 
Hans Uske; Dictz Taschenbuch, Bonn 1986; 224 S.; 
12,80DM) ist Sprachschutt, mit dem die restaurative 
Politik der Koalition verkauft wird. Wir finden in 
diesem Buch jedoch nicht nur Helmut, den Unver¬ 
meidlichen, sondern auch Dregger, Blüm, Zimmer¬ 
mann, Hausmann, Bangemann zu Fragen der Aus¬ 
länderfeindlichkeit, Arbeitslosigkeit, Revanchismus 
und anderen geistlos-geistreichen Tatsachcnvcrdre- 
hungen. Das Buch beleuchtet einige der Tricks, mit 
denen Wahrheit nicht ausgesprochen, aber dem 
Fernsehzuschauer z.B. mehrmals versichert wird, 
was cr/sic nun erfahre, sei die ganze Wahrheit, das 
habe man schon immer ausdrücklich festgcstcllt und 
das sei auch so im Parteiprogramm, im Wahlkampf 
etc. gesagt worden. Was wird dabei meist vergessen 
zu sagen . . . natürlich wird cs nicht wirklich verges¬ 
sen. Ein amüsantes und zugleich aufklärendes Buch; 
auch wenn cs manchmal ruhig noch deutlicher hätte 
werden können. 

Wolfgang Haug 







Der »Free World Chronicle« - 
Erzkapitalisten und kalte Krieger im 
libertären Gewand 


Mitglieder der »Libertarian International« 
(LI) erhalten den »Free World Chronicle« um¬ 
sonst zugestellt; andere müssen für die zwei¬ 
monatliche 32-scitige Ausgabe 20 US Dollar 
berappen. Ein stolzer Preis für - das sei vor¬ 
weggenommen — ein übles Machwerk. 

Jede Nummer enthält eine Liste mit dem 
hochtrabenden Namen »Libertarian Interna¬ 
tional World Hcadquarters«; ein solches 
»Welt-Hauptquartier« existiert auch in der 
BRD; den Namen des Verantwortlichen will 
ich hier nicht nennen, weil es in meinen Au¬ 
gen einer Denunziation gleichkäme (und weil 
ich hoffe, daß er sich aus diesem Verein 
schnellstens wieder absetzt). 

Unter dem Impressum finden sich die 
»Ziele« der LI, man kann »beruhigt« nachle- 
sen, daß die LI eine »Organisation von Indivi¬ 
duen und Gruppen sei, die ein freie und fried¬ 
liche Welt aufzubauen wünschen, in der die 
I individuellen Rechte und Freiheiten respek- 
j tiert werden. Als Basis - und bereits hier be- 
' ginnen die Widersprüche — wird ein Wirt- 
! schaftssystem beschrieben, das auf freier 
| Konkurrenz beruht. Die Mitglieder der LI 
werden - in libertärem Sinne - zu keiner ge¬ 
meinsamen Strategie verpflichtet, gleichwohl 
sieht man es als Sinn der Organisation Strate¬ 
gien zu diskutieren, mit denen die Libcrta- 
rians ihren Einfluß über die USA hinaus aus¬ 
dehnen können. 

Im Editorial der Nummer 5 (um die es in¬ 
haltlich im folgenden gehen wird) erfahren 
wir von diesen Fortschrittten der Organisie¬ 


rung. In den letzten zwei Jahren wurden 2 Un¬ 
terorganisationen gegründet. Zum ersten 
LIFHAS (the Libertarian Foundation for Hu¬ 
man Assistance) in den Niederlanden. Eine 
Wohlfahrtsvercinigung, die »den Anklagen, 
daß die Libertarians sich um nichts (gemeint 
wohl, nichts Soziales, W.H.) kümmern< den 
Boden entziehen soll. Zum zweiten LISTS 
(the Libertarian Institute for Strategie Stu- 
dies); ein Institut, das die Strategie zur Ver¬ 
breiterung der Basis koordinieren soll, »um 
den Europäern die Fehler zu ersparen, die 
den US-Libertarians passicrh seien. Eine die¬ 
ser »Strategien besteht darin, daß die Mitglie¬ 
der Artikel des »Free World Chroniclc< photo¬ 
kopieren und verbreiten sollen. Ausgenom¬ 
men Copyright-geschützte Beiträge.(!) 

Vom 24. - 30. August will die LI ihren 
3.Weltkongreß in Stockholm durchführen. 
Hauptthema: »Die Wohlstandsgesellschaft 
contra den Wohlfahrtsstaat«. Nebenthemen: 
»ein faszinierender Blick auf den Aufschwung 
des Libertarianismus«, »die Hollywood-Indu¬ 
strie« und TV- und Radioseminare. Für läppi¬ 
sche 370 US-Dollar pro Teilnehmer, wer vor¬ 
her bezahlt bekommt gar 25 Dollar Ermäßi¬ 
gung! 

In Kurzberichten werden aul den folgen¬ 
den drei Seiten neue Projekte vorgestcllt. 
U.a. erfahren wir, daß die LI vom Internatio¬ 
nalen Computer Markt profitiere, weil die 
Preise durch den freien Markt stark gefallen 
seien. Das Kernstück der Libertarians-Ideo- 
logie wird sichtbar! Und es geht gleich weiter: 


da die Chips in El Salvador, Japan, Südkorea 
etc. hergcstcllt werden, kommentiert die Re¬ 
daktion: »Es lebe der freie Markt! Aufgrund 
all dieser kommunistisch-inspirierten Unord¬ 
nung, die sich in El Salvador entwickelt, fürch¬ 
ten wir um die Tatsache, daß die Salvadorianer 
weiterhin erfolgreich Chips für Apple Compu¬ 
ter hersteilen.« Dieser Kommentar, hinter 
dem wir zunächst eine sarkastische Bemer¬ 
kung vermuten könnten, ist — und das bewei¬ 
sen uns die anderen Beiträge zur Genüge, völ¬ 
lig ernst gemeint. Unnötig zu sagen, daß diese 
sogenannten Libertarians alle entscheidenden 
Fragen bewußt nicht stellen. Nicht, warum in 
El Salvador und warum dort für die US-Firnia 
Apple produziert wird; nicht, was ein Salva¬ 
dorianer davon hat, daß die Chips billiger 
werden, weil sein Lohn »billig« gehalten wird; 
nicht, weshalb dort Unruhen sind; nicht, wer 
daran beteiligt ist usw. usf. 

Auf S. 9 folgen Buchrezensionen: Vorgc- 
stellt werden u.a. ein französisches Buch ge¬ 
gen die UNESCO (man erinnere sich an den 
Geldcrstop für diese UNO-Unterorganisation 
seitens der USA und Großbritanniens); ein ~ 
ebenfalls französisches Buch, das die klassi¬ 
schen liberalen Theorien mit den traditionell 
jüdisch-christlichen Wertvorstellungen >zur 
Verteidigung der westlichen Zivilisation< ver¬ 
binden will. Ein in den USA für die SU auf rus¬ 
sisch produziertes Buch mit Aufsätzen derneo- 
liberalistischen Wirtschaftstheoretiker Fried¬ 
man und Hayek. Ein schwedisches Buch über 
die Industriespionage seitens des KGB etc. 














53 


Sicher könnten wir das >Durchblättern< be¬ 
reits abbrechen, aber ich wollte einmal gründ¬ 
lich sein, besonders da zu erwarten ist, daß die 
Inhalte auch in die deutschsprachige Anar- 
choszene hincingetragcn werden sollen; da 
das nicht notwendig unter dem offiziellen La¬ 
bel der »Libertarians« laufen muß, sollte man 
mehr davon kennen. 

Seite 10 gleicht einer Heiligsprechung ei¬ 
nes Henry K.H. Woo, seines Zeichens Vorsit¬ 
zender des Hong Kong Wirtschaftsinstituts, 
der den Libertarians beigetreten sei. - Was 
nicht heißt, daß er dieses Institut nicht eigens 
für diesen Zweck gegründet hat, denn es fällt 
die große Zahl von »wohlklingenden« Institu¬ 
ten und Vorsitzendenpöstchen auf. S. 11 stellt 
den schon erwähnten humanen Aspekt von 
LIFHAS genauer vor: Dabei stellt sich her¬ 
aus, daß damit Geld sammeln gemeint ist! Et¬ 
wa um einen Studenten >hinter dem eisernen 
Vorhang< (und damit hätten wir die Sprache 
des Kalten Krieges!) finanziell abzusichern 
oder um das Von Mises-Institut in Belgien (In¬ 
stitut für Freie Marktwirtschaft) zu unterstüt¬ 
zen. 

Auf S. 12-18 finden sich »Weltneuigkei¬ 
ten mit Kommentar«; das Herzstück der Zeit¬ 
schrift entpuppt sich als übles rechtsradikales 
Machwerk, das cs mit nahezu allen Publika¬ 
tionen der NPD aufnehmen könnte. Es bringt 
»Wahrheiten«, die vermutlich selbst Geissler 
nicht mehr passieren könnten. 

Alphabetisch aufgebaut, beginnt man mit 
Argentinien und endet mit Yugoslavia. Einige 
»Highlights« seien vorgcstellt: 

Canada : »Der sicherste Weg eine Stadt zu zer¬ 
stören, sieht man von der Atombom¬ 
be ab, ist es die Mieten zu kontrollie¬ 
ren.« 

China: »China ist von einem Hochsicherheits¬ 


norwegische Post kurzfristig be¬ 
schlossen hatte, keine Briefe mehr 
nach Südafrika zu befördern. Wenn 
es auch sinnvollere Boykottaktio¬ 
nen gegen Südafrika gibt, ist es doch 
vielsagend, daß die »Libertarians« 
keine anderen Zensurprobleme se¬ 
hen. 

Südafrika: Buthelezi (Zulu-Führer) wird zi¬ 
tiert, weil er betonte, daß Investi- 
tionsstop keine effektive Politik ge¬ 
gen das Apartheid-System sei. 
Denn: alle , die einen Investitions- 
stop fordern, würden eine gewaltsa¬ 
me Revolution und einen marxi¬ 
stisch-totalitären Staat anstreben. 
Der Zusatz-Kommentar der »Liber¬ 
tarians«: »es scheint, daß der falsche 
Afrikaner den Friedensnobelpreis 
bekommen hat.« 

Wieder wird die grobe Vereinfachung der Li¬ 
bertarians deutlich; es gehört schon viel anti¬ 
kommunistische Verbohrtheit dazu, bei¬ 
spielsweise der EKD zu unterstellen, sie wolle 
die gewaltsame Revolution und einen totalitä¬ 
ren Staat. Unnötig dieser »Berichterstattung« 
weiter zu folgen, denn natürlich ist der Haupt¬ 
feind Gaddafi (und wer weiß, was bei Erschei¬ 
nen dieses SF aus ihm geworden sein wird?); 
natürlich gibt es aus der Türkei nur die »Fort¬ 
schritte« der Reprivatisierung zu berichten 
etc. 

Inhaltlicher (und ebenfalls typisch) der 
Beitrag zum »Protektionismus« eines Staates 
für die eigene Industrie, Landwirtschaft etc. 
U.a. wird suggeriert, daß der Protektionismus 
Hoovers und Hawleys den Nazis die Wahl ge¬ 
wonnen habe und deshalb jeglicher Protektio¬ 
nismus zum Krieg führe. Man merke, je einfa¬ 
cher die Erklärung, desto wahrscheinlicher, 


UNO dominieren würden; weil Israel wieder¬ 
holt verurteilt, die »terroristische PLO« als 
Beobachter zugelassen, Südafrika angegriffen 
und überhaupt das Budget zu teuer geworden 
sei und nahezu allein vom Westen getragen 
werden müsse. - Mit demagogischen Zahlen¬ 
spielen, ganz die Methode deutscher Faschi¬ 
sten zur Frage der »Auschwitz-Lüge«, wird 
»argumentiert«, daß nur 4% der Weltbevöl¬ 
kerung 25% der Kosten tragen müßten - 
selbstverständlich werden keine Zahlen dar¬ 
über vermittelt, wie wenig diese 4% vom 
Wirtschaftsvolumen der »Welt« auf sich ver¬ 
einigen und wieviel davon, sie aus der 3.Welt 
ziehen. Es ist demzufolge logisch, daß es den 
Libertarians mißfällt, daß »jedes Land eine 
Stimme « (in der UNO) hat, viel »gerechter« 
wäre es, wenn ein Abstimmungsschlüssel ge¬ 
mäß der Finanzierung ermittelt würde. Und 
wenn sich dann noch das »große Problem« lö¬ 
sen ließe, daß die SU nicht ausschließlich 
»KGB-Agenten« zur UNO schickt, wären 
auch die Sicherheitsinteressen der USA wie¬ 
der gewahrt und man könnte mit der UNO 
Politik machen. Selbst Reagan könnte keine 
größere Besorgnis für den — so die LI — »frei¬ 
heitlichsten Staat auf Erden« (da ist die CDU/ 
CSU wenigstens bescheidener) aufbringen. 
Wie überhaupt: kann irgendein/e Leser/in mir 
den Unterschied zwischen den Politikvorstel¬ 
lungen der Libertarians und der Reagan-Ad¬ 
ministration deutlich machen? Noch dazu ei¬ 
nen, der ein wirklich libertäres Element ent¬ 
hält? _ vielleich besteht er darin, daß die 
USA erst aus der UNESCO, die Libertarians 
auch längst schon aus der UNO ausgetreten 
wären? 

Was folgt noch? Afghanistan natürlich. 
Findet man einen Artikel über den Freiheits¬ 
kampf der Afghanen in solchem Zusammen- 



zu einem Gefängnis mittlerer Sicher¬ 
heit >fortgeschritten<.« 

Hongkong: »Wenn man herausfinden will, ob 
ein Land kapitalistisch oder soziali¬ 
stisch ist, muß man beobachten, wel- 
chen Weg die Emigration geht.« 

Norwegen: Die norwegischen Libertarians 
(dort als >Fortschrittspartei<) haben 
eine Unterorganisätion gegen Zen¬ 
sur gegründet. Nicht etwa . . . nein, 
nein! Sie wurde gegründet, weil die 


daß sie von den Libertarians benutzt wird, um 
ihre Vorstellung des »freien Markts« anzu¬ 
preisen. Von Aufklärung, von der Ausübung 
einer kritischen Intelligenz ist bei den vorgeb¬ 
lichen Verteidigern individueller Freiheit 
nichts Konkretes zu finden. 

Anschließend werden die Schweizer aufge¬ 
fordert, nicht der UNO beizutreten, (die Ab¬ 
stimmung vom März 86 entschied sich gegen 
einen Beitritt) weil die »3. Welt-Länder und 
Länder des kommunistischen Blocks« die 


hang, vergleichbar der Instrumentalisierung 
Todenhöfers, rückt das berechtigte Anliegen 
der Afghanen um internationale Aufmerk¬ 
samkeit eher ferner. 

Dann wieder ein »Präsident«, nämlich Viv 
Forbes, seines Zeichens Präsident der austra¬ 
lischen Steuerzahlervereinigung wird als 
»Persönlichkeit der Libertarians und in seiner 
Doppelfunktion als »Direktor« einer Austra- 
lian Foundation for Economic Education vor¬ 
gestellt. 







































Schließlich »Gentechnologie-Diskussion«. 
Kritisch? Auch hier nein! Es geht um Samen¬ 
banken in Dänemark, die von den Liberta- 
rians gegründet (!) wurden; die »Sperm Help 
Foundation« klärt über künstliche Besamung 
auf, umgeht - und das ist das einzige »libertä¬ 
re« (allerdings nur, wenn man »antistaatlich« 
begrifflich mit »libertär« verwechselt!) - alle 
staatlichen Kontrollen und Untersuchungen; 
hält Spenderkataloge bereit aus denen die 
»Empfänger-Frauen« nach Photos ihre Aus¬ 
wahl treffen; Entscheidungshilfen geben An¬ 
gaben über Größe, Augenfarbe und berufli¬ 
che Anstellung (!). (Ich kann’s nicht durch ei¬ 
nen Auszug aus dem Katalog beweisen, »füh¬ 
le« allerdings das elitäre und rassistische, das 
diesen Kriterien zugrundeliegt.) Hat die 
»Empfänger-Frau« die Wahl getroffen, be¬ 
kommt sie eine Tube mit Sperma, geht nach 
Hause und bekommt die Spermien »in der In¬ 
timität ihres Hauses« eingespritzt. Die Eltern 
können gegenüber dem Staat das Kind als ei¬ 
genes ausgeben - ein Umstand, auf den die 
Libertarians besonders stolz sind. 

Ein die Gemüter bewegendes Thema 
noch? Möglichst um die Fortschrittlichkeit 
der LI zu belegen? - Umweltverschmutzung 
vielleicht? 

Auf S. 28 werden staatliche Firmen in den 
USA vorgestellt, die zu den größten Umwelt¬ 


zerstörern gehören (etwa Tennessee Valley 
Authority - Kohleabbau; B.C. Hydro - Stau¬ 
dämme). Anschließend wird übergeleitet auf 
die Umweltpolitik der kommunistischen Staa¬ 
ten. Kein Wort über die US-Privatindustrie 
das Übel für die LI liegt ausschließlich in der 
staatlichen Lenkung; beruhigend für 
Schwarz-Schillings »Sonnenschein«, denn im¬ 
merhin ist seine Firma nicht verstaatlicht. Die 
fehlende Umweltpolitik der Ostblockstaaten 
ist sprichwörtlich und bis heute vom Mythos 
des technisch Machbaren stärker geprägt als 
hierzulande; die Libertarians knüpfen an die¬ 
sem Wissen an und verstärken die antistaatli¬ 
chen und antikommunistischen Vorurteile, 
während sie von den kapitalistisch verursach¬ 
ten Umweltskandalen völlig absehen. Wie 
würde sich auch eine allgemeine Regelung, et¬ 
wa Umweltschutzbestimmungen für die ge¬ 
samte Indusc/ie, mit dem Ideal der freien, von 
niemanden beeinflußten und »be-auflagten« 
Konkurrenz in Einklang bringen lassen? Die 
Libertarians wissen um diesen (und andere) 
Widersprüche in ihrem System und versuchen 
darüber abzulenken, daß sie zum »Thema« 
Umwelt ja »etwas gesagt« hätten. 

Kommen wir zu einem der Haupttheoreti¬ 
ker - Murray N. Rothbard. In unserem Buch 
»Werkstattbericht Pädagogik. Zur Geschich¬ 
te und Perspektiven anarchistischer Erzie¬ 


hung« wurde uns ein Beitrag dieses »anarchi¬ 
stischen« Theoretikers »Vom Recht gegen Er¬ 
ziehung« untergejubelt. Die Herausgeber 
konnten autonom arbeiten und waren sich 
vermutlich selbst über die politisch verant¬ 
wortungslose Tragweite von Rothbards An¬ 
sichten nicht völlig bewußt. Die Tendenz die¬ 
ses Beitrags, der glücklicherweise nur 22 der 
170 im übrigen lesenswerten Seiten ausmacht, 
läßt sich mit folgender Passage zusammenfas¬ 
sen, in der Rothbard sein Konzept gegen die 
staatliche Schule vorstellt. Auch hier gilt, ge¬ 
gen die staatliche Schule haben Anarchisten 
seit Beginn der anarchistischen Bewegung 
theoretisch und praktisch (vgl. auch: Hans- 
Ulrich Gründer: Anarchistische Erziehung in 
Theorie und Praxis, Trotzdem-Verlag 1986) 
Modelle entwickelt, die Libertarians knüpfen 
daran an, meinen jedoch etwas völlig anderes: 

So will Rothbard den Schulmarkt in seiner 
Struktur beispielsweise dem kapitalistischen 
Zeitschriftenmarkt anpassen: 

»Der Zeitschriftenmarkt, der im großen 
Ganzen frei ist, enthält viele verschiedene Ar - 
en von Publikationen, um die unterschiedli¬ 
chen Wünsche und Geschmäcker der Konsu¬ 
menten zu befriedigen: Es gibt landesweit ver¬ 
breitete Magazine, die alle Themen streifen; es 
gibt liberale, konservative und politisch anders 
orientierte Zeitschriften; es gibt spezialisierte 










55 



wissenschaftliche Pubklikationen; und es gibt 
Tausende von Magazinen, die speziellen Inter¬ 
essen und Hobbies wie Bridge, Schach, Hi-Fi 
lisw - gewidmet sind. (. . .) Schaffen wir die öf¬ 
fentlichen Schulenab, wird der freie, vielfältige 
und differenzierte Zeitschriften- und Buch- 
tnarkt sich ergänzen durch einen ähnlichen 
»Schulmarkt«. 

Natürlich finanziert dann jeder »seine« 
Schule selbst, Rothbard problematisiert 
nicht, wie der Zeitschriftenmarkt heute aus- 
sieht und was vergleichsweise dann für Schu- 
Cn zu erwarten wären; auch nicht, wie und 
^ as diejenigen finanzieren sollen, die nicht 
a s Geld dafür haben. Keine Ausbildung? 
Natürliche Auslese< über die >natürliche< Ei¬ 
genschaft des Geldhabens? Im Vergleich dazu 
*st tatsächlich die rigideste staatliche Volksbil- 
Un g, ein Wunschtraum der Sozialdemokra- 
te n, noch fortschrittlicher. Rothbard stützt 
s ich auf Friedman, auf de Mises etc. und wir 
s °ilten den Mythos schleunigst beenden, ihn 
nls »Anarchist« gelten zu lassen, ihn in anar¬ 
chistischen Publikationen als solchen vorzu- 
stc llen. Seine »Spezialität« liegt in der Verein- 
j^hmung des »Konsumenten« für seine ideo¬ 
logischen Zwecke. Im Free World Chronicle 
es chäftigt er sich mit dem (inzwischen wieder 
Wenden) hohen Kurs des US-Dollars. Na¬ 


türlich gibt es für ihn überhaupt kein Problem, 
der Dollar sei nicht überbewertet, weil die Re¬ 
lation zum Gold sowieso nicht funktioniere 
und solange vom Ausland kräftig in die USA 
investiert würde. Die Investitionen halten den 
Dollar hoch, die Importpreise niedrig und 
Rothbard singt seinen Paradies-Song für den 
Konsumenten: »Ihr könnt billiger reisen, ihr 
könnt billigere Import-Waren einkaufen.« 

Erscheint der bisherige theoretische Inhalt 
»rechts«, »prokapitalistisch«; erscheint das 
»libertäre« als nichts anderes als eine reaktio¬ 
näre »Antistaatlichkeit«, gespeist aus ameri¬ 
kanischer Tradition und aus heutigen (Film- 
)Mythen a la John Wayne, so wird die reaktio¬ 
näre Ausrichtung auf den letzten zwei Seiten 
praktisch bestätigt: »Libertarians und Patriots 
vereinigt euch!» Vom 18. bis 20. April 86 war 
das erste US-amerikanische Treffen zwischen 
Libertarians und Patriots in Los Angeles ge¬ 
plant. Der >Minimalkonsens<, den die Liber¬ 
tarians veröffentlichten, enthielt: 

Abschaffung der Einkommensteuer, Privati¬ 
sierung staatlicher Dienstleistungen 

Abschaffung staatlicher Wirtschaftkontrol¬ 
le, Wiederetablienmg des Goldes als Stan¬ 
dardwährung 

Abschaffung des Wohlfahrtssystems und der 
Garantielöhne 

Trennung von Schule und Staat 

Beendigung aller internationalen Hilfelei¬ 
stungen, einschl. Amerikas Rolle als »Welt¬ 
polizist«; warum sollte Amerika dafür gehaßt 
werden, daß seine Steuerzahler dazu gezwun¬ 
gen werden, daß sie die militärische Verteidi¬ 
gung anderer Nationen in Gang halten? 

Unbegrenztes Recht Waffen zu besitzen und 
zu tragen 

Beendigung der staatlichen Überregulierung 
in Bezug auf das Leben der Leute. Die USA 
hat neben der UdSSR und Südafrika die mei¬ 
sten Menschen im Knast — warum? 

Auch diesem Vereinigungs-Wochenende 
konnte man für 149 US-Dollars beiwohnen 
und dem Redner Robert Anton Wilson (!) 
lauschen, dem Autor der berühmten »Illumi- 
natus«-Bücher, womit geklärt wäre, weshalb 
dort anarchistische Floskeln auftauchen und 
weshalb Teile der deutschsprachigen Szene 
»darauf abfahren< können, - sie sollten vor¬ 
sichtiger damit sein. 

Fazit: Die Sprache des Free World Chronicle 
ist elitär, selbstbeweihräuchernd und in ihren 
»Witzen« erstaunlich platt, meist antikommu¬ 
nistisch. Sie gebrauchen Begriffe demago¬ 
gisch, positive wiez.B. »Freiheit« ganz wie die 
hiesigen Christdemokraten, nämlich um zu 
verwirren. Dazu paßt ihr >Ämter-Gehabe< es 
wimmelt von Direktoren, Doktoren etc., 
Selbstgründungen enthalten meist den Begriff 
»Institut« oder »Foundation«. Ihre eigentli¬ 
che Ideologie dreht sich ausschließlich ums 
Geld! Dies beginnt bei solchen Kleinigkeiten 
wie den teuren Treffen oder den Photos von 
Anzug-weißes Hemd-und Krawatte-tragen¬ 
den, ausschließlich männlichen Mitgliedern. 
Es endet bei der Vorstellung vom freien Spiel 
der Kräfte auf dem Wirtschaftsmarkt. Der 
Staat wird überflüssig, nicht weil von unten 
Gegenstrukturen organisiert werden, sondern 
weil das Geld als regulative Macht an seine 
Stelle tritt. Mit Anarchismus hat solch schran¬ 
kenloser Kapitalismus nicht das geringste zu 
tun. Trotzdem kann die Theorie der Liberta¬ 
rians verwirren und bei denjenigen verfangen, 
die Anarchismus mit bloßer Antistaatlichkeit 
verwechseln. Daß die monetaristische Politik 


zutiefst unsozial ist, bedarf angesichts der Ar¬ 
beitslosigkeit z.B. im fast-monetaristischen 
Großbritannien keiner Kommentierung. Die¬ 
sen Makel können die Libertarians auch nicht 
mit neuen »sozialen Fonds« (Alibi-Funktion!) 
verwischen, zumal wenn die Nutzungszwecke 
so zweifelhaften humanen Zielen wie der För¬ 
derung von systemkritischen russischen Stu¬ 
denten dienen sollen. Neben der zentralen 
Rolle der Antistaatlichkeit fällt nur noch der 
ausgeprägte Antikommunismus auf. Im Kom¬ 
munismus ist der Hauptfeind ausgemacht: er¬ 
füllt er doch beide wesentlichen Aspekte der 
Kritik, er ist zentralstaatlich organisiert und 
arbeitet nach staatlicher Wirtschaftslenkung. 
Seine Ausbreitung muß aufs Schärfste be¬ 
kämpft werden und deshalb reagieren die Li¬ 
bertarians genauso psychotisch auf revolutio¬ 
näre Veränderungen an der Peripherie wie die 
Reagan-Administration selbst. 

War der Anarchismus immer ein Versuch, 
einen eigenen Weg zu gehen. Einen Sozialis¬ 
mus ohne Staat, ohne Bürokratie aber eben 
auch ohne kapitalistische Ausbeutung zu 
schaffen, so lehnt sich das »Konzept« der Li¬ 
bertarians ganz an alte kapitalistische Gesetz¬ 
mäßigkeiten an und versucht gleichsam einem 
Superkapitalismus den Weg zu bereiten. 

von Wolfgang Haug 



Anarchistinnen und Anarchisten, die nach neu¬ 
en Wegen und Ideen suchen, sind willkommen, 
sich zu informieren Über ilüS Projekt A. 

Diese Idee hat sich in den letzten Jahren ent¬ 
wickelt und soll in den kommenden Jahren mit 
Gleichgesinnten verwirklicht werden. Aus den 
Fehlem der bisherigen Praxis haben wir versucht 
zu lernen und planen ein großes, stabiles, viru¬ 
lentes und phantastisches Projekt, das uns aus 
der allgemeinen Sackgasse herausführen kann. 
Klingt toll, was? Ist es auch! Allerdings suchen 
wir keine Flippies oder Berufstheoretiker, son¬ 
dern Leute, die was machen wollen. Also; 
rundherum liebe, frustgeprüfte, begeisternngs- 
fahige, realistische Phantastinnen & Phantasten 
— wenn möglich mit Beruf und Ausstattung. 
Wenn Du eine(r) von denen bist, solltest Du uns 
unbedingt anschreiben. 

Das Projekt A, c/o Horst Stowasser, 

Postfach 2672, 6330 Wetzlar 
1,60 DM in Briefmarken bitte nicht vergessen! 









Polemik 

Michael Schneider, einer der Konkursverwal¬ 
ter der 68er-Bcwegung schrieb in einem Arti¬ 
kel über den Frankfurter Thcaterskandal: 
»Wohl gibt es unter den ehemaligen Kriegsteil¬ 
nehmern und unter den Neonazis offene Anti¬ 
semiten, doch es gibt hierzulande keinen Anti¬ 
semitismus als gesellschaftliche Strömung oder 
Tendenz.« Mit dieser Behauptung befindet 
sich Schneider in voller Übereinstimmung mit 
dem Bundeskanzler und seinen Souffleuren. 

Als die Auseinandersetzung um das Fa߬ 
binderstück auf dem Höhepunkt war und über 
den Bildschirm Szenen von der Besetzung der 
Bühne durch die jüdische Gemeinde in den 
bundesdeutschen Wohnzimmern flimmerten, 
waren Moderatoren wie Alexander Mertens 
in der Sendung ASPEKTE zutiefst betroffen 
und er machte aus seiner Betroffenheit kein 
Hehl. Daß die Juden sich das Recht heraus- 
nahmen gegen ein Stück zu protestieren, das 
in ihren Augen antisemitisch ist, veranlaßte 
Mertens, ihnen »Meinungsterror« vorzuwer¬ 
fen und bestätigte dadurch böse Zungen, die 
in der »staatsbürgerlichen Pflicht« immer nur 
Unterwürfigkeit gefordert sehen, nie jedoch 
provozierenden Einspruch. Der von Mertens 
zu diesem »Skandal« befragte Liedermacher 
Biermann blickte mit treudoofen Hundcau- 
gen in die Kamera, griff sich vom Welt¬ 
schmerz geplagt an seine zerfurchte Stirn, 
nicht jedoch um Mertens zu widerlegen, son¬ 
dern ihn noch zu übertrumpfen. Biermann 
sprach von einem »Verbot«, das die Juden 
über das Stück verhängt hätten und das ihn an 


die Praxis in der DDR erinnere; die Dumm¬ 
heit warf ihm dabei einen verliebten Blick zu. 

Um ein geradezu klassisches Phänomen 
handelt es sich hier, um einen hieb- und stich¬ 
festen Beleg für einen »Antisemitismus als ge¬ 
sellschaftliche Strömung«, denn wie Mertens 
oder Biermann denken die meisten. Wenn 
Mertens von »Meinungsterror« spricht, der 
ein unterstelltes öffentliches Interesse an der 
Aufführung des Faßbinderstückes nicht zum 
Zuge kommen läßt, verwechselt er offensicht¬ 
lich die Springerpresse mit der jüdischen Ge¬ 
meinde in Frankfurt, nur daß diesmal die 
Fronten vertauscht waren, denn diesmal war 
es die Linke, die Meinungsterror zum Vor¬ 
wurf erhob, wo sie ihn ausübte. Mertens 
machte sich einen wesentlichen Trick des An¬ 
tisemitismus von heute zunutze: nämlich sich 
selbst als Verfolgten darzustcllen.Unter Ver¬ 
tauschung der Rollen von Opfer und Täter 
sind heute die Deutschen die Verfolgten* da 
an ihnen jedoch so ziemlich jedes Interesse an 
dieser kulturellen Veranstaltung abpralltc- 
,waren die Verfolgten diesmal die deutschen 
Kulturverwalter und Feuilletonisten die in 
der Folgezeit nicht müde wurden, ihrer armen 
Leserschaft ihr Leid zu klagen. Der verwen¬ 
dete Trick war ein alter Hut und man hatte ihn 
schon zu verschiedenen anderen Gelegenhei¬ 
ten erfolgreich ausprobiert. Wenn Biermann 
vom »Verbot« spricht, unter dem in der DDR 
zu leiden er nicht versäumte anzumerken 
dann lauft das, nur mit gröberen Mitteln auf 
das gleiche hinaus, nur daß Biermann noch ei¬ 
nen Schritt weitergeht, indem er den wenigen 


Juden auf der Bühne des Schaupielhauses un¬ 
terstellt, sic seien im Besitz von Staatsgewalt, 
mittels derer sie beliebig Verbote aussprechen 
könnten, ohne sich an irgendeine Rechtspra¬ 
xis halten zu müssen.Was anderes konnten 
diese Argumente bezwecken, als auf die Mo¬ 
bilisierung der öffentlichen Meinung zu hof- 
en, indem man den Gegner zur Terror aus¬ 
übenden und Verbote aussprechenden Staats¬ 
gewalt stilisierte. Adorno schrieb einmal, daß 
Antisemitismus das Gerücht über die Juden 
sei. Hier hat sich seine Vermutung ein weite¬ 
res Mal bestätigt. 

Zu behaupten also, daß der Antisemitis¬ 
mus keine soziale oder gesellschaftliche Basis 
mehr habe, heißt, keinen Begriff mehr davon 
zu haben und vergessen zu haben, was in der 
Linken einmal Konsens gewesen ist, nämlich 
daß im Versteckten selbst ein gefährliches Po¬ 
tential liegt: ». . . das Tuscheln , das Gerücht, 
die nicht ganz offen zutage liegende Meinung 
war von jeher das Medium, in dem soziale Un¬ 
zufriedenheiten der verschiedensten Art, die in 
einer gesellschaftlichen Ordnung sich nicht ans 
Licht trauen, sich regen« (Adorno). In der 
Stunde der Wahrheit aber versteckt sich das, 
was heraus will, ans Licht drängt, nicht langer. 
Lassen sich die Juden nicht mehr alles gefal¬ 
len, schon wird ihnen wieder die Rolle zuge¬ 
dacht, die vor nicht allzu langer Zeit als Be¬ 
gründung für ihre Ausrottung diente. Je 
machtloser die Juden in Deutschland sind, de¬ 
sto größer scheint die Macht zu sein, die die 
Deutschen in ihnen verkörpert sehen und die 
die Juden mit gnadenlosem »Meinungsterror« 
und durch willkürliche »Verbote« mißbrau- 


ismus und Ausländerha 


von Klaus Bittermann 





















dien. Daß die Erkenntnis Schneiders doch 
nicht ganz verkehrt ist, verdankt sich nicht 
dem Umstand, daß es keinen Antisemitismus 
mehr gibt - bekanntlich hat sich die Genera¬ 
tion aus der Ära des Nationalsozialismus nie 
mit ihm auseinandergestzt, wie hätte sie ihn 
dann überwinden sollen? - sondern der Tatsa¬ 
che, daß ihm das Objekt fehlt. Es gibt sie näm¬ 
lich nicht mehr, die Juden in der BRD, und 
wenn einmal eine handvoll von ihnen auf¬ 
taucht und von sich reden macht, hat das 
nichts mehr mit dem zu tun, was einmal war. 
(Von ehemals ca. 500.000 Menschen jüdi¬ 
schen Glaubens leben heute gerade noch un¬ 
gefähr 25.000 innerhalb der BRD und West¬ 
berlin, SF) 

Auf die Dauer sind Ressentiments ohne 
Objekt unbefriedigend. Die Juden wurden 
vernichtet, aber es gibt ja noch die Türken. 
Die Juden leben nur noch in den ausländer¬ 
feindlichen Witzen fort, denen sic als Vorlage 
dienen. Anfang Dezember 85 veröffentlichte 
das Allensbacher Institut für Demoskopie ei¬ 
ne vom Bundesinnenminsiterium in Auftrag 
gegebene Umfrage zur Einstellung der Bun¬ 
desbürger gegenüber Ausländern. Natürlich 
sollte die Umfrage eine Art Indikator für die 
Politik der Bundesregierung sein, dafür, ob 
sic auch die Mehrheit ihrer Bürger hinter sich 
Weiß, wenn sie ihre Politik gegen die Auslän¬ 
der in die legislative Tat umsetzt. Sie hatte! 
Man staunte nicht schlecht, als das zusam¬ 
menfassende Ergebnis vorgelegt wurde. Die 
Einstellung der Bundesbürger gegenüber den 
Ausländern ist »eher freundlich« und keines¬ 
falls ausländerfeindlich. Las man dann nach, 
Worin dieses freundliche Verhältnis eigentlich 
bestand, mußte man sich anschließend fragen, 
was denjenigen wohl blühen würde, zu denen 
die Bürger kein freundliches Verhältnis 
batten. In den verbürokratisierten Worten 
des Unmenschen sprach sich eine satte Mehr¬ 
heit von 75% der Befragten für eine »Begren¬ 
zung des Ausländerzuzugs« aus. Hier hat die 
allseits beschworene Angst vor Ȇberfrem 
dung« und dem daraus folgenden »Verlust der 
ci gcnen Identität« seine Früchte getragen. 
Diejenigen, die sich selbst am fremdesten sind 
und mit ihrer Identität als Deutsche nicht 
mehr hinter dem Berg halten, - eine bereits 
wieder zur Wirklichkeit gewordene Drohung 
wollen mit den Ausländern, die sie eh nicht 
verstehen, nichts zu tun haben. Über ein Drit¬ 
tel der Befragten verbindet mit der »Auslän¬ 
derproblematik« nur »große Schwierigkei¬ 
ten«, und das verheißt nichts Gutes. 


Auch die Linke!? 

Inzwischen steht auch die Linke dem gesun¬ 
den Volksempfinden nichtBmchr nach. In der 
taz zerbrachen sich einige Leute aus der Alter- 
nativszene den Kopf von Zimmermann und 
diskutierten über »Ausländerstop«. Nachdem 
man darauf gekommen war, daß die Linke, 
die von Sozialhilfe, Bafög und dem Kleinge¬ 
werbe lebt, eigentlich in Konkurrenz zu den 
Asylanten steht, fand man den Mut für Aus¬ 
länderstop zu plädieren. Selten waren sich die 
Deutschen so einig, wie zu diesem Thema. Es 
war kein Streitfall mehr und der Konsens des 
Kollcktivbewußtscins wurde von der Linken 
bestätigt: »Daß ich halt weiß , wenn hier zwei 
Millionen Ausländer herkommen und natür¬ 
lich auf die Dauer keine Arbeit finden, dann 
steigen die Sozialkosten . . . das Land vers- 
htnit. Mein Besitzstand wird bedroht.« Es war 


zu Höhepunktszeiten der Friedensbewegung. 
Daß ein Großteil der Bevölkerung mit dieser 
Meinung zumindest sympathisierte, verdank¬ 
te sich dem gleichen Argument, das ein Lin¬ 
ker nun gegenüber den Ausländern geltend 
machte. Was die Linke jedoch dazu veranlaßt, 
über ihren bedrohten Besitzstand und dar¬ 
über, daß sie die Türken nicht verstehen, zu 
lamentieren, hängt damit zusammen, daß sie 
nicht länger abseits der großen Volksgemein¬ 
schaft stehen wollen. Ihre selbstgewählte Re¬ 
duzierung auf die platten Argumente von Re¬ 
gierung und Staat, wenn es gilt sich gegen 
Minderheiten zusammenzuschließen, bedeu¬ 
tet nicht nur das Aufgeben der oppositionel¬ 
len Rolle, sondern auch die Übernahme der 
Verantwortung für das, was hierzulande mit 
den Ausländern geschieht. Wenn, wie vor 
zwei Jahren sechs Ausländer in der Berliner 
Abschiebehaft verbrennen, oder wenn, wie 
vor kurzem einige Skinheads in Hamburg sich 
die Zeit damit vertreiben, Türken totzuschla¬ 
gen, dann kann man heute nicht mehr davon 
ausgehen, daß die Linke gegen diese um sich 
greifenden Praktiken auf die Barrikaden geht. 

Auf dem teach-in im Hörsaal IV der Frank¬ 
furter Universität im Oktober 85 zum Tod 
Günther Sares, handelte es sich nicht um ei¬ 
nen Generationenkonflikt, der die Fronten 
zwischen den Lederbefrackten in schwarz und 
den angegrauten Altlinken mit Bauch aufbre¬ 
chen ließ. Natürlich hatten die GRÜNEN auf 
der Bühne die Eier verdient, die auf sie ge¬ 
worfen wurden, Und nicht nur, weil sie im 
Landtag für die Anschaffung des Wasserwer¬ 
fers gestimmt hatten, mit dem Sare überrollt 
wurde. Wären die GRÜNEN nämlich eine 
bloß reformistiosche Partei, wie ihnen voller 
Erbitterung vorgeworfen wurde, wären sie 
auf rationaler Ebene noch einer politischen 
Überlegung zugänglich. Indem jedoch der auf 
ihre Fahnen geschriebene Naturschutz eine 
mystische Dimension nicht ausschloß und da¬ 
durch eine gewisse Popularität verzeichnen 
konnte, weil durch die Reinhaltung der Natur 
das Volksempfinden gegenüber den Auslän¬ 
dern geschärft wurde, umgaben sich die aus¬ 
gedienten Revolutionäre mit merkwürdigen 
Freunden, die sie mehr als einmal in eine un¬ 
angenehme öffentliche Kontroverse verwik- 
kelten. Insofern waren sich die in den Haaren 
liegenden Kontrahenten auf dem teach-in nä¬ 
her als dem äußeren Anschein nach zu schlie¬ 
ßen. Während nämlich die GRÜNEN noch 
verlegen herumdrucksen, wenn es um den Zu¬ 
sammenhang von Ausländern und Umwelt¬ 
schutz geht, nehmen die antiimperialistischen 
Eierwerfer kein Blatt vor den Mund. Ist ein 
Ausländer, - wie auf dem teach-in geschehen, 
- anderer Meinung wie die wortradikalen Hel¬ 
den, so wird ihm unverblümt gesagt, was sich 
manche GRÜNE nur im Stillen denken:»Du 
Ausländerschwein, hau ab, wo du her¬ 
kommst!« Ging es auf dem teach-in natürlich 
um anderes als um die Freundschaft zu Aus¬ 
ländern, so zeigen doch die Hintergründe und 
Vorfälle am Rande, daß sich die Gegner nicht 
nur in den Haaren, sondern auchin den Ar¬ 
men lagen. . 

Bei dieser Einstellung nimmt es nicht wun¬ 
der, wenn den Ausländern jetzt selbst das 
Recht verwehrt bleiben soll, durch Demon¬ 
strationen auf ihre Gefährdung aufmerksam 
zu machen. Die Allensbacher Studie gibt Aus¬ 
kunft. 56% der Befragten waren dagegen; 
nach Parteiwählern aufgeschlüsselt hieß das: 
70% bei den CDU/CSU-Sympathisanten, 


52% bei denen der SPD, 53% bei der FDP 
und 21% bei den GRÜNEN. Wenn ein Fünf¬ 
tel der GRÜNEN-Wähler, also ein nicht un¬ 
wesentliches Potential, offensichtlich 
wünscht, daß die Ausländer hier keine 
Schwierigkeiten machen sollten, meinen sie 
auch, daß sich die ungebetenen Gäste gefäl¬ 
ligst unterordnen und am besten gleich ganz 
verschwinden sollten. Nicht gerade erfreuli¬ 
che Aussichten für die Ausländer, denn wenn 
die Deutschen als Deutsche auftreten, warten 
sie auf eine Gelegenheit. Und die Gelegenheit 
wird sich finden. 


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Diskussion: 

btr. SF-19: Zu Bookchins Rekommunisierung 

Die im SF abgedruckten Thesen zum libertären 
Kommunlalismus Murray Bookchins versuchen 
zu beweisen, daß nicht die Fabrik, die immer Ort der 
Disziplin und Unfreiheit des arbeitenden Menschen 
war, sondern allein die Gemeinschaft Ausgangs¬ 
punkt für libertäre Aktivitäten sein kann (z.B. in 
kleinen sozialen Netzen oder in der Nachbarschaft). 
Bookehin, dessen Interesse vor allem auf die Ent¬ 
wicklung eines nordamerikanischen Anarchismus, 
der sich aus der amerikanischen Tradition hcrlcitct, 
ausgerichtet ist, geht cs vor allem um eine Wiederbe¬ 
lebung des Image der Kommune, der revolutionären 
Kommune, der Nachbarschaft, des Gemeinwesens, 
in dem die Fabriken Teil der Gemeinschaft sind, an¬ 
statt sich diese zu unterwerfen.« (vgl. Bookchin-In- 
terview; dt. abgedruckt in TRAFIK, Nr.5/82). Die 
Kommune als wichtigster und zentraler Ort freiheit¬ 
licher und gemeinschaftlicher Lebenszusammen- 
hängc gilt als die Grundlage einer ökologischen Ge¬ 
sellschaft, die ethisch auf einem radikalen, nichthic- 
rarchischcn Nalurverständnis und der Gegenseiti¬ 
gen Hilfe beruht. Diese Rckommunalisicrung auf 
derBasis föderativer, scibstvcrwaltctcr Kommunen, 
die ihrerseits aus vielen kleinen, dezentralisierten 
Lcbcnscinhcitcn zusammengesetzt sind, zeichnet 
das Bild von der Einheit in Vielfalt und Vcrschic- 
denartigkeit, von Spontaneität und komplementä¬ 
ren Beziehungen, frei von Hierarchie und Herr¬ 
schaft, in Ausgewogenheit und Harmonie. Book¬ 
chins Plädoyer für eine freiheitlich-soziale Ökologie, 
die die Versöhnung von Gesellschaft und Natur an¬ 
strebt, gründet sich also auf die Gemeinschaft als ei¬ 
nen wesentlichen Orientierungspunkt aller Politik. 

In seinem neusten im Bcltz-Vcrlag 1985 deutsch 
vorliegendem Buch »Ökologie der Freiheit. Wir 
brauchen keine Hierarchien«, gewissermaßen die 
Quintessenz seiner bisherigen Kritik der politischen 
Ökologie, formuliert Bookehin seine gesellschafts¬ 
politischen Vorstellungen einer libertären Bindung 
an Dezentralisation, alternativer und überschauba¬ 
rer Technologie sowie einer freiheitlich-humanen 
Praxis, deren wichtigstes Merkmal die direkte De¬ 
mokratie sein soll. Historische Beispiele einer frei¬ 
heitlichen Urbansicrung sicht er vor allem in der an¬ 
tiken Polis, »eine politische Körperschaft freier Bür¬ 
ger« (SF-19, 3/85), in den mittelalterlichen Gemein¬ 
den, in den Stadtvcrsammlungcn Ncucnglands, in 
den Bczirksvcrsammlungcn und der Pariser Kom¬ 
mune von 1793: »Diestaatsbürgerliche Arena, ob als 
Polis, Stadl oder Nachbarschaft ist der eigentliche 
Ort, menschliche Wesen - über den Sozialisalions- 
prozeß, der von der Familie geleistet wird, hinaus- 
zu zivilisieren.« (SF-19, 3/85). 

Nun läßt sich sicherlich an den eben aufgczühltcn 
historischen Modellen einiges kritisieren. Auch 
Bookehin kann nicht daran vorbcischen, daß das 
klassische Griechenland (Athen im 5. und 4. Jh. 
v.u.Z.) hierarchisch aufgebaut war und ähnlich wie 
das antike Italien, der amerikanische Süden bis 
1865, die Karibik und Brasilien als Sklavenhalterge¬ 
sellschaft zu kennzeichnen ist. Wir wissen, daß die 
Sklaverei in Athen und den anderen griechischen 
Stadtstaaten in wirksamer Weise andere Formen ab¬ 
hängiger Arbeit ersetzte. Angesichts des fehlenden 
freien Arbeitsmarktes wurden Sklaven als Arbeits¬ 
kräfte von außen herangebracht, vor allem dann, 
wenn der inländische Arbeitsmarkt erschöpft war - 
so z.B. nach den Reformen Solons im 6. Jh. Für das 
Zustandekommen dcrgriechischcn Sklavenhalter¬ 
gesellschaft (genaue Angaben über die Zahl der 
Sklaven lassen sich nicht machen; die Schätzungen 
gehen entsprechend auseinander und differieren für 
das klassische Athen zwischen 20.000 und 400.000, 
wobei aber beide Grcnzzahlcn zweifellos unseriös 
sind) sind im wesentlichen sechs Voraussetzungen 
nötig: niedriger Entwicklungsstand der Technik 
privates Grundeigentum, entwickelte Warenpro¬ 
duktion mit gesichertem Arbeitsmarkt, angemesse¬ 
ne Mittel- und Großbetriebe (Manufakturen) hohe 
Organisationsfähigkeit der Wirtschaft und gesicher¬ 
ter Nachschub an Arbeitskräften. 

Fcstzuhaltcn bleibt weiterhin,’ daß gerade im 
klassischen Athen die Bürde der durch nichts zu 
rechtfertigenden Sklavcncxistcnz - trotz aller Ein¬ 
schränkungen - ihrer entwürdigendsten, bclcidi- 













































gcndstcn und unhumansten Wesenszüge entkleidet 
war: Sklaven durften Geldvorräte anlegen, trugen 
die gleiche Kleidung wie ihre Herren und arbeiteten 
auf vielen Ländereien und in zahlreichen Hand¬ 
werksbetrieben Schulter an Schulter mit Freien, bei 
gleicher Verpflegung, Unterkunft usw. 

Auch Bookehin bestreitet den Sklavcnhaltcrcha- 
raktcr des klassischen Griechenland keineswegs, re¬ 
lativiert jedoch das Ausmaß des Sklavenhalter - 
völlig zu Recht, sicht man sich neuere historische 
Forschungen zu dieser Thematik an. Ihm geht cs mit 
seinem Ansatz eines libertären Kommunalismus le¬ 
diglich darum, den Aufbau der griechischen Polis 
und ihre innere Verfassung zu analysieren. Diese 
Vorgchcnswcisc ist berechtigt, da die athenische Po¬ 
lis nur indirekt - allerdings nicht unwesentlich - von 
den Sklavcnhalterstrukturcn abhing; auch diejeni¬ 
gen griechischen Staaten, die keine Polisdcmokratic 
kannten sondern die Tyrannis, basierten auf Skla¬ 
venarbeit: »Der bürgerliche Geist Athens hat seinen 
Ursprung in den Tugenden der freien Bauern, ni#ü 
in der Sklaverei oder im Patriarchat.« (M. Book¬ 
ehin, Die Grenzen der Stadt, Berlin 1977). »Die 
Kleinheit der damaligen politischen Gemeinwesen« 
sowie »die relative wirtschaftliche Genügsamkeit 
dieser winzigen politischen Gemeinden« und nicht 
die Sklaverei sind, so Bookehin, Rüdiger u.a. als die 
eigentlichen Strukturmcrkmalc der antiken Demo¬ 
kratie zu benennen (vgl. auch Helmut Rüdiger, Fö¬ 
deralismus, Berlin 1979). Ausgehend von dieser Ar- 
gumentationskeUe weist Bookehin daher die An¬ 
nahme zurück, das Bild Athens entspräche einer 
Sklavcnwirtschaft, »die ihre Zivilisation und ihre 
großzügige humanistische Weltanschauung auf dem 
Rücken menschlichen Leibeigentums aufbautc« (M. 
Bookehin, Die Formen der Freiheit, Tclgtc-Wcst- 
bcrvcrn/Wctzlar 1977). 

Vcrfassungsgcschichtlich stellte sich die Demo¬ 
kratisierung der griechischen Polis im klassischen 
Athen, auf der Grundlage eines Gemeinwesens mit 
einer breiten Schicht von kleinen Grundeigentü¬ 
mern, die sich nicht in jedem Fall Sklaven leisten 
konnten, durchaus als ein Ideal dar: eine direkte De¬ 
mokratie, in der die Volksversammlung, zu der alle 
Erwachsenen männlichen Vollbürgcr ungeachtet ih¬ 
rer sozialen Abstufung gehörten, ihre Beamten 
durch Los und Wahl bestimmte, über alle wesentli¬ 
chen, aber auch über weniger wichtige Belange der 
fnnen- und Außenpolitik detaillierte Entscheidun¬ 
gen traf und deren Einhaltungen selbst kontrollierte 
oder kontrollieren ließ. Jeder Bürger konnte de jure 
in der Versammlung zu jedem Tagesordnungspunkt 
das Wort ergreifen, Anträge oder Zusatzanträge 
stellen und in der Abstimmung mitcntschcidcn. Das 
oligarchisch-dcmokratischc System Athncs gilt ganz 
allgemein als eine Form der sogenannten unmittel¬ 
baren Vollbürgcrschaft, von der die Frcmdcn,Min- 
derjährigen und Frauen allerdings ausgeschlossen 
blieben. Die Volksversammlung setzte sich zusam¬ 
men aus: Großeigentümern an Land und Manufak¬ 
turen (zahlenmäßig nur wenige, die eigentlichen 
Sklavenhalter) und der großen Zahl der Bürger oh¬ 
ne jedes Eigentum (angewiesen auf Lohnarbeit und 
Diäten) bzw, mit kleinem Eigentum, wirtschaftlich 
zwar selbständig, doch immer in der Gefahr des so¬ 
zialen Abstiegs und der Vcrprolctarisicrung. 

Ohne Frage läßt sich an Bookehins Einschätzung 
der athenischen Polis, in der er kommunalistischc 
Ansätze verwirklicht sicht, nur bedingt fcsthaltcn. 
Nur unzureichend bemüht, die damalige griechische 
Ocscllschaftsstruktur sowie die Existenzbedingun¬ 
gen der attischen Volksversammlung, deren obliga¬ 
torisches Demokratieverständnis nur sehr wenig mit 
dem unsrigen gemein hat - nicht zuletzt aufgrund 
des politischen Ausschlusses aller Frauen, zu analy¬ 
sieren, trennt er unzulässigerweise die Polis von ih- 
rcn Rahmenbedingungen, nämlich einer weitrei¬ 
chenden Sklavcnhaltcrökonomic. 

Weiter versucht Bookehin seinen Ansatz eines li¬ 
bertären Kommunalismus am Beispiel der amerika- 
uisehen Ncu-England-Staatcn (Vermont, ' New 
Hampshire, Maine, Massachusetts, Connecticut 
und Rhode Island) zu verdeutlichen. Auf diesem 
Scchs-Staatcn-Gcbict wurden während der Kolo- 
uial- und frühen Unionszcit seit dem 17. Jahrhun¬ 
dert die ersten amerikanischen Städte und freie, 
bäuerlich-handwerkliche Sicdlcrgcmcinden gegrün¬ 
det, »um gemeinsam den Frieden zu wahren und sich 
Zu schützen« (Schibei, Das Alte Recht auf die neue 
Gesellschaft, Frankfurt 1985). Diese politisch sclbst- 
'[crwaltctcn Kommunen versorgten sich wirtschaft¬ 
lich weitgehend selbst. Möglich war dies vor allem 
lr tfo|gc der schnellen Besiedlung des Landes und ci- 
ncr schwachen Zcntralgcwalt. 



Für Bookehin besteht auf diesem Territorium 
seit ca. 300 Jahren eine ausgewachsene Tradition 
kommunaler Autonomie und gegenseitiger Hil¬ 
fe. Diese basiert auch auf den Erfahrungen der eng¬ 
lischen Revolution des 17. Jahrhunderts sowie der 
amerikanischen Revolution mehr als ein Jahrhun¬ 
dert später. Geprägt ist dieser offene Munizipalis¬ 
mus durch eine Tradition von starken Gemeindever¬ 
sammlungen, öffentlicher Kontrolle und weitge¬ 
hend geminderten Staatsaktivitäten. Hierzu ist aller¬ 
dings zu bemerken und darauf geht Bookehin nicht 
ein, daß auf den sogenannten Town mcctings, den 
Stadtvcrsammlungcn, lediglich die Mehrheit der 
freien, weißen Männer stimmberechtigt tcilnchmcn 
durfte - die Mehrheit der Bevölkerung, Frauen, 
Schwarze und Indianer blieben von diesem Glcich- 
heitsgrundsatz ausgeschlossen. Auch der Aspekt der 
fragwürdigen Lynch- bzw. Volksjustiz, der unter die 
Sclbsttätigkcit der amerikanischen Communitics 
fiel, bleibt bei Bookehin unerwähnt. 

Gleichwohl ist cs ein Verdienst Bookehins auf die 
amerikanische Community-Bewegung hingewiesen 
zu haben, auf deren Tradition er seinen libertären 
Kommunalismus, zusammen mir einer »höchst be¬ 
wußten, gut organisierten und programmatisch ein¬ 
heitlichen libertären Bewegung« (SF-19, 3/85) in 
Richtung seiner Utopie einer Konföderation freier 
Kommunen aufzubaucn versucht. Bemüht, nicht 
mehr ausschließlich in den Maßstäben der spani¬ 
schen, russischen oder französischen Revolution 
denken zu müssen, bezieht er auch die - wenngleich 
nicht ungebrochenen - frcihcitlich-kommunalisti- 
schcn Erfahrungen der amerikanischen Revolution, 
der antiken Polis sowie der mittelalterlichen Dorfge¬ 
meinden in sein Denken ein. Seine These, daß cinc- 
kommunalistischc Tendenz im Anarchismus schon 
immer bestanden hat, läßt ihn den munizipalisti- 
schcn Faktor, neben dem syndikalistischen und indi¬ 
vidualistischen, mindestens als gleichwertig ansc- 
hcn. 

Bookehin strebt also die (Rc-)Kommunisicrung 
auf basisdemokratischer, libertärer Grundlage an 
und will hierzu die örtlichen Befugnisse stärken: 
»Ich möchte dabei den Anarcho-kommunalismus 
zusammen mit ökologischen und feministischen Fra¬ 
gen, mit den bestehenden Anti-Atom-Fragen und in 
Verbindung mit den öffentlichen Institutionen in der 
Gemeinschaft verstanden wissen« (Bookchin-Inlcr- 
view; Trafik 5/82). Nicht nur in den USA, auch in 
Europa und in der BRD sieht er realistische Mög¬ 
lichkeiten. »eine lokalistischc, auf der Ebene der 
Nachbarschaft, der Gemeinde, der Stadt verankerte 
Bewegung in ähnlichen Formen, wie sic in Neueng- 
land existieren . . . nach Regionen konföderativ or¬ 
ganisiert, bis hin zu einer Organisation auf der Ebe¬ 
ne der Länder oder des Bundes« zu entwickeln (M. 
Bookehin: Parteipolitik oder populistische Politik, 
in: Kommune 1/85) 

Bookehin entwirft, auf der Basis der Kommuni- 
sicrung, sein Konzept einer Dualmacht,»organisiert 
als Föderation von Nachbarschaften, Gemeinden, 
regionalen Gruppen und Städten, die als Gcgcngc- 
walt zu der wachsenden Macht des zentralistischen 
Staates und der Unternehmen auflrctcn könnte«. 
(Ebd.) Eine andere Alternative, eine andere Arena 
des Wirkens als diejenige der Wiederbelebung der 
freiheitlichen, dezentralisierten Kommune, die er in 
den Gemcindcrätcn, den regionalen städtischen 
Netzwerken, der Nachbarschaft und in den Gemein¬ 
deversammlungen der einzelnen Stadtteile begraben 
glaubt, sieht Bookehin zur Zeit nicht. 

Siegbert Wolf, Frank¬ 
furt 


btr.SF-19 Bookehins-Thesen 

Die Diskussion um Murrays Ncuansatz anarchisti¬ 
scher Praxis muß noch erheblich wcitcrgchcn; sic 
muß vor allem noch konkreter werden. Ich habe auf¬ 
grund meiner Vorbehalte gegenüber dem Klassen¬ 
kampfdenken als der einzig gcscllschaftsverändcrn- 
den Kraft zunächst große Sympathien mit Book¬ 
ehins Ansatz und Zielvorstcllungen. Aber seine Bei¬ 
spiele sind meines Erachtens noch weniger haltbar, 
als dies in Siegbert Wolfs Kritik zum Ausdruck 
kommt. Man könnte sich fragen, ob Murray cs sich 
nicht einfacher machen sollte und die konkrete hi¬ 
storische Praxis besser außer acht ließe. Er könnte 
das Prinzip der Bürgerversammlung hcrausstcllcn 
und als Modell ausbauen; er könnte die Fehler theo¬ 
retisch ausschließen, könnte über die Glcichbcrcch- 









la 


tigung der Geschlechter und Rassen als genauso not¬ 
wendige Voraussetzung für eine egalitäre Gesell¬ 
schaft schreiben, wie cs der gleiche Zugang zu den 
Produktionsmitteln, Rcichtümcrn, Ressourcen, Ei¬ 
gentum an Land etc. wäre. Aber er tut es nicht. War¬ 
um? 

Wenn man die Fehler theoretisch ausschlicßen 
will, müßte man die Bedingungen benennen, die 
notwendig wären, um eine wirklich libertäre Gesell¬ 
schaftsform auf kommunalistischer Basis zu errei¬ 
chen. Man müßte sich klar machen, wie die Gleich¬ 
berechtigung der Geschlechter, die der Minderhei¬ 
ten etc. erreicht und institutionalisiert werden kann. 
Dies auszuarbeiten wäre vermutlich für Murray kei¬ 
ne wirkliche Aufgabe. Seine Ökologie derFreiheit 
müßte allerdings weit mehr ins Detail gehen und da¬ 
für auf die philosophischen Aspekte stärker verzich¬ 
ten. Noch weiter von seinem Konzept weg, müßte 
er, wollte er die Bedingungen konkretisieren, wie 
die Selbstjustiz vermieden, welche gesellschaftliche 
Kontrolle (Kontrolle, die noch dazu wieder direkt 
überprüfbar, kontrollierbar sein müßte, um nicht er¬ 
neut Machtinstrument zu werden!?!) zulässig wäre 
und cingcführt werden müßte. Es würde ihm auch 
schwerer, müßte er nachwcisen, daß für die Freiheit 
zu Versammlungen gehen zu können wirklich kein 
anderer (Sklave, Lohnarbeiter, Gastarbeiter etc.) zu 
arbeiten hat. Es steht ferner zu vermuten, daß für die 
Ämterübernahme in einer Polis-frcicn Gesellschaft 
trotz Diäten doch nicht wirklich jeder in Frage kom¬ 
men konnte, denn wer würde den Boden eines 
Kleinbauern (ohne Sklaven) in der Zwischenzeit be¬ 
arbeiten? 

Diese Fragen sind natürlich durchaus lösbar und 
es wäre sinnvoller, gerade diese widersprüchlichen 
Fragen der historischen Beispiele herauszufiltern 
und an sic weitergehende Überlegungen anzuknüp¬ 
fen. Wenn Bookchin bestimmte Probleme eher hcr- 
unterspielt, will er vermutlich - gegenüber der zu 
überzeugenden Öffentlichkeit - darstellen: seht her, 
cs hat alles schon gegeben, cs hat alles schon funktio¬ 
niert, cs gibt Traditionen, die wir neu beleben kön¬ 
nen - und: sic liegen gar nicht so weit von eurem all¬ 
täglichen gewöhnten Lcbenstil entfernt; cs bedarf 
keiner Revolution oder sonstigem Umsturz, ihr 
müßt nur aktiver werden. Keine angst, es passiert 
euch nichts, die Anarchisten sind keine Menschen¬ 
fresser. . .< 

Das ist natürlich übertrieben und vielleicht zu 
sarkastisch, aber die einzige Erklärung, die ich dafür 
finde, warum er nicht gerade an den Widersprüchen 
weiterbohrt, um sein in den Ansätzen richtiges Kon¬ 
zept zu vervollständigen, um cs zu einer tatsächli¬ 
chen libertären Alternative zu machen, die eben 
noch nicht und noch nie verwirklicht war, die cs aber 
nichtsdestotrotz zu verwirklichen gilt, will man die 
menschcngcrcchte Gesellschaft ohne neue Opfer' 
aufbaucn. Daß Bookchin nicht in diese Richtung 
denkt, hat sich auch bei der FLI-Diskussion mit ihm 
in Frankfurt 1985 gezeigt. Die historische Praxis 
scheint ihm für sein Konzept unentbehrlich, also 
verteidigt er sic. Lassen wir uns weiterhin auf diese 
Diskussion ein, führt sie uns auf ein Abstellgleis, - 
denn letztlich ist cs für unsere zukünftige Praxis un¬ 
wichtig, wie demokratisch oder feudalistisch oder 
patriarchalisch die Griechen Athens waren. Wichtig 
ist, ob wir uns heute die Bedingungen für einen prak¬ 
tischen und theoretischen libertären Kommunalis¬ 
mus schaffen können, der die Gesamtgcscllschaft 
und ihre Veränderung (über Gegenmacht?) genauso 
im Auge behält, wie die alltäglichen, zwischen¬ 
menschlichen Beziehungen oder die Bcsitzverhält- 
nissc.?? Eine Diskussion darüber brächte uns auch 
näher an die allseits (Graswurzclrcvolution, Projekt 
A, DFG) gestellte Forderung nach einer »Aktuali¬ 
sierung des Anarchismus«; - näher jedenfalls als dies 
in den Absurditäten eines Michael Lcisching (»Plä¬ 
doyer für eine Neue Rechte: Anarchisch aristokrati¬ 
sche Allianz«, DFG 13/14,1985) oder den »Gcnuitä- 
ten« eines Rolf Cantzen (»Der Anarchismus ist tot, 
cs lebe der . . .«, cbd.) zu finden ist. 

Wolfjgang Haug, Grafenau 


btr.: »Völker ohne Regierung« in SF 20 

Zum besseren Verständnis des Nachfolgenden will 
ich vorausschicken, daß mein Interesse am Anar¬ 
chismus über eine Beschäftigung mit dem Ge-' 
schlcchter-Konflikt entstanden ist. Folge davon war 
mein derzeitiges Engagement in der Männer-Bewe- 
gung, wobei ich feststellte, daß - wie zuletzt auf den 
Hamburger Männertagen — bei bewegten Männern 



eine hohe Sensibilität vorhanden ist, was Struktu¬ 
ren, Apparate, Podien, Gurus, Vorbctcr, Staat und 
auch Parteien etc. betrifft: Eine große Menge lehnt ‘ 
das - teilweise ganz schön emotional - ab. Das ging 
in Hamburg so weit, daß Männer, die in irgendeiner 
Form >für andcrc< sprachen, regelmäßig daraufhin¬ 
gewiesen wurden, daß >die anderem für sich selbst 
sprechen könnten. Diese anti-autoritäre Haltung ist 
auch in meinem Männer-Zusammcnhang ein von al¬ 
len vertretenes Bedürfnis. Unsere Namensgebung 
plus Symbolik zeigt das anschaulich: >Brandungcn<, 
der ruhige weite Ozean, >wo Felsen ragen, soll Oze¬ 
an flicßcn<, »Die Zärtlichkeit muß größer sein als ein 
Elcfant<, >Die in Sehnsucht leben, wachsen zu Ric- 
scn<. Schon der Name >Männe rgruppe< verfiel der 
Ablehnung - cs sollte einfach heißen >Männcr aus 
Karlsruhe und Umgcbung<. Ein >Vorstand<, ein 
>Programm<, »Mehrheitsbeschlüsse wären undenk¬ 
bar. 

Diese Sensibilität und Ablehnung von allem, was 
nach HERRschaft bzw. deren Attribute riecht, 
kommt meines Erachtens aus einem Bedürfnis her¬ 
aus, zumindest individuell aus seinem eigenen »Pa¬ 
triarchat aussteigen zu wollen. Ich befinde mich - 
ganz und gar behaftet mit patriarchalem Denken, 
Fühlen, Verhalten, Tun, Sprechen, Körpersprache 
etc. — in einem permanenten Widerspruch, der als 
»innere Zcrisscnheit« bezeichnet werden kann. Ich 
sehe meine eigene Sehnsucht nach »Strukturlosig- 
kcit< als einen Versuch, aus dieser Zcrisscnhcit her¬ 
aus ans andere »rettende Ufer« zu kommen. Insofern 
war cs für mich logisch, Interesse für eine Theorie zu 
zeigen, die vorgibt, die »Herrschaftslosigkeit< zum 
Ziel und Inhalt zu haben. Solcherart hochgespannte 
Erwartungen waren bald herb enttäuscht, zumal ich 
fcststellcn mußte, daß anarchistische Hcrrschaftslo- 
sigkeit noch längst nicht HERRschaftslosigkcit sein 
muß. Es liegt mir nicht daran, den SF in Bausch und 
Bogen zu verdammen, doch drängt sich nach Durch- 
lcscn mehrerer Nummern der Eindruck auf, daß 


auch hier nur die Befreiung der Männerhälfte des 
Himmels zur Debatte steht. Und hier wäre ich bei 
Barclay, »Völker ohne Regierung«, wo in geradezu 
klassischer Weise diese Glcichsctzung »Befreiung = 
Befreiung der Männer« vorgeführt wird. 

Schon bei der Definition von »Anarchie« elimi¬ 
niert Barclay den Geschlechterkonflikt: »Anarchie 
= Gemeinwesen ohne Herrschaft, d.h. ohne Regie¬ 
rung und Staat - Punktum - Und das, obwohl Bar¬ 
clay dann zweimal — wenn auch verharmlosend - da¬ 
von spricht, daß in den »wilden Stämmen« die »Vor¬ 
herrschaft der alten Männer« angetroffen wird 
(S. 44), bzw. die 4 Führertypen »Großer Mann«, 
»Heiliger Mann«, »Techniker« und »Alter Mann« hcr- 
ausarbeitet. Barclay war also die Existenz der Gc- 
schlcchtcruntcrdrückung bekannt. In seiner Wcrtc- 
Skala bzw. Bewertung war sie jedoch so niedrig cin- 
gestuft, daß er glaubte, sie vernachlässigen zu kön¬ 
nen. 

Der Frankfurter Ethnologe Klaus E. Müller hat 
in »Die bessere und die schlechtere Hälfte« (Campus- 
Verlag, 1984) mit einem irrsinnigen Tatsachenmate¬ 
rial nachgcwicscn, daß eben der Geschlechter-Kon- 
flikt ein universales Phänomen darstellt, dessen 
Grundzügc - unabhängig von ihrer Kultur- und 
Epochenzugehörigkeit - weltweit übereinstimmen. 
Er hat die männliche Suprematie sehr differenziert 
für die wildbcutcrischen-, Pflanzer-, hirtennomadi¬ 
schen-, bäuerlichen- und städtischen Gesellschaften 
dargestellt. Hinsichtlich der Erkenntnisse über die 
Pflanzer- und Wildbeuter-Gesellschaften erinnert 
mich vieles an die Erkenntnisse Barclay’s. Mit dem 
entscheidenden Unterschied allerdings, daß ich 
nach der Müller-Lektüre diese frühen Gesellschafts¬ 
formationen niemals als >egalitär< oder gar »Beispiele 
von Anarchien« bezeichnen könnte. Barclay kann 
das offcnsichlich, verrät aber dadurch, daß er >egali- 
tär< und >Anarchie< nur auf die Gruppe der Männer 
bezieht und die Gruppe der Frauen und die Bezie¬ 
hung der Geschlechter ausklammert. Ich will durch 
diesen Leserbrief erreichen, daß in den Begriff und 
die Praxis »Anarchie« die historisch älteste, universal¬ 
ste und am massenhaftesten und grausamsten auf tre¬ 
tende Form der Unterdrückung , nämlich das Patriar¬ 
chat bzw. die männliche Vorherrschaft, cingcbracht 
wird. 

Mein Standpunkt hierbei ist ein männlicher: Weil 
ich mich nicht nur als Täter sondern auch als Opfer 
des Patriarchats erlebe, fühle und begreife. Insofern 
wäre Anarchie im engeren Sinne ein Gemeinwesen 
ohne HERRschaft, d.h. ohne Geschlechteruntcr- 
drückung, ohne Regierung und ohne Staat. 

Ich habe in dieser allgemeinen Definition das 
Wort »Patriarchat« bewußt vermieden, weil ich - so¬ 
wohl auf die ferne Utopie als auch auf die lebbarc 
Utopie bezogen - das Matriarchat als Form der Gc- 
schlcchteruntcrdrückung ablehnc. Gleichwohl tritt 
HEUTE die Geschlechterunterdrückung weltweit 
als Patriarchat auf, sodaß sich aktuell die anti-autori¬ 
täre Opposition gegen Patriarchat und Staat und Re¬ 
gierung richten sollte. An einem Meinungsaustausch 
mit SF-Lcscrinnen und Lesern wäre ich interessiert, 
deshalb die vollständige Adresse: 

Wolfgang Ratzel 
Lachnerstr. 18 
7500 Karlsruhe 



Organ der Freien Arbeiter Union F.A.U. 
(Anarcho-Syndikal isten) 
angeschlossen an die Internationale 
Arbeiter Assoziation I.A.A. 


Preis pro Exemplar DM 1,50, ab fünf Stück DM^l , 05 
Abonnement: sechs Ausgaben DM li? 
zwölf Ausgaben DM 28,“T(Vor3USÜberweisung) 
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Die Direkte Aktion erscheint zweimonatlich. 


Redaktionsanschrift 5 


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6110 Dieburg 



















































I btr.: »Die Denunziation des Anarchismus 24mal inj 
I der Sekunde«in SF-19 

(...) eine kurze Anmerkung zu Auberg: wenn nicht 
ein Freund kurz zuvor Ähnliches geäußert hätte, 
hätte mich diese - offensichtlich ja auch mögliche - 
Beurteilung völlig überrascht. Ich wäre von selbst 
auch nicht drauf gekommen. 

Meine Eindrücke sind in der Erinnerung nicht 
immer dctailgctrcu, so habe ich die meisten Namen 
vergessen. Ich habe den Film vor einem Jahr in Ber- 
^ lin gesehen — aber cs ist ja vielleicht auch interessant 
zu sehen, was eigentlich übrigblcibt. . .Ich habe sei¬ 
nerzeit Besprechungen gelesen, u.a. eine im SPIE-\ 
GEL , den ich mir damals noch antat, und war sehr 
angetan. Vor allem auch davon, daß der »Held«, To- 
nino, als außerordentlich häßlich beschrieben wur¬ 
de, für mich dann ein starkes Motiv, da reinzugehen. 
Wie groß dann meine Enttäuschung, als ich ihn au¬ 
ßerordentlich anziehend erleben mußte! Doch das 
ist natürlich Geschmacks- und sowieso Nebensache. 
Wenn auch nicht ganz unwichtig, ob einem Schau¬ 
spieler gefallen, oder ob sic selbst ihrer Rolle wider¬ 
sprechen. (So habe ich auch die Schauspieler von 
Sacco und Vanzetti vor Augen, — sie prägen, als An¬ 
archisten, die zur Identifikation cinladcn einen 
Film, den ich deshalb natürlich auch anders cin- 
schätzc als Jörg Auberg). 

Aber Tonino war nicht das einzige, was mir an Li¬ 
na Wcrtmüllcrs »Film de amorc c de anarchia« ge¬ 
fiel, genaugenommen gefiel mir alles, den Titel ern- 
geschlossen. - Der filmische Auftakt, ebenso wie 
der inhaltlich-historische, waren, wie ich meine, 
überzeugend: Tonino versteckt Michele, unterhält 
sich mit ihm, bindet sich auf einer ganz und gar per¬ 
sönlichen Ebene an ihn - eine Bindung, die nicht 
vom Tod aufgehoben wird, sondern hier erst zum 
Tragen kommt, wenn cs Tonino übernimmt, Miche¬ 
les Sache zu Ende zu führen. Damit ist auch zurei¬ 
chend der anarchistische Charakter des »Helden« 
definiert: cs ist eine persönliche und emotionale Be¬ 
ziehung zu einem Menschen, die ihn aufrüttclt; er 
entscheidet sich spontan zum Handeln; und er löst 
auch gleich, ebenso spontan, die Gcwaltfragc für 
sich. So einfach ist das manchmal, wenn auch leider 
nicht für uns. Aber deswegen handeln wir ja viel¬ 
leicht auch nicht, sondern gehen ins Kino oder 
schreiben an die Redaktion vom SF. Tatsächlich hat 


■ i« cs versäumt, eine Schulung mitzuma- 
ler eine für Sympis noch für Kader. Auch 
säumt, die roten und schwarzen Klassiker 
nd zu exzerpieren, und außerdem fehlt ihm 
Ansatz zur Klassenanalysc, ohne die sowic- 
jeht, und mit der offensichtlich noch weni- 
Iatsächlich kann er nicht mal mit dem Eti¬ 
kett des »Anarchismus« was anfangen. Eine wun¬ 
derbare Persönlichkeit wie ich finde; keinem Pro¬ 
gramm kommensurabel. Er lebt einfach seine Ent- 

( Scheidungen - und ist es nicht genau das, was die 
Anarchisten ausmacht, was wir an den Alten bewun¬ 
dern, an Augustin Souchy z.B., oder ich denke an 
die Todesanzeige, die ich in der taz las, für Curt Mo- 
cller, den ich nicht kannte, der durch' sein unbeirrtes 
Leben »ein Stück Bestätigung der anarchistischen 
Utopie« war? Eben auf dieses unbeirrte Leben setzt 
die Anarchie, nicht auf Mitgliedsbücher, Führer 
oder ZK’s. Und so wird auch die Utopie weitergetra¬ 
gen, nicht durch Programme und trotz der offen¬ 
sichtlichen (und zweifellos bedauerlichen) hoff¬ 
nungslosen Mängel im Bereich der Gescllschafts- 
analyse, wie sie Günter Hartmann in der SF-Sonder-; 
nummer Arbeit zutreffend benennt. 

Auch Toninos Entscheidung zum Handeln er¬ 
folgt nicht auf einen Befehl oder zumindest ein Si¬ 
gnal von oben, es ist die unumgängliche Konsequenz 
der eigenen Lebenshaltung. Gut, daß es so Leute 
gibt Es gab sie auch in Deutschland, ich erinnere an 
Georg Elsncr, der Hitler leider nicht umbrachte. Ein 
unwichtiger Mann mit einem lächerlichen Fehler, 
der zu seiner Verhaftung führte, und doch gewichti¬ 
ger in der Waagschale der Geschichte als die staat¬ 
lich gefeierten Scheinriesen des 20. Juli, die, nach¬ 
dem sic Millionen Menschen in den Tod befohlen 
hatten dennoch nicht den eigen riskieren wollten, 
durch den das Attentat gelungen wäre. 

Die Entscheidung zur Handlung ist für Tonino 
zugleich eine zur Gewalt. Auf einer sehr einfachen 
Ebene setzt sich die Erkenntnis durch, daß man den 
Faschismus auch dadurch besiegen muß, daß man 
seine Lcitfiguren umbringt. Der Faschismus hat 
auch deshalb gesiegt, weil das entweder nicht er¬ 
kannt wurde oder die Konsequenz mißlang. Die ge¬ 
feierten Offiziere des 20. Juli warteten Jahre, bis die¬ 
se Erkenntnis ihnen zur Praxis werden sollte; dieser 
einfache Bauer entscheidet sich erheblich schneller 
- obwohl er sich der Geschichte ziemlich mühelos 
hätte entziehen können. 


Die Gewaltfrage ist natürlich für die Anarchisten 
ein heißes Eisen, man hat das hundert Jahre währen¬ 
de Gezeter im Nacken. Ich denke da auch an die 
Naivität Augustin Souchys, der 1936 in Barcelona 
gestehen muß, daß er nicht weiß, wie ein Gewehr 
funktioniert, und der dann, die Rundfunk- und 
Schreibtischarbeiten machen darf; ich denke auch 
an die vehement vorgetragenen Versuche des alten 
Augustin, den scharfen Trennungsstrich zwischen 
Gewalt und Anarchie zu ziehen, Im SPIEGEL 1983, 
im SF oder im Streit mit Clara Thalmann im Film der 
Medienwerkstatt (was an meinem Respekt und an 
meiner Zuneigung zu Augustin gerade in seiner pa¬ 
zifistischen Naivität nichts ändert); ich denke auch 
an Emma Goldman, die in Petrograd am Fenster 
steht und sieht, wie die geschlagenen Arbeiter von 
der GPU abgeführt werden, die Kronstadt hautnah 
erlebt und die von Machno gerufen wird und - Brie¬ 
fe schreibt, an Sinovev z.B., ausgerechnet an Sino- 
vev! Wie sehr wünschte man sich, auch noch im ver¬ 
geblichen Nachhinein, ein solches Bekenntnis zur 
Gewalt, wie es dieser italienische Bauer zeigt. Und 
tatsächlich gelingt der Sieg über den Faschismus nur 
über Mussolinis Tod; als die italienische Armee in 
ihrer Niederlage dies auch begreift, ist der Faschis¬ 
mus dort erledigt. 

Das Bordell als Rahmen des Geschehens zu neh¬ 
men, finde ich außerordentlich reizvoll. Natürlich 
begegnet man den ersten Bildern mit einem span¬ 
nerhaften Blick, aber das ist schnell erledigt. Es gibt 
überhaupt keine Berühningsängstc; unter einem li¬ 
bertären Blickwinkel erhalten die hier lebenden und 
arbeitenden Frauen — von außen nur abstrakte Grö¬ 
ßen der Verachtung, der Neugier oder der Bewun¬ 
derung — ihre eigene Individualität zurück, in einer 
ziemlichen Bandbreite. Es gibt plötzlich die scharfen 
Grenzziehungen nicht mehr, es gibt nebeneinander 
die Geilheit und die Zärtlichkeit, die Gewalt und die 
Liebe, den Faschismus und das feingesponnenc Netz 
des Widerstands, Denunziation und Solidarität, un¬ 
ter einem Dach, sogar auf einem Motorrad mit Bei¬ 
wagen. Und: eine so einfühlsame und zärtliche Be¬ 
schreibung einer Liebe wie der zwischen Tripolina 
ui*!rt Tnnino gelingt nicht immer im Film. 



















* ALTE AUSGABEN DES SF: 

Ab und zu hält sich hartnäckig das Gerücht, eine be¬ 
stimmte Nummer des SF-etwa die Kulturnummcr— 
sci vergriffen. Ursache geben linke Buchläden, die 
den SF nicht nachbcstcllcn, wenn das abonnierte 


Kontingent ausverkauft ist. Fordert die Ladenma- 
eher/innen deshalb auf, den SF nachzuordern; falls 
cs aus welchen Gründen auch immer nicht gelingt, 
wendet euch direkt an uns; gültig ist in jedem Fall die 
unten wiedcrgcgcbcnc Liste: alle dort inhaltlich wie- 



dcrgcgcbcncn Nummern sind noch lieferbar. Um 
neueren Abonennten die Gelegenheit zu geben, ihre 
Sammlung zu vervollständigen und bei Bekannten 
und Interessierten zu einem günstigen Preis für den 
SF zu werben, machen wir folgendes Angebot: Für 4 
alte Ausgaben schickt ihr uns 10 DM (Schein, Über¬ 
weisung, Briefmarken). Welche Nummern ihr ha¬ 
ben wollt, schreibt ihr dabei. Zur besseren Orientie¬ 
rung hier die Inhaltsangaben der noch lieferbaren 
Ausgaben; zusätzlich haben wir eine mit Anmerkun¬ 
gen, Register, Vorwort, Rezension etc. kommen¬ 
tierte »Nostalgie«-Auswahlnummer« zusammcngc- 


Nr.14: (64 Seiten) 

★ Arbeit, Entropie, Apokalypse und 35-Stundcn- 
wochc ★ Geheimer NATO-Stülzpunkt auf den Fü- 
rörn * Cruisc auf U-Boote - NATO-Plänc ★ Euro¬ 
pawahlboykott ★ Antipädagogik contra Libertäre 
Pädagogik ★ Gesell-Diskussion ★ Das letzte Inter¬ 
view mit Augustin Souchy; + Filmbesprechung Die 
lange Hoffnung ★ Aufruf an Anarcha-Fcministin- 
nen ★ Kritik an den Ökolibcrlären u.v.a.m. 

Nr. 15: (64 Seiten) 

★ Kulturnummcr? ★ FLI-Treffen (Lutter) ★ Auto- 
malisicrungsdcbattc ★ Interview mit A. Gorz ★ 
Frau-Mann-Maschinc ★ Hacker ★ Pädagogik-Dis¬ 
kussion ★ F. Ferrer ★ Anti-Kricgs-Muscum, ein In¬ 
terview ★ Europawahlnachschlag ★ Migros-Oppo- 
sition ★ Projcktcmcssc ★ Souchy: Mexiko ★ Rei¬ 
mers: Oskar Kanchl ★ Faschismus-Antifaschismus 

★ S.Gesell-Diskussion ★ Omori ★ Libertäre Co¬ 
mics ★ Venedig Vcranstallungsplan ★ u.v.a. 

Nr. 16: (64 Seiten) 

★ Venedig-Berichte (5 Teile) ★ Feminismus und 
Anarchismus (Vortrag aus Venedig) ★ 1984 = Die 
Ware (J. Clark-Vortrag aus Venedig) ★ Zur Wende 

★ IWF-Kritik ★' Kolumbicn/Sclbstverwaltung ★ 
»Alommüllpricstcr« ★ Buko-Bcricht ★ Oskar M. 
Graf * »Bakuninhüttc« - Erinnerungen von Fritz 
Scherer ★ Nachruf auf Otto Reimers ★ Slowasscr- 
Prozeß ★u.v.a. 

Nr. 17: (64 Seiten) 

★ A-Szene ★ Industrialismus-Kritik, Teil 1 (Ansatz 
von AlvinTofflcr) ★ Sozialstaat oder Marktanarchie 

★ Bookehins Natur- und Evolutionsverständnis ★ 
Menschenrechte ★ Chilc-Widcrstandstagc ★ Puerto 
Rico Landbesetzungen ★ Angst des Bürgers vor 
dem Anarchismus (Casas Viejas) ★ »Nährbodenfor¬ 
schung« Nconazis ★ Spuren der Besiegten (Rcz.) ★ 
Zcitschriftcnschau ★ u.v.a.m. 

Nr. 18: (64 Seiten) (Kulturnummcr) 

★ Theater im Zeitalter totaler Mcdicnwclt ★ Vidc- 
ofront ★ Kultur oder wat? ★ Wider die Vcrcinnah- 
mung ★ Über Carl Einstein; mit seiner Rede über 
Durruti ★ Das andere Amerika (Filme) ★ Jean Vigo 
(Filmemacher) ★ Streit um den CNT-Nachlaß ★ 
Tschcrnyschcwski: Verwertung von Politik und Kul¬ 
tur ★ Hcrrschaftskultur: Reise in irische Knüste ★ 
A-Szene (FLI, AFN, »Volksfront«), u.v.a.m. 

Nr. 19: (64 Seiten) 

★ Unruhen in Griechenland ★ Entstehungsge¬ 
schichte der PASOK ★ Raus aus der NATO? ★ 
Thesen für einen libertären Kommunalismus ★ Kri¬ 
tik der Toffler-Thesen ★ BTX ★ Reise in irische 
Knaste, Teil 2 ★ Einstellung der Zeitschrift »An¬ 
schläge« ★ Kritik der Subkultur (Punk und Ökob¬ 
ank) ★ Anarchismus und Mystik ★ Urachcr Kom¬ 
mune 1919 ★ Frauen in derFAUD 1919-1933 ★ An- 
archafeminismus ★ »Liebe und Anarchie« 

Nr.20: (64 Seiten) 

★ Anti-NATO-Kongreß ★ Militarisierung der USA 
und UdSSR ★ Bruch mit den GRÜNEN ★ Sarc/taz- 
hh ★ Unruhen in Spanien ★ Interview mit Clara 
Thalmann (I) ★ Deutscher Kolonialismus ★ Bar- 
clays Anthropologicansatz ★ Postmoderne ★ Dis¬ 
kussionsteil etc. 


Für SF-Interessierte! 

Für die Lescr/inncn hat der Regenbogen- 
Konkurs auch seine guten Seiten; wir beka¬ 
men überraschenderweise alte SF-Nummern 
zurück, die bei uns längst vergriffen waren, 
wer sich dafür interessiert kann auch wieder 
folgende Nummern als Bestandteil des Vie¬ 
rerpäckchens (10.-DM Schein) anfordern: 
Nr.6 (Startbahn-West-Nummer), Nr.7 (u.a. 
Hambachcr Fest, Filme über Spanien 36), 
Nr.8 (u.a. Interview mit Augustin Souchy), 
Nr. 9 (u.a. di6 umstrittene Nummer über Na¬ 
tionalrevolutionäre), Nr. 11 (DAS i n Spanien 
etc.).